Filmkritik

„Drecksau“ - Der Mann, den Sie zu hassen lieben werden

Der Filmschauspieler James McAvoy ist die „Drecksau“. Im Interview spricht er über menschliche Abgründe und die Lust, für eine neue Filmrolle zuzunehmen und möglichst gemein rüberzukommen.

Foto: © 2013 Ascot Elite Filmverleih GmbH

James McAvoy, das ist der nette Typ aus „Die Chroniken von Narnia“ oder „Abbitte“. Aber auch einer mit Abgründen wie in „Trance“ und „Wanted“. Ein Schauspieler mit doppeltem Gesicht. In seinem neuen Film, der heute anläuft, die Irvine-Welsh-Adaption „Drecksau“, gibt er nun einen Fiesling vom Dienst - ganz ohne Verstellung. Ein Polizist, der sich mit Drogen durch die Tage deliriert, mit den Frauen seiner Kollegen schläft und jede Grenze zwischen Gesetz und Verbrechen zersetzt. Eine richtige Drecksau eben. Dabei ist der Schotte ein ganz und gar sympathischer Typ, der solch ambivalenten Rollen einfach liebt. Beim Interview im Berliner Hotel de Rome wirkt der drahtige Schauspieler ausgesprochen gut gelaunt.

Berliner Morgenpost: „Der letzte König von Schottland", „Wanted“, „Trance“ und jetzt „Drecksau“: Sie haben ein Faible für schwierige Projekte, oder?


James McAvoy: Die meisten Rollen, die ich gespielt habe, waren mit einem gewissen Risiko verbunden. Ich brauche das, um arbeiten zu können. Bei „Der letzte König von Schottland“ gefiel mir, dass die Zuschauer ihn erst mal mögen, bis er beginnt, schlechte Dinge zu tun. „Drecksau“ ist eine größere Version davon, da sage ich von Anfang an: „Ich bin schrecklich und ich möchte, dass du mich hasst, hasst, hasst!“ Und dann versuche ich, Sie dazu zu bringen, doch Sympathie für mich zu empfinden. Ich spiele auch ziemlich oft den netten Typen, das versuche ich dann zu brechen. Genau damit spiele ich, im Grunde missbrauche ich das Publikum ein wenig.


In „Trance“ und „Drecksau“ haben Sie Männer gespielt, die nicht sind, was sie auf den ersten Blick scheinen. Sind Sie selbst immer sicher, wer sie sind?

Ich glaube schon. Sicher gibt es Momente, in denen man sich selbst fremd ist, in denen man zu viel trinkt, sich anders verhält als sonst und sich fragt, warum man das tut. Aber diese Momente sind selten. Mein Familienleben gibt mir eine sichere Struktur. Aber wenn ich unterwegs bin, dann kommt es vor, dass ich vier Abende hintereinander ausgehe, und merke, das bin ich gar nicht.

Sie haben als Bäcker angefangen und waren bei der Royal Navy: War das der Versuch, dem Schauspielen aus dem Weg zu gehen?

Nein, Bäcker war einfach eine Möglichkeit, Geld zu verdienen. Da gab es Sonntagsschichten, die doppelt bezahlt wurden, und Zwölf-Stunden-Schichten. Damit konnte ich die Schauspielschule finanzieren und auch neben der Schule Geld verdienen, weil ich um vier Uhr anfangen und um zehn im Unterricht sein konnte. Bei der Navy habe ich mich eingeschrieben, weil ich gerade nichts anderes zu tun hatte. Parallel habe ich mich bei der Schauspielschule in Glasgow beworben und wurde glücklicherweise angenommen. Sonst wäre ich vielleicht heute noch in der Navy.

Für Ihre letzten Actionrollen mussten Sie eher trainieren und Muskeln aufbauen. Für „Drecksau“ sollten Sie dagegen zunehmen...


Ich sollte richtig fett werden, konnte es aber einfach nicht. Mein Körper hat sich dagegen gewehrt, ich habe mich ständig übergeben. Aber ich habe mich schlecht ernährt und viel getrunken, vor allem Whiskey, damit mein Gesicht ein bisschen aufgedunsen aussieht. Diese Rolle zu spielen, hat sich nicht gut angefühlt, aber es ist auch entspannend, mal nicht aufs Äußere zu achten. Ich konnte richtig viel Whiskey und Guinness trinken, viel Fish & Chips, McDonalds und KFC essen, damit die Haut speckig und schwitzig aussieht.


Irvine Welsh ist einer Ihrer Lieblingsautoren. Warum?

Er hat eine einzigartige Stimme, ein einzigartiges Ohr. Niemand schreibt wie er! Ich glaube nicht, dass er nur für Schottland einzigartig ist. Es ist diese besondere Art, wie er das Leben wiedergibt, die Menschen sind nicht so, wie er sie beschreibt, das ist völlig übertrieben und trifft doch den Kern, ist völlig authentisch. Seine Vision als Autor ist verdorben und zerstörerisch, doch es ist aufregend, von ihm missbraucht zu werden.

Was hat es Ihnen bedeutet, in Glasgow zu drehen?

Das hat mich meiner Heimatstadt wieder näher gebracht. Ich habe sie immer geliebt, aber es war nicht mehr meine Stadt war. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich weiterentwickelt und mich zurückgelassen hat. Als ich jetzt dort gearbeitet habe, wurde mir klar, dass es noch immer dieselbe Stadt ist, die nur eine Schönheitsoperation hinter sich hat. Aber es sind noch immer dieselben Menschen. Ich habe mir dort eine Wohnung gemietet und versuche jetzt wieder so oft wie möglich dort zu sein.

Sie haben mal daran gedacht, Priester zu werden...

Das dauerte etwa zwei Sekunden lang...

Genau wie Regisseure wie Danny Boyle, M. Night Shymalan, Martin Scorsese. Sehen Sie wie Boyle eine Verbindung zwischen Kreativität und Kirche?

Ich werde jetzt nicht sagen, was ich von der Kirche halte, aber ohne Zweifel ist Religion ein kreativer Prozess. Die Religion baut auf Geschichten auf, die Bibel ist eine einzige große Geschichte, die größte, die je erzählt wurde. Vielleicht hat es damit zu tun, dass man sich als Geschichtenerzähler davon angezogen fühlt. Das könnte schon der Grund sein, dass Danny, M. Night Shymalan und ich das einen Moment lang in Erwägung gezogen haben. In der Kirche, mit der ich aufgewachsen bin, gab es viele Geschichten und die meisten von ihnen sind ausgedacht.

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