Film

Wie Hannah Herzsprung um ihren Traumberuf kämpfte

Die Berliner Schauspielerin spricht über ihren neuen Film „Der Geschmack von Apfelkernen“, alte Familiengeschichten und warum sie nicht so gern über ihr Privatleben redet.

Foto: © Concorde Filmverleih 2013 / Gordon A. Timpen

Mit „Vier Minuten“ hat sie sich in die A-Liga der Filmstars hochkatapultiert. Seither ist Hannah Herzsprung eine der gefragtesten Schauspielerinnen Deutschlands. Und nicht nur da. Ab Donnerstag kommt ihr neuer Film, „Der Geschmack von Apfelkernen“, ins Kino, im Fernsehen ist sie derzeit in der zweiten Staffel der Stasi-Serie „Weissenssee“ zu sehen. Doch die Amerikaner haben sie gerade durch die US-Serie „H+“ kennengelernt. In New York hat die frisch Vermählte außerdem einen Zweitwohnsitz aufgeschlagen. Über Heimat, Zugehörigkeit und ihre Eltern hat sie mit der Berliner Morgenpost gesprochen.

Berliner Morgenpost: Frau Herzsprung, wie essen Sie Äpfel? Mit Kernen oder ums Gehäuse herum?

Hannah Herzsprung: Ich esse Äpfel immer ganz, mit allem Drum und Dran. Ich mache das seit meiner Kindheit, die Kerne schmecken ein wenig nach Marzipan.

Damit sind wir schon mitten in Ihrem neuen Film „Der Geschmack von Apfelkernen“. Kannten Sie das Buch eigentlich schon vor dem Angebot, in der Verfilmung mitzuspielen?

Ja, ich kannte das Buch schon. Ich habe es sehr gern gelesen, gleich als es herauskam. Ich habe aber nicht weiter darüber nachgedacht, bis ich dann das Drehbuch in den Händen hielt.

Hätten Sie je bei der Lektüre darüber nachgedacht, dass müsste ein Film werden? Mit Ihnen in der Hauptrolle?

Nein. Ich habe das für mich gelesen und hatte wie jeder Leser meine ganz eigenen Bilder im Kopf. Wenn ich lese, suche ich dabei nicht konkret nach Projekten, die vielleicht für mich passen würden.

Sie hätten um ein Haar das Casting verpasst.

Oje, ja. Ich bin ja eigentlich ein sehr pünktlicher Mensch, aber ich hatte mich um eine Stunde vertan. Ich bereitete mich noch vor und lernte Text, als plötzlich das Telefon klingelte und Vivian Naefe, die Regisseurin, anrief: „Wo bleibst du denn?“ Wir kannten uns da noch nicht und das war natürlich umso unangenehmer. Man will sich ja von seiner besten Seite zeigen. Aber zum Glück war das Casting gleich in der Nähe, sodass ich Vivian und meinen Kollegen Florian Stetter nur 15 Minuten warten ließ.

Kann man dann noch in Ruhe glänzen? Oder wird das Casting völlig ruiniert?

Vielleicht ist das manchmal sogar das Beste, wenn man in so eine Situation reinkatapultiert wird und sofort funktionieren muss. Die Aufregung, die einem sonst eher etwas im Wege steht, kann dann gar nicht erst aufkommen. Und am Ende habe ich die Rolle dann ja zum Glück bekommen.

Nicht nur das. Vivian Naefe hat Ihnen ein ganz großes Kompliment ausgesprochen. Sie sagt über Sie: „Sie hat eine Gabe, die nur wenige Schauspieler besitzen – sie trägt ihr Innerstes nach außen. Das kostet aber auch unfassbar viel Kraft beim Spielen.“ Müssen wir uns jetzt Sorgen um Sie machen?

Nein, auf keinen Fall. Das hat mich natürlich sehr gefreut, als sie das gesagt hat. Das ist schön, wenn das jemand von außen so wahrnimmt. Und dann auch noch so schön in Worte fasst. Ich hätte das so nicht benennen können. Ich arbeite eher intuitiv und versuche das Denken und das Kopflastige außen vor zu lassen.

