Film „Albert Nobbs“

Glenn Close erkannte sich mit Maske selbst nicht wieder

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Thomas Abeltshauser

Foto: Roadside Attractions / Ho / picture alliance / dpa

In „Albert Nobbs“ spielt der Hollywoodstar eine Frau, die sich als Mann verkleiden muss, um zu überleben. Weil keiner den Film finanzieren wollte, hat sie ihn auch noch selbst produziert.

In den 80er Jahren war sie neben Meryl Streep die wandlungsfähigste Charakterdarstellerin im Hollywoodkino, begeisterte immer wieder mit fiesen Filmfiguren. In den letzten Jahren jedoch hat sich Glenn Close rar gemacht auf der Kinoleinwand.

Untätig war die 64-Jährige nicht, für ihre Rolle als skrupellose Anwältin in der Fernsehserie „Damages – Im Netz der Macht“ wurde sie mit Preisen überhäuft.

Nun kommt, mit zwei Jahren Verspätung, ihr Herzensprojekt ins Kino, für das sie jahrzehntelang gekämpft hat. In „Albert Nobbs“ spielt sie eine Frau, die sich im viktorianischen Dublin als Mann ausgibt, um eine Stelle als Butler zu bekommen. Wir haben mit ihr gesprochen.

Berliner Morgenpost: Sie haben diese Rolle bereits 1982 in einem Theaterstück am Broadway gespielt und seitdem versucht, den Stoff zu verfilmen. Warum hat es so lange gedauert?

Glenn Close: Damals stand ich noch ganz am Anfang meiner Karriere, da hätte ich mich noch gar nicht getraut, solche Pläne zu schmieden. Erst in den frühen neunziger Jahren fing ich an, selbst Filme zu produzieren. Aber es dauerte trotzdem eine kleine Ewigkeit. Erst 14 Jahre, nachdem ich die Filmrechte hatte, konnten wir endlich in Dublin drehen. Sie können sich gar nicht vorstellen, in wie viele Büros von Studiobossen und Filmproduzenten ich lief! Immer wieder erzählte ich, dass ich diese Frau spielen will, die als männlicher Butler im viktorianischen Irland lebt. Und keiner von denen konnte sich das vorstellen. Keiner wollte uns Geld geben.

Was hat Sie daran so fasziniert, dass Sie nicht locker ließen und am Ende nicht nur die Hauptrolle spielten, sondern auch das Drehbuch mitgeschrieben und den Film produzierten haben?

Es ist einfach eine wahnsinnig faszinierende Figur. Eine Frau, die sich als Mann ausgibt, aber nicht, weil sie transsexuell oder ein Transvestit ist. Sie nutzt die Verkleidung, um zu überleben. Sie weiß nicht viel vom Leben oder der Liebe. All das berührte mich sehr an ihr. Damals war Irland unfassbar arm, in Dublin lebten mehr Menschen auf der Straße als in Kalkutta. Und für eine Frau wie sie gab es nur die Alternative zwischen dem Leben als Hure oder in einer Lagerhalle zu arbeiten. Und wie sie lebten, leben heute immer noch viele von der Hand in den Mund und müssen sich verstellen, um zu überleben. So viele Menschen fristen ihr Dasein nur für ihren Job. Und wenn sie den verlieren, stürzt sie das in eine existenzielle Krise.

Haben Sie auch die Parallelen zwischen Alberts Situation und dem Dasein als Schauspieler interessiert? Als Star muss man ja auch einen Teil seines Privatlebens aufgeben und eine öffentliche Rolle spielen.

Nein, nicht wirklich. Ich sehe eher Parallelen zu jemandem, der eine psychische Krankheit hat und das verheimlichen muss oder wenn jemand homosexuell ist und das an seinem Arbeitsplatz nicht akzeptiert wird. Ich glaube nicht, dass es als Schauspieler wirklich notwendig ist, für die Karriere ein bestimmtes Image verkörpern zu müssen. Natürlich wird heute oft mehr über einen Auftritt am Roten Teppich geschrieben und geredet als über eine Rolle oder einen Film. Aber das ist nicht der Kern des Schauspielberufs.

Wie war es, sich äußerlich in einen Mann zu verwandeln? Sind Sie damit in die Öffentlichkeit gegangen und haben Reaktionen ausgetestet?

