Deutsche Einheit

The Wanted – Einheitlicher Kreischalarm der Fans

Die Boyband The Wanted spielt auf dem Fest zur Deutschen Einheit am Brandenburger Tor. Sie sorgt für Hysterie – bei Fans in ganz Deutschland

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER / JÖRG KRAUTHöFER

Es ist kein Kreischen und Schreien zu hören. Nur ein ehrfürchtiges, ungläubiges Hauchen entweicht den Mündern der 20 Mädchen, die sich direkt am Ausgang der blickdichten Schiebetür aufgebaut haben. Kameras in die Luft gereckt, die liebevoll gemalten Plakate von sich gestreckt, die Geschenke unter den Arm geklemmt. Endlich sind sie da – The Wanted. Die britische Boyband, die vor vier Jahren aus einem Massencasting entstand und die heute als Nachfolger von Take That gilt, die Teeniestars der 90er-Jahre, die unzähligen jungen Mädchen den Kopf und die Gedanken verdreht haben.

Die fünf jungen Männer, die jetzt aus der Tür am Gate A05 in die Wartehalle schlurfen, sind müde. Die Gesichter haben sie unter Kapuzen und hinter Sonnenbrillen versteckt. Doch sie lächeln tapfer, schenken Umarmungen, verteilen Autogramme und ein paar nette Worte. „Wie geht’s?“, fragt ein Mädchen in schwarzer Lederjacke betont lässig den Sänger Nathan Sykes. „Mir geht’s gut, danke.“ Er lächelt sie an. Jede hier will mehr sein als nur ein Fan.

Auch Sarah und Nadine sind nach Tegel gekommen. Aus Kaiserslautern. 650 Kilometer sind die 18-Jährigen am Tag zuvor gefahren, um Jay McGuiness, Max George, Nathan Sykes, Siva Kaneswaran und Tom Parker ein Geschenk zu überreichen, ein selbst gebasteltes Foto-Buch. Ob die beiden schon mal was von Berlin gesehen haben? „Nein, gar nichts.“ Vielleicht sollten sie sich an ihre fünf Helden hängen. Denn die schwärmen von der Stadt. „Ich liebe diese spannende Architektur, die Berlin hat“, sagt Jay McGuiness. Und natürlich das Nachtleben. Hier sind sie ganz normale Jungs, die es wie Tausende andere lieben, die Berliner Nächte unsicher zu machen. Bei ihrem letzten Besuch haben The Wanted die Nacht im White Trash verbracht. „Es war so cool“, erinnert sich Nathan Sykes. „Und die Deutschen haben ein wirklich gutes Bier“, schiebt Jay McGuiness hinterher. „Und die Frauen hier ...“, setzt Tom Parker noch drauf.

Deutsche Einheit „schon große Geschichte“

Doch für Sarah und Nadine besteht Berlin nur aus den Orten, an denen ihre Band auftaucht. Das Flughafengate, das NH Hotel an der Leipziger Straße, wo die Jungs wohnen, das Hotel Adlon, wo sie ihre Interviews geben, und das Brandenburger Tor, wo The Wanted an diesem Abend auftreten. Dass das Fest anlässlich des Tages der Deutschen Einheit stattfindet, weiß hier kaum jemand – es gibt an diesem Tag Wichtigeres. Auch für die Band. Zwar haben sie davon gehört. „Unser Manager hat uns davon erzählt. Deutschland wurde wieder ein Land“, erzählt Siva Kaneswaran. „Das ist schon große Geschichte.“ Aber mehr auch nicht. Doch auch wenn es unbewusst geschieht, The Wanted tragen ihren Teil zum Einheitsgedanken bei: Ihre Fans kommen aus ganz Deutschland und Europa zusammen, feiern gemeinsam, ohne dass sie eine Grenze daran hindert. Anhimmeln kann verbinden.

Doch bis gefeiert wird, ist der Tag noch lang. Und es gibt eine Planänderung: Statt sich kurz im Hotel auszuruhen, wird die Band direkt zum Soundcheck ans Brandenburger Tor gefahren. Für die Fans könnte das zu einer kleinen Katastrophe werden, denn sie haben alles bis ins Detail geplant. Und von der Änderung im Ablauf wissen sie nichts. Noch ein letztes Foto, eine schnelle Umarmung, die am liebsten niemals enden müsste, dann verschwinden die Jungs hinter den getönten Scheiben der zwei schwarzen Vans.

Nur die Absperrgitter stören

Von der Bühne vor dem Brandenburger Tor am Kopf der Festmeile am 17. Juni ist Gesang zu hören. Bastian Becket, ein Schweizer Singer-Songwriter, probt mit seiner Gitarre gerade für den Abend, ein kleines Publikum hat sich auch schon an den Absperrgittern versammelt. Hinter der Bühne ist es ruhig, es ist noch früh am Tag. The Wanted ziehen sich erst mal in die Künstlergarderobe zurück. Wenigstens einmal kurz durchatmen, bevor es auf die Bühne geht. Es wird Kaffee geordert, dann geht es raus zum Soundcheck. Es muss aufgeräumt werden. Kein Fotograf darf an der Bühne stehen, keine Kamera die Proben filmen, die Jungs sind eitel.

Das Publikum vor der Bühne wird nun langsam größer. Bekannte Gesichter mischen sich darunter, Plakate tauchen auf. Die Mädchen vom Flughafen haben es doch geschafft. Pünktlich zum Soundcheck stehen auch sie auf ihren Plätzen. Und da ist es endlich: das hysterische Kreischen. Die Band ist noch nicht richtig auf der Bühne zu sehen, da beginnt es schon. Vielleicht liegt es an den Absperrgittern. Die passen ja eigentlich gar nicht an so einem Tag der Einheit. Als The Wanted dann ihren Erfolgstitel „Chasing the Sun“ singen, fängt das Publikum an zu wippen. Zwar kennen viele die Band nicht, aber das Lied haben sie alle schon mal gehört. „Ach, die sind das.“

The Wanted haben es geschafft. Doch das ist natürlich nicht immer leicht. „Wenn du mit deiner Familie unterwegs bist, ist es manchmal hart, wenn neben dir die Mädchen anfangen zu schreien. Und du willst einfach nur einen Moment Privatsphäre. Aber eigentlich ist es auch schön, denn es zeigt, dass du etwas richtig machst“, sagt Nathan Sykes.