Sie gehen also, wie beim Apfelessen, aufs Ganze. Aber wenn das so ein Kraftaufwand ist, woher nehmen Sie die Kraft?

Ich frage mich das manchmal auch, aber ich glaube einfach, das kommt ganz automatisch, wenn man etwas so sehr liebt wie ich die Schauspielerei. Trotzdem ist die Drehzeit oft sehr kräftezehrend. Und mein Körper sagt nach einem Drehtag meist: Jetzt reicht’s, jetzt schlaf mal lieber.

Der Film handelt von alten Familiengeschichten und wurde in einem sehr idyllischen Haus gedreht. Sie sind ähnlich behütet in einem Bauernhof zwischen München und Tegernsee aufgewachsen.

Ja, in Wettlkam. Das Dorf war so klein, dass es keine Straßennamen gab. Die Hausnummern wurden einfach dem Ort zugeordnet. Und die Telefonnummern hatten nur drei Ziffern.

Dürfen wir uns das als Heidi-Idylle vorstellen?

Schon, ja. Was ich dort wirklich genossen habe, war diese absolute Freiheit. Es gab keine Zäune, keine begrenzten Gärten, alles war miteinander verbunden, jeder Hof, über die Felder. Auch unser Haus war immer offen. Niemand hat dort je abgeschlossen.

Ihre Mutter hat Sie in Wettlkam in einen Trachtenverein geschickt. Darf man sich das so vorstellen, dass Sie Dirndl getragen und bayrische Volkstänze gelernt haben?

Ja, genau so. Auf dem Land geht es natürlich noch mal etwas traditioneller vor sich, so haben da alle Kinder mitgemacht. Meine Mutter hat uns relativ schnell im Verein angemeldet, damit wir als Zugezogene schneller Freunde finden und ein wenig in die Gemeinschaft integriert werden. Was auch wunderbar geklappt hat. So habe ich früh Trachtentänze gelernt. Und ich habe das mit großer Leidenschaft gemacht.

Sie hatten damals gar keine Ahnung, welchen Beruf Ihr Vater ausübt?

Ich wusste schon, dass er Schauspieler ist. Aber ich wusste damit überhaupt nichts anzufangen, weil ich gar keine Berührung damit hatte. Es gibt da eine Anekdote, dass meine Schwester, als wir noch ganz klein waren und unseren Vater im Fernsehen gesehen haben, hinter das Fernsehgerät gekrabbelt ist, um zu gucken, wie er da reingekommen ist. Alles was ich aus frühster Kindheit mit dem Beruf verbinde ist, dass mein Vater einfach viel unterwegs war. Wir haben ihn zwar oft beim Dreh oder auf Tournee besucht, da war es ihm aber wichtiger, zu erfahren, was in unseren Leben vorgeht. Von daher wusste ich einfach gar nicht, wie das eigentlich funktioniert was er da tut.

Wann haben Sie das dann herausgefunden?

Einmal wurde bei uns zu Hause ein Film gedreht. Da hab ich das dann hautnah miterlebt. Und bin voller Spannung pünktlichst aus der Schule zurückgeradelt, um ja nichts von dem Dreh verpassen. Ich stand da mit großen Augen und durfte zugucken...

Und dann haben Sie Blut geleckt?

Ja. Ich war damals sehr neugierig und wollte viel ausprobieren. Alle halben Jahre hatte ich einen anderen Traumberuf. Aber das hat mich total angefixt. Ein junges Mädchen in meinem Alter hat die Hauptrolle gespielt, die im Film auch in meinem Zimmer gelebt hat. Und durch sie hatte ich natürlich einen direkten Bezug dazu, auch was mein Alter betrifft. Und dann hab ich meinen Vater darum gebeten, mir doch auch mal eine Rolle zu besorgen.

Ihr Vater soll da aber gar nicht glücklich gewesen sein.

Er sagte: Nein. Aber ich habe einen sehr starken Willen. Bedingung war nur, dass ich Abitur machte, darauf bestanden beide. Meine Eltern wussten, wenn sie es mir nicht erlauben würden zu spielen, würde ich es trotzdem machen. Und als sie gesehen haben, wie sehr ich da hinterher war und dafür gekämpft habe, eine Rolle zu bekommen, fanden sie es dann auch toll und waren stolz auf mich.

