Konzertkritik

Fleetwood Mac rattern noch einmal ihre Biografie herunter

In der Berliner O2 World spielen Fleetwood Mac erst zwölf mitreißende Lieder und bringen ihre Fans zum mitsingen. Dann fällt Stevie Nicks ein, dass sie unbedingt noch die Bandgeschichte erzählen muss.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Zwölf Songs haben Fleetwood Mac schon gespielt. Und der namensgebende Schlagzeuger, und einziges Mitglied der Band, das schon seit der Gründung 1967 dabei ist, Mick Fleetwood, hat so piratenhaft laut gespielt. Er hat so viele Trommeln und sogar einen Gong hinter sich. Mit jedem Schlag auf Snare, Hi-Hat, Tom oder Becken, entsteht ein neues Grinsen auf seinem gegerbten Gesicht. Es ist ein Vergnügen ihm zuzusehen. Das rote Tuch sitzt wie immer um den Hals, und die Hose aus Leder mit den Schnürriemen, sie geben ihm die Aura angepasster Unangepasstheit.

Lindsey Buckhingham, der Gitarrist, er ist vierundsechzig, aber man denkt, der sei vielleicht sechsundvierzig. Der hat schon fast alle Facetten von sich gezeigt. Bei „Not That Funny“ war er Joe Strummer, so wütend spielte er das. Er gab den fingerpicking Americana-Dude in „The Chain“ vom Über-Erfolgs-Album „Rumours“ von 1977. Über vierzig Millionen mal hat sich das verkauft. Er war der dienliche Unterstützer von Sängerin Stevie Nicks und im hellen Licht stehender Frontmann zugleich.

Die ganze Bandgeschichte wird noch einmal erzählt

Jedenfalls fällt Stevie Nicks nach zwölf Songs dann ein, dass sie die ganze Geschichte der Band nochmal erzählen müsste. Das macht sie wirklich. Vorher hatte sie noch so sauschön leicht schief gesungen, sich gedreht, das Kleid wehte dabei von der Zentrifugalkraft getrieben wie in Zeitlupe, sie wirkte so unperfekt wie immer, weswegen man sie ja eigentlich nur lieben kann, weil dieses Sich-treiben-lassen die Essenz von Gefühl ist.

Schließt man im richtigen Moment die Augen, ist man so verzaubert wie Agent Dale Cooer in Twin Peaks, als die blonde Dame „The World Spins“ in der Bar sang und der Glatzkopf zu Cooper kam und einfach nur „I am so sorry“, sagte, ging, und die Kamera danach die einzelnen Gesichter in Nahaufnahmen zeigte. So ein Gefühl in der O2-World ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Jeder der das gesehen hat, weiß, was das für ein Gefühl ist. Das ist so, als hätte man für eine Sekunde den Sinn des Lebens ergründet, ihn sofort wieder vergessen, im Kopf ist aber noch die Erinnerung, es kurz gewusst zu haben. So ist das manchmal mit Nicks Stimme. Aber wie sie jetzt erzählt, minutenlang, da ist das einfach weg.

Stevie Nick ist nicht auf „Spacebook“, sagt sie

Sie haben damals für Hendrix eröffnet, für Janis Joplin. Fleetwood Mac waren in San Francisco, die Labels waren in Los Angeles. Nicks war das singende Hippie-Mädchen. „Das singende Hippie-Mädchen, das eine Putzfrau war“, unterbricht Buckingham. Die ausverkaufte Halle lacht. Was auch immer. Nicks rattert wirklich die ganze Biografie runter. Damals in San Francisco habe sie ein Gedicht geschrieben und erst viel später habe sie das wiederum mit Buckingham vertont. Sie sei ja nicht online, sagt sie, nicht im Internet, und auch nicht auf „Spacebook“.

Und die Aufnahme zu der Vertonung von dem Gedicht, die sei verloren gegangen, weil irgendein Freund die Demo-Kassette wohl geklaut hatte. Aber auf Youtube, das hatte man ihr gesagt, da sei der noch. „Without You“ heißt der. Und so haben sie den wieder gefunden und aufgenommen. Für's neue Album, das irgendwann nächstes Jahr kommen sollen. Den offiziell niemals veröffentlichten Song. Als dreizehntes Stück spielen sie ihn jetzt und mit der Vorgeschichte müsste jetzt sowas überirdisch Großes kommen, wie Wagners „Walkürenritt“, die Halle müsste einstürzen, weil der Moment so gewaltig ist.

Die Leute springen von ihren Stühlen auf

Aber dann kommt nur ein Pop-Song. Ein guter, mit einer dumpfen Snare, mit einer Akustik-Gitarre, so ein Lagerfeuer-Song bei dem man sich tief in die Augen schaut, noch einen Schluck Wein nimmt und weiterknutscht bis die Sonne wieder aufgeht.

Vielleicht sollte sie nicht mehr singen, und vielleicht sollte sie's doch. Denn das sauschön leicht Schief vom Anfang, wird zum Ende der zweieinhalb Stunden dauernden Show zu einem saumäßig daneben Schief. Aber das stört keinen. Die Leute springen von ihren Stühlen auf, sie singen jede Zeile mit. „Go Your Own Way“ heißt es direkt vor der Zugabe, die mit „World Turning“ beginnt. Den eigenen Weg gehen, auch wenn's mal schief schief geht, die Welt dreht sich immer noch.