„Sommernachtstraum“

Komische Oper entführt auf Friedhof der Kuscheltiere

Der lettische Regisseur Viestur Kairish zeigte Benjamins Brittens „Sommernachtstraum“ zum Saisonauftakt an der Komischen Oper. Sein Deutschland-Debüt ist ziemlich gruselig und auch nicht jugendfrei.

Foto: Soeren Stache / dpa

Irgendwann zerfleddert ein Liebespaar seine Teddybären, reißt genüsslich Arme und Beine aus, dann die Köpfe ab. Es ist unangenehm zu sehen.

Normalerweise werden die ersten Beziehungen in der frühkindlichen Phase erlernt, mit entsetzten Eltern im Hintergrund. Und normalerweise gehört das Therapeutische nicht zu Shakespeares berühmter Komödie um Elfen, Trolle und raubeinige Handwerker.

Die Komische Oper hat sich zum Saisonauftakt den „Sommernachtstraum“ mit der Musik von Benjamin Britten vorgenommen. Seine Oper ist jetzt gut fünf Jahrzehnte alt und nach wie vor ein schwierig zu inszenierendes Musikstück. Diesmal landet es auf dem Friedhof der Kuscheltiere. Was alles andere als komisch ist.

Einschlägige Horrorfilme

Der lettische Regisseur Viestur Kairish, hierzulande noch ein Unbekannter, gehört zu den wenigen seiner Zunft, die öffentlich zugeben, dass sie Shakespeare beim ersten Lesen nicht verstanden haben. Irgendwie ehrt es ihn.

In seinem Deutschland-Debüt setzt er ganz auf seine eigene Fantasie. Da Kairish gleichermaßen in der Film- und in der Theaterregie ausgebildet wurde, ist ein bizarrer und durchaus verführerischer Stilmix aus einschlägigen Horrorfilmen und derbem Volkstheater entstanden.

Und mittendrin sind die Teddybären, die kuscheligen Monster. Sie werden geknuddelt und gequält, müssen sexuelle Dienste leisten und werden irgendwann begraben. Das Ganze nennt man üblicherweise Kindheit, in der Komischen Oper aber eben einen Sommernachtstraum.

Eine unwirkliche Berglandschaft

Die Albtraumhandlung spielt sich in einer unwirklichen Berglandschaft ab, eine Art steinernes Herz, in das ab und zu von außen Impulse wie Blätter und Schneefall kommen. Es ist eine ganz eigene Poesie. In dieser Seelenlandschaft tauchen sie auf, der greise Feenchor mit seinen hellen Kinderstimmen, die tolpatschigen Erwachsenen in Kinderklamotten, die grotesken Handwerker und der schillernde Feenkönig als Spielmacher. Wobei David DQ Lee als Oberon durchaus Mühe hat, sich mit seinem vibratogestützten Countertenor in diesem Breitwandepos durchzusetzen.

Das Zaubermittel sorgt für die Exzesse, die Kairish in ihrer theatralischen Geilheit auskostet. So erhält der Handwerker Zettel, nachdem ihn Puck in einen zotteligen Esel verwandelt hat, einen riesigen Schwanz angehängt. Der hängt allerdings nicht hinten, sondern vorn und bekommt in Kairishs Inszenierung große solistische Aufgaben zugeteilt.

Zettel-Darsteller Stefan Sevenich hat dem Konkurrenten einen donnerfreudigen Bass entgegenzusetzen. Er ist überhaupt einer der besten Akteure im gruseligen Märchenspiel. Wie intensiv sich die verzauberte Titania um Zettels Gemächt kümmert, das ist nicht mehr jugendfrei. Dieser „Sommernachtstraum“ bleibt für Familien mit Kindern ungeeignet. Da hilft kein Kuscheltier.

In traumatischem Gleichmut

Benjamin Brittens Oper „A Midsummer Night’s Dream“ wurde 1960 beim Aldeburgh Festival uraufgeführt. Es verfügt über einen zutiefst britischen Musiktheater-Geist, aber es zeigt neben „Peter Grimes“ und „Albert Herring“ doch auch seine Schwächen. Es hat eben nicht die gleiche musikalische Sogwirkung, sich in die Handlung ziehen zu lassen, mitzufiebern.

Dagegen kämpft Kristiina Poska am Pult des Orchester der Komischen Oper unzureichend an. Die Kapellmeisterin des Hauses geht voller Klarheit und Akkuratesse durch die Partitur hindurch, was der munteren Solistenschar auf der Bühne entgegen kommt. Darstellerisch führt das Traditionshaus des Regietheaters wieder seine Perfektion vor. Poska nimmt dafür das Tempo raus, was aber leider auf Kosten der Farben, der Zwischentöne, der schillernden Stimmungen geht. Sie hat sich selbst vom traumatischen Gleichmut der Inszenierung fangen lassen.

Applaus für den Regisseur

Aber auch der Regisseur muss irgendwann gegen die pubertäre Friedhofsstimmung mit und ohne Kuscheltiere ankämpfen. Im dritten Akt, spätestens wenn die Handwerker vorm Fürstenpaar ihr todessehnsüchtiges Theaterstück aufführen, wird es noch einmal so richtig bunt und grotesk.

Es ist die hohe Zeit für altgediente Komödianten wie dem tenorquiekenden Peter Renz als Flaut oder Hans-Martin Nau als Schnock. Auch die beiden verwirrten, therapieanfälligen Liebespaare sind mit Tansel Akzeybek (Lysander), Annelie Sophie Müller (Hermia), Günter Papendell (Demetrius) und Adela Zaharia (Helena) gut besetzt.

Nicole Chevalier setzt als Elfenkönigin Titania auf das Schrille, Überdrehte. Der Kinderchor klingt dagegen zauberhaft unschuldig – so als Greisenchor. In diesem „Sommernachtstraum“ passt keiner zu dem, was er ist. Am Ende bekommen alle Beteiligten freundlichen Premierenapplaus, selbst der Regisseur.

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