War das schwierig, mit dem Namen Herzsprung? Mussten Sie sich aus dem Schatten Ihres Vaters freikämpfen?

Ja, sicher. Ich erinnere eine Situation, als ich die ARD-Serie „Aus heiterem Himmel“ drehte, hat während einer Talkshow jemand aus dem Publikum gesagt: Ist doch klar, dass du die Rolle bekommen hast, wenn dein Vater Schauspieler ist. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich habe mich da so durchkämpfen müssen, weil ich das machen wollte, auch gegen meine Eltern, das hat mich damals ganz schön verletzt.

Wie sehr Familienmensch sind Sie eigentlich?

Sehr. Familie stand bei uns immer an erster Stelle. Und das führen wir auch weiter.

Wie sehr haben Sie dann unter der Trennung Ihrer Eltern gelitten?

Ich glaube, das ist für jedes Kind schwierig. Da spielt auch Alter keine große Rolle.

Aber diese Trennung ist ja sehr in der Öffentlichkeit ausgetragen worden.

Meine Eltern haben das uns gegenüber gut kommuniziert, sehr offen und ehrlich. Und was die Öffentlichkeit angeht; meine Schwester und ich haben uns dafür nie so sehr interessiert. Wir haben uns da einfach raus gehalten. Und da haben uns zum Glück auch unsere Freunde geschützt und wenig darüber gesprochen, was in den Zeitungen stand, sodass wir gar nicht so viel mitbekommen haben. In der Zeit war ich ja in England und danach habe ich in Wien studiert – ich denke das war ganz gut, dass ich zu der Zeit einen räumlichen Abstand hatte. Die österreichische Presse hat sich dafür nicht interessiert.

Wenn Ihre Mutter dann im Dschungelcamp und im Wüstencamp auftritt, schämt man sich da ein bisschen für seine Eltern?

Meine Eltern sind meine Eltern. Sie sind immer für mich da. Und ich bin stolz auf meinen Vater, er ist ein großartiger Schauspieler. Meine Mutter schaue ich mir nicht im Fernsehen an, ich treffe sie lieber persönlich

Sehen Sie manchmal Ähnlichkeiten zu Ihrem Vater?

Oja. Dominik Graf hat mir neulich eine DVD von einer Folge „Derrick“ geschenkt, wo mein Vater ganz jung war, so in meinem Alter, und einen ganz tollen Auftritt hatte. Ich habe mich über das Geschenk sehr gefreut. Ich kannte die Folge nicht. Und so ein paar Blicke von ihm kenne ich auch von mir. Das ist natürlich sehr spannend zu beobachten.

Sie haben jetzt gerade heimlich in New York geheiratet. War das auch deshalb, damit das gar nicht erst so in die Öffentlichkeit dringt?

Sie fragen zwar sehr nett, Herr Zander. Aber darüber möchte ich nicht sprechen. Bei meinen Eltern habe ich mitbekommen, welche Nachteile ein Leben in der Öffentlichkeit mit sich bringen kann. Und ich habe mich dagegen entschieden. Ich bitte um Ihr Verständnis.

Darf ich wenigstens so weit fragen: Sie haben ja jetzt einen Zweitwohnsitz in New York, Sie sollen da inzwischen mehr Zeit verbringen als in Berlin. Sie haben auch gerade in der US-Serie „H +“ mitgespielt. Drohen Sie dem deutschen Film verloren zu gehen?

Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Ich wohne nach wie vor in Berlin und drehe ab Oktober auch wieder in der Stadt. Und auch für nächstes Jahr sind tolle Projekte in Aussicht. Ich bekomme wunderbare Rollen im deutschen Film angeboten und bin dafür sehr dankbar. Was aber in keiner Weise bedeuten muss, dass ich internationale Angebote ablehnen würde. Ich suche meine Projekte immer anhand der Bücher aus und nicht danach, aus welchem Land der Stoff kommt.