Kleinkunst

Geschwister Pfister - Berlins schrillstes Trio wieder zusammen

Zuletzt sind sie eher auf Solo-Spuren gewandelt. Nach längerer Pause treten die Geschwister Pfister jetzt endlich wieder zusammen auf. Bei Toni, Ursli und Fräulein ist von Abnutzung keine Spur.

Foto: Martin U. K. Lengemann

Man muss nicht lange suchen. Schon auf der Straße ahnt man, in welchem Haus die Geschwister Pfister wohnen. Vom Balkon weht nämlich weithin sichtbar eine Schweizer Flagge. In der Diele steht dann ein Porzellanbernhardiner, überall hängt Hirschgeweih. Im Wohnzimmer hängt eine Kuckucksuhr, die sich alle halbe Stunde meldet, und eine riesige Kollektion von Kuhglocken. Und überall stapelweise CDs und Schallplatten mit dem Schlagerliedgut der sechziger, siebziger Jahre. Ja, genauso urig haben wir uns das Schlagerkabarett-Trio privat vorgestellt. Wobei natürlich nur zwei der Pfisters, Toni und Ursli bzw. Tobias Bonn und Christoph Marti, hier wohnen. Andreja Schneider, die das Trio als Fräulein Schneider vervollständigt, treffen wir aber gleich unten auf der Straße. Das erweist sich als Segen. Sie hat nämlich einen Schlüssel zum Hauslift. Und es geht ziemlich weit nach oben.

Die Croissants, die ich mitgebracht habe, werden dankend angenommen, dann aber nicht angerührt. Das jüngste Programm der Geschwister, „Wie wär’s, wie wär’s?“, hatte seine Uraufführung in Zürich. „Jetzt hat es aber“, sagt Tobias Bonn alias Toni, „doch schon zwei Monate gelegen.“ Und, fügt Christoph Marti an, „wir haben auch zwei Monate gelegen, am Strand.“ „Das merkt man jetzt“, ergänzt das Fräulein in der Mitte, „am Rockbund.“ Proben sind wohl immer die beste Diät. Da vergisst man schon mal die Nahrungsaufnahme. Und verliert ein paar Pfund. Die sind dann aber bald wieder drauf. Bis zur Berlin-Premiere am 5. September in der Bar jeder Vernunft, sozusagen die künstlerische Heimat der Drei, müssen sie jetzt halt noch etwas proben. Auch um wieder in die Kostüme zu passen. So wie sie das erzählen, ist das selbst eine kleine Kabarettnummer, in der sie sich gegenseitig die Bälle zuspielen. Nach fast 20 Jahren Geschwister Pfister funktioniert das reibungslos.

Ein Trio auf Solo-Abwegen

So ganz selbstverständlich ist das nicht. In der letzten Zeit haben sich die Pfisters ein wenig rar gemacht. Schon vor 13 Jahren schockte das Berliner Singkabaretttrio seine Fans mit einem Abschiedsprogramm. Sie haben dann doch nicht aufgehört, haben immer mal wieder eine Show entwickelt. Das letzte ist aber schon Jahre her. Inzwischen sind alle drei auch solo unterwegs. Christoph Marti, der Paradiesvogel der drei, als Musical-Größe etwa in „Hello Dolly“ in Bern oder „Die Csárdásfürstin“ in Köln (selbstredend immer in der Titelrolle). Tobias Bonn hat im Berliner Schlossparktheater und an der Wiener Volksoper gespielt und Regiearbeiten in Göttingen und Osnabrück übernommen. Und Andreja Schneider war im Hebbeltheater und an den Kudamm-Bühnen und ist seit 2008 regelmäßig mit Katharina Thalbach in der Bar jeder Vernunft zu sehen, als „Zwei auf einer Bank“.

Hat sich das schrillste Dreigestirn Berlin überlebt, haben die Geschwister ausgepfistert? Iwo. Alle drei schütteln energisch den Kopf. Es stimmt, gibt Tobias Bonn zu, „zehn Jahre lang haben wir jedes Jahr eine Show nach der anderen gemacht. Das ist aber auf Dauer nicht gesund.“ „Das hätte sich“, meint Andreja Schneider, „auch irgendwann erschöpft, dann geht man sich nur noch an die Gurgel.“ Man kenne das von anderen, „die stehen abends immer gemeinsam auf der Bühne und sprechen privat kein Wort mehr miteinander, oder nur noch über Anwalt“, ergänzt Christoph Marti. Genau das aber wollten sie nicht. Deshalb nehmen sie immer auch mal wieder Pause von einander. Das, sind sich alle drei einig, sei auch wieder sehr befruchtend: „weil man sich ständig neu begegnet.“

Lügen, dass sich die Alpen biegen

Wer die Geschwister kennt, weiß, dass sie zuweilen lügen, dass sich die Alpen biegen. Die Geschichte ihrer Kunstfiguren ist von Anfang an eine gekonnt ins Absurde getriebene Übertreibung. Und so ganz weiß man nie, wo das Augenzwinkern eigentlich aufhört. So viel immerhin: Auf der Bühne haben einmal Toni Pfister und Fräulein Schneider geheiratet, in Wahrheit aber sind Tobias Bonn und Christoph Marti ein Paar. Und leben und arbeiten seit 20 Jahren zusammen. Ist das nicht manchmal zu viel Nähe?

Erstaunlicherweise meldet sich jetzt zuerst Andreja Schneider. Sie kenne überraschend viele Paare, die lange zusammen sind und zusammen arbeiten. Das können die beiden Herren nicht bestätigen. Und ja, ab und an gebe es auch schon mal Krach, gibt Tobias Bonn dann doch zu, aber nicht lange: „Das scheint ja irgendwie zu klappen seit 20 Jahren.“ Überhaupt ist ihnen das Familiäre ganz wichtig, insofern ist die Idee der Geschwister ja auch nicht ganz aus der Luft gegriffen. Zur Familie gehört nicht nur das Fräulein, sondern auch der kongeniale Jo Roloff mit seinem Musiktrio. „Das gibt mir“, sagt Marti, „manchmal einen richtigen Kick, wie gut das klappt mit uns.“ Kurze Pause, dann ein sardonisches Grinsen: „Und dann gibt es wieder drei mal am Tag Momente, wo ich denke, das halte ich alles nicht aus.“ Und alle drei lachen.

Schlagerstars in Ralph Siegels Taverne

In „Wie wär’s, wie wär’s?“ schlüpfen die Pfisters diesmal, trotz ihres Schweizer und kroatischen Zungenschlags, in die Rollen einer deutschen RuhrpottFamilie der fuffziger Jahre, die es dahin treibt, wonach sich das ganze Wirtschaftswunderland sehnte: nach Italien. Sie nehmen selbstredend allerlei Schlagergut mit auf die Reise. In der zweiten Hälfte aber lassen sie die Pfisters Pfister sein. Ein gewisser Ralph Siegel hat ihnen einen Geheimtipp gegeben, eine Taverne, in der seine besten Freunde sich treffen. Und da verwandelt sich das Trio dann in Katja Ebstein, die Kessler-Zwillinge oder Cindy & Bert. Wer Marti & Bonn zuletzt als Mireille Matthieu und Peter Alexander erlebt hat, weiß, worauf er sich da freuen kann. Auf die Art kann man der Pfister-Mär treu bleiben und sich doch immer wieder neu erfinden.

Bar Jeder Vernunft, Schaperstr. 24. Tel.: 88 56 92 10. Vom 4. September bis 28. Oktober, Mi-Sa 20 Uhr, So. 19 Uhr.

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