Das habe ich nicht, nein. Aber wir haben an etlichen Orten in Dublin gedreht, an denen auch Passanten waren. Ich muss sagen, dass mein Outfit sehr effektiv war. Aber es war auch ein langer Prozess, um die Verwandlung möglichst einfach und unaufdringlich wirken zu lassen. Das betraf vor allem Nase, Ohren und Kinn, die alle ein bisschen größer gemacht wurden, um mein Gesicht männlicher wirken zu lassen. Das war’s. Es fühlte sich gar nicht wie ein Make-Up an. Und trotzdem, wenn ich nach Stunden in der Maske in den Spiegel schaute, habe ich mich selbst nicht erkannt.

Es hätte leicht wie eine Klamotte oder eine Parodie wirken können. Wie haben Sie das verhindert?

Ich habe Albert nie als Mann verstanden, weil sie das auch nie getan hat. Ihr ging es immer darum, hinter der Verkleidung zu verschwinden. Sie hat Männer beobachtet und versucht, ihre Art zu imitieren, ihren Gang, ihr Auftreten, die Art zu sprechen. Und sie hatte als Butler den perfekten Beruf, weil er so förmlich und steif war. Als Butler durfte man seinen Vorgesetzten nicht in die Augen schauen, das kam ihr zugute. Und ich schaute mir viele Chaplin-Filme an, weil ich immer das Gefühl hatte, das Albert etwas Clowneskes hat. Die Schuhe sind zu groß, der Anzug zu lang. Und ihre Versuche, wie ein Mann zu gehen, haben etwas sehr Berührendes und Komisches. Zugleich hat sie einen Großteil ihres Lebens so verbracht, es ist wie eine zweite Haut für sie geworden. Das wollte ich zeigen.

Ihre letzte große Filmrolle liegt schon eine ganze Weile zurück: „Die Frauen von Stepford“ kam 2004 ins Kino. Natürlich spielten Sie dazwischen in der erfolgreichen Dramaserie „Damages“ die Hauptrolle. War das eine bewusste Abkehr von Hollywood oder gab es schlicht keine guten Kinorollen für Frauen Ihres Alters?

„Damages“ war eine sehr bewusste Entscheidung. Meine einzige Bedingung war, dass es in New York spielt, weil dort mein Lebensmittelpunkt ist. Ich habe immer ans Fernsehen geglaubt, lange bevor das in Mode kam. Als ich nach meinen ersten Kinofilmen Fernsehen machte, wurde ich gewarnt, das würde meine Karriere ruinieren. Und ich meinte nur: Die Engländer machen schon seit jeher beides, warum sollten wir das nicht auch können? Was macht es für einen Unterschied, solange es gut geschrieben ist? Heutzutage macht freilich jeder Kinofilme und Fernsehserien parallel. Das hat sich sehr verändert, aber für mich persönlich war es kein großer Schritt. Zugleich merkte ich natürlich, dass mir durch das lange Engagement über fünf Jahre einige Kinofilme durch die Lappen gingen, aber die Befriedigung, die mir diese intensive Zusammenarbeit brachte, war es mehr als wert.

Die Serie endete kürzlich mit der fünften Staffel. Werden wir Sie also nun wieder öfter im Kino sehen?

Ganz sicher sogar. Ich spiele in der Romantikkomödie „5 to 7“ mit, in der Marvel-Comics-Adaption „Guardians of the Galaxies“ und dem Indiedrama „Low Down“. Um meine Zukunft müssen Sie sich keine Sorgen machen.

Für Ihre Rolle als Norma Desmond im Broadwaymusical „Sunset Boulevard“ erhielten Sie den Tony Award als beste Darstellerin. Danach haben Sie lange versucht, das Stück fürs Kino zu adaptieren. Was ist aus den Plänen geworden?

Ich würde mich sehr freuen, wenn das noch klappen würde, doch die Rechtelage ist sehr kompliziert. Aber es gibt andere Stoffe, die wir gerade entwickeln. Und ich denke ernsthaft über Theater nach. Ich würde auch gerne wieder selbst schreiben. Mal sehen, was das nächste Jahr bringt.

Gibt es konkrete Pläne?

Ja. Aber ich werde mich hüten, sie hier ausplaudern. Lassen Sie sich überraschen.