Pop in der Volksbühne

Franz Ferdinand wollen einfach nur verkorkst sein

Vor zehn Jahren spielten Franz Ferdinand in der Berliner Volksbühne das erste Konzert in Deutschland. Jetzt kamen sie zurück. Das Konzert war mehr College als Krawall, eine hüftschwingende Party.

Foto: Frank Hoensch / Redferns via Getty Images

Nach ein paar Liedern wagt Nick McCarthy einen Ausflug. Der Gitarrist hüpft von Stuhllehne zu Stuhllehne, und das sieht auch sehr sportlich aus. Bis er ungefähr bei Reihe sechs auftaucht. Da muss er gestolpert sein, jedenfalls verschwindet er für das weiter entfernt stehende Publikum irgendwo zwischen den Sitzen. Eine interessante Slapstick-Einlage, die leider an diesem Abend keine Fortsetzung finden wird. Irgendwann rappelt sich Nick McCarthy wieder hoch und schreitet tapfer zurück auf die Bühne.

Nick McCarthy ist Gitarrist der schottischen Gruppe Franz Ferdinand, die im Rahmen des Glasgow Weekend in der Volksbühne auftritt. Wobei es schon einigermaßen skurril ist, dass die vier Herren, die normalerweise Stadien füllen, in der überschaubaren Volksbühne auftreten. Am Ende des ausverkauften Konzerts wird Alex Kapranos, einer der ansehnlichsten Männer im Indie-Business, leicht nostalgisch an ihren ersten Auftritt an dieser Stelle vor zehn Jahren erinnern.

Musik, nach der die Mädchen tanzen

Das war damals ihr erstes Konzert außerhalb Großbritanniens, als die Band noch auf dem Sprung war und es auch keine ausgemachte Sache war, dass Franz Ferdinand einer der erfolgreichsten und sympathischsten Formationen der Nullerjahre werden sollte. Die vier früheren Kunststudenten geben auf intelligente wie unanstrengende Weise – eine seltene Mischung – Interviews, sind milde selbstironisch und erfüllen zu hundert Prozent ihren von Alex Kapranos formulierten Anspruch: Musik zu machen, nach der die Mädchen tanzen.

Was zu einer naheliegenden Frage führt: Wie soll das gehen? Kann ein bestuhltes Konzert mit ausgerechnet Franz Ferdinand funktionieren? Dem Trend zum Sitzen, ohnehin eine der bedenklichsten Entwicklungen des Popgeschäfts, zu folgen, hat bei den todessehnsüchtigen Liedern von Dillon an gleicher Stätte beispielsweise gut geklappt, bei Yo La Tengo vor einigen Monaten schon weniger gut und bei Franz Ferdinand konnte das einfach nicht hinhauen. „Was ist das denn? Wie soll ich hier denn die ganze Zeit sitzen?“ hat eine Frau beim Eintritt in den Saal gefragt und das beantwortet sich beim Auftritt Franz Ferdinands nach wenigen Sekunden von selbst, als die ersten Reihen nach den ersten Takten aufspringen und die Menschen der nachfolgenden Sitzreihen sich wie eine Welle erheben.

Stoisch, als warte man auf den Bus

Es sei immer großartig, hatte Bassist Bob Hardy vor ein paar Jahren in einem Interview gesagt, wenn ein Konzert „haarscharf an einem Krawall“ vorbei schlittere. Abgesehen davon, dass diese Aussage von Mister Hardy nur bedingt glaubwürdig ist, macht er doch den gesamten Abend einen so unbeteiligten Eindruck, als warte er hier eigentlich nur auf den Bus, ist das Konzert weniger Krawall und mehr College. Die Herren, die man sonst auf Großveranstaltungen als entfernte Punkte wahrnimmt, stehen unmittelbar vor einem, Volkskontakt in der Volksbühne.

Und so ist alles eine freundliche, nicht aggressive, hüftschwingende Party, in der die Gitarrenband von „Walk away“ über „Do you want to“ bis „Take me out“ in knapp 90 Minuten alles runterspielen, was sie zu bieten haben – ein besonderes Konzert, zweifellos eines der besten des Jahres, an einer besonderen Stätte und für Sänger Alex Kapranos ist es ein besonderer Tag, hatte doch noch am Morgen seine Schwester geheiratet. Ein Schritt, wie er hinzufügt, dem er jeden empfehlen könne.

Was das Erstaunliche und auch das Wunderbare an der Band ist, dass sie in diesem Sommer mit „Right Thoughts, Right Words, Right Actions“ ein großartiges Album vorgelegt haben – gut zehn Jahre nach der Gründung und nach einer durchwachsenden dritten Platte, hatte man sie eigentlich nicht mehr so richtig auf dem Zettel und sie gedanklich bereits in die endlose Reihe an Popgruppen eingeordnet, die aus den guten ersten Jahren eine gesamte Laufbahn bis zur Rente machen. Die Wende, hat Alex Kopranos mal erzählt, haben sie geschafft, nachdem die Bandmitglieder lange darüber nachgedacht haben, was das Besondere an ihnen sei. Verkorkstheit, das haben sie festgestellt, sei ihr Markenkern. Und so wollen sie bleiben – verkorkst.