Philharmoniker

Dirigent Alan Gilbert rudert, schwimmt und tanzt am Pult

Dirigent Alan Gilbert machte noch vor ein paar Wochen mit seinen New Yorkern keinen besonders glücklichen Eindruck im Konzerthaus. Nun wirkt er als Gast bei den Berliner Philharmonikern plötzlich wie ein strahlender Gewinner.

Foto: awa rh / dpa

Gastdirigieren bei den Berliner Philharmonikern kann so schön sein. Wenn sie einen mögen. Der Amerikaner Alan Gilbert hat dieses Glück. Die Musiker vertrauen sich ihm an, lassen ihn aus dem Vollen schöpfen. Servieren ihm ihr Jahrzehnte lang gewachsenes Wissen über Komponisten und Werke auf dem goldenen Tablett. Gilbert, der noch vor ein paar Wochen mit seinen New Yorkern keinen besonders glücklichen Eindruck im Konzerthaus hinterlassen hat – dieser Gilbert wirkt plötzlich wie ein strahlender Gewinner. Stolz und Freude sind ihm ins Gesicht geschrieben, als er vor die Musiker tritt.

Mit ausladenden Taktbewegungen lenkt er sie durch Witold Lutoslawskis 4. Sinfonie. Er rudert, schwimmt, er tanzt umher. Schwingt seine Arme als wären sie prächtige Flügel. Übt sich sogar in fernöstlicher Kampfkunst. Was dabei an Klang aus dem Spitzenorchester herauskommt, ist höchst beachtlich. Im Vergleich zur trockenen, didaktischen 2. Sinfonie aus der Vorwoche – als Philharmoniker-Chef Simon Rattle die Partitur äußerst engagiert und prägnant durchkämmte und dennoch der Nachgeschmack einer Pflichtübung blieb – entfaltet sich bei diesem späten Lutoslawski kontemplative Gelöstheit, waltet wohltuende Altersmilde.

Zehetmairs Raubeinigkeit polarisiert

Thomas Zehetmair, der Solist des Abends, zerstört diese andächtige Atmosphäre allerdings umgehend. Mit heiserem, nervösem Geigenton schneidet er in Leoš Janáčeks wenig bekanntes Violinkonzert. Zehetmairs bevorzugte Körperhaltung beim Spielen ist das angestrengte Hocken auf einem imaginären Schemel. Währenddessen traktiert er sein Instrument, dass es vor Schmerzen kreischt. Keine Frage – Zehetmairs Raubeinigkeit polarisiert. Doch eines muss man ihm lassen: Er bindet die Aufmerksamkeit so stark, dass man sich hinterher gar nicht mehr erinnern kann, wie gut eigentlich die Philharmoniker gespielt haben. Freundlicher Applaus danach, aber offenbar nicht genug. Zehetmair zieht ohne Zugabe wieder ab.

Viel Sitzfleisch fordert dann die zweite Hälfte. Knapp eine Stunde Bartók. Der komplette „holzgeschnitzte Prinz“. Ein märchenhaftes Tanzspiel in einem Akt, konzertant dargeboten. Gilbert hat seine Hausaufgaben gemacht. Er treibt die Philharmoniker an den richtigen Stellen an. Verfügt über langen Atem, über beeindruckende Kondition. Doch man merkt auch, dass sich die Musiker bei Bedarf von Gilberts aufputschendem Ganzkörperdirigat nicht stören lassen. Wenn sie superfeine impressionistische Farben auftragen, mal ganz zart schwelgen wollen. Gut möglich, dass Gilbert diesen „holzgeschnitzten Prinzen“ gern markanter gehabt hätte. Doch die Entscheidung liegt letztlich bei den Philharmonikern. Und die zelebrieren sanfte, edle Klangkultur zum Zurücklehnen. Wo immer es die Partitur zulässt.