Haus am Waldsee

Wenn ein ganzes Ausstellungshaus zur Malerei wird

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Marcus Woeller

Foto: Massimo Rodari

Christine Streuli vertraut auf handwerkliche Techniken und spielt dabei gleichzeitig mit den digitalen Medien. Im Haus am Waldsee hat die Künstlerin nun ein malerisches Gesamtkonzept verwirklicht.

Jeder Mensch hat wohl seine eigenen Strategien entwickelt, mit der alltäglichen Reizüberflutung fertig zu werden. Die Radikalen werfen den Fernseher weg, schalten den Computer ein für alle Mal aus und würden nie im Leben zum Smartphone greifen. Die Begeisterten abonnieren jeden neuen Newsfeed, bloggen, twittern und tumblern auf allen Kanälen und kontern die visuelle Dauerberieselung mit eigenen Bilderfluten. Die Stoiker haben längst aufgegeben und sich der Allmacht des Bildes ergeben, versuchen allenfalls auf medialen Durchzug zu schalten.

Die Schweizer Künstlerin Christine Streuli vereint alle drei Charakterzüge in sich. Ihr radikaler Gestus arbeitet sich an der traditionsreichen Bildproduktionsgattung Malerei ab. Mit Begeisterung umarmt sie dafür kunstgeschichtliches Material, historische Vorlagebücher und die Muster, Symbole und Zeichen des kollektiven Gedächtnisses. Sie widersteht den Reizen der neuen Medien und entgegnet ihnen mit handwerklichen Techniken und Farbkontrasten – ohne digitale Bildbearbeitung und Hintergrundbeleuchtung.

Streuli ist „wie ein reifer Apfel vom Baum gefallen“

Nur den Pinsel lässt sie liegen, auch wenn sie beim ehemaligen „Neuen Wilden“ Bernd Koberling studiert hat. Ihr Handwerkszeug sind Sprühpistole, Spachtel und Quasten, Abklatschfolien und Schablonen. Im Haus am Waldsee hat die 1975 in Bern geborene Streuli nun ein malerisches Gesamtkonzept verwirklicht. Statt nur Bilder einzureichen, gestaltete sie die Räume. Sie ließ sich von der ehemaligen Zehlendorfer Villa als Wohnhaus inspirieren, tapezierte die Zimmer neu, hängte viele kleine oder einzelne riesige Leinwände auf und verwandelte das ehemals großbürgerliche Anwesen in eine Raumflucht, die ins Innere der Malerei selbst führt.

Für Katja Blomberg, die Leiterin des Haus am Waldsee und Kuratorin der Ausstellung, eine Malerei, „die in den letzten zehn Jahren einen sehr individuellen Standpunkt bezogen hat.“ Für Blomberg sei Streuli, „wie ein reifer Apfel vom Baum gefallen.“ Denn sie habe als noch junge Künstlerin in kurzer Zeit einen erweiterten Malereibegriff entwickelt, der den umgebenden Raum mit einbezieht. Im Kleinen äußert sich der dreidimensionale Anspruch darin, dass Streuli etwa auch die Seiten der Bilder bemalt, im Großen platziert sie ihre Bilder auf kontrastierenden Untergründen oder bietet ihre Hängungsvorschläge gleich als illusionistische Tapetenedition an. Besonders fasziniert zeigt sich Blomberg von ihrer handwerklichen Herangehensweise: „Streulis Arbeit mit Mustern und Techniken entspricht unserer digitalen Denkweise.“

Grenzenlose Überfülle

Tatsächlich stehen Streulis Gemälde und Raumdesigns der Reizüberflutung auf digitaler Ebene kaum nach. Grenzenlose Überfülle ist ihr Stichwort: Die Bilder bauen sich aus vielen Ebenen auf und bleiben trotz der Überlagerung von Batikmustern und Ornamenten, geometrischen Strukturen, organischen Farbverläufen und subtilen Bildzitaten flach. Angesichts ihrer Rapporte und Motivwiederholungen, fröhlichen Farben und munter eingestreuten Metaphern könnte man ihre Kunst dekorativ nennen, wenn Streuli nicht alle Regeln der Dekoration genüsslich überreizen würde. Interessiert an Werbeästhetik und Massenproduktion erweist Streuli in vielfältigen Anleihen auch der US-amerikanischen Pop-Art ihre Ehre, beispielsweise Roy Lichtenstein und Andy Warhol. Gleichzeitig tauchen die Motive aber so überdosiert, aufgeblasen oder verkleinert auf, dass Streuli ihre Gemälde an die Grenze des Kitsches manövriert. Sie spielt dabei bewusst mit den Gesetzmäßigkeiten eines Kunstbetriebs, in dem Dekor und Kitsch verpönt sind, solange sie nicht hinterfragt werden.

Im Rahmen der Berliner Ausstellungen unter dem Motto „Painting Forever!“ wird dieses Projekt zurzeit ja allerorten in Berlin probiert. In der Neuen Nationalgalerie ziehen die Maler Anselm Reyle, Thomas Scheibitz, Martin Eder und Michael Kunze gerade ebenfalls einige Register des malerischen Diskurses zwischen Abstraktion und Figuration, Kitsch und Kommerz. Mit Franz Ackermann, der in der Berlinischen Galerie seine gigantische Malerei installiert hat, teilt Streuli das Bekenntnis zu einem überwältigenden All-Over-Prinzip, dass die beiden zeitgenössischen Maler nun als Intervention in den Raum begreifen. Insofern kann die Ausstellung „Nonstoppainting“ von Christine Streuli auch als Kommentar auf die Parallelveranstaltungen in der Stadt verstanden werden. Gefahr droht ihr höchstens von inhaltlicher Seite, wenn sie ihr Bildprogramm allzu beliebig werden lässt.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, Di-Do 11-18 Uhr. Bis 5. Januar.