Filmfestspiele

Abgelehnt zu werden, kann auch ein Segen sein

Am Mittwoch starten die Filmfestspiele in Venedig. Mit dabei ist auch ein Berliner Regie-Debütant: Rick Ostermann stellt hier seine „Wolfskinder“ vor, inspiriert von der eigenen Familiengeschichte.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Feste soll man feiern, wie sie fallen. Und am Ende ist das Alter eine reine Frage der Perspektive. Das Filmfest in Venedig, das am Mittwoch beginnt, feiert in diesem Jahr seine 70. Ausgabe.

Dabei ist es gerade einmal ein Jahr her, dass man seinen 80. Geburtstag beging. 1932 wurde mit „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ die erste Mostra eröffnet, damals noch auf der Terrasse des ehrwürdigen Excelsior-Hotels. Auch mit der Zwangspause während der Kriegsjahre ist Venedig damit das älteste Festival der Welt und Leiter Alberto Barbera kann in seinem zweiten Amtsjahr gleich das zweite runde Jubiläum zelebrieren.

Ein Geschenk hat sich die Biennale gleich selbst gemacht: eine Kompilation von 70 Kurzfilmen, inszeniert von 70 renommierten Venedig-Veteranen wie Bernardo Bertolucci, Walter Salles und Paul Schrader. Der Titel, „Venezia 70 – Future Reloaded“ suggeriert einen zweckoptimistischen Blick in die Zukunft.

Den kann sich das Festival auch erlauben, wenn die klangvollen Namen im Programm ein Indikator für das erstarkte Profil sind. Im Wettbewerb finden sich Altmeister wie Stephen Frears, Terry Gilliam und Hayao Miyazaki, der japansiche Disney (allesamt 72 Jahre alt) ebenso wie die Wunderkinder Xavier Dolan, der mit 23 Jahren bereits seinen vierten Film präsentiert, und der 35-jährige James Franco, der nach der Berlinale und Cannes nun in Venedig mit „Child of God“ seinen A-Festival-Hattrick als Regisseur hinlegt.

Wer über den roten Teppich laufen wird

Und auch an Stars wird es auf dem Lido nicht mangeln, ob George Clooney und Sandra Bullock, die am Mittwoch zum Eröffnungsfilm „Gravity“ über den roten Teppich laufen werden, Scarlett Johansson (in „Under the Skin“) oder Judi Dench („Philomena“). Und Christoph Waltz wird in Gilliams „The Zero Theorem“ beweisen müssen, ob er auch ohne Tarantino einen Hollywoodfilm tragen kann.

Auch fürs deutsche Kino ist es ein starker Jahrgang. Im Wettbewerb läuft Philip Grönings „Die Frau des Polizisten“, ein 175-minütiges Kammerspiel über die Konflikte einer junge Kleinstadtfamilie. Mit 230 Minuten noch eine Stunde länger ist „Die Andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“, Edgar Reitz’ Fortsetzung seines „Heimat“-Epos, die er außer Konkurrenz präsentiert.

In der Sektion Venice Days zeigt die Filmemacherin J. Jackie Baier den Dokumentarfilm „Julia“ über eine Transsexuelle aus Litauen, die in Berlin trotz Einser-Abitur und Diplomabschluss als Prostituierte arbeitet. Ebenfalls aus Berlin kommt der Spielfilm „Wolfskinder“, das Regiedebüt von Rick Ostermann, das in der Reihe Orrizoni Weltpremiere feiert.

Wahrlich kein leichter Stoff

Für den 35-jährigen war es am Ende ein Glück, abgelehnt zu werden, wie er beim Gespräch in einem Straßencafé im Prenzlauer Berg verrät. Mehrmals hatte sich der Wahlberliner vor Jahren an den Filmhochschulen von München bis Berlin beworben, aber keine wollte ihn. Also hat er sich hochgearbeitet, vom Büropraktikanten bei Tom Tykwer bis zum gefragten Regieassistenten. Und hat so bei Kollegen wie Matthias Glasner und Lars Kraume den Beruf von der Pike auf gelernt, während seine Altersgenossen noch die Schulbank drückten.

Jetzt hat er seinen ersten eigenen Film gedreht und ist damit prompt nach Venedig eingeladen. Der Wahlberliner hat sich keinen einfachen Stoff ausgesucht. „Wolfskinder“ handelt von zwei Brüdern, die im Sommer 1946 aus dem sowjetisch besetzten Ostpreußen durch Wald und Wiesen nach Litauen fliehen und sich dabei aus den Augen verlieren.

Acht Jahre hat er an dem Stoff gearbeitet, inspiriert von der eigenen Familiengeschichte. Seine Mutter ist als kleines Mädchen mit ihren Eltern aus Ostpreußen geflüchtet, erst Jahrzehnte später ist sie mit ihrem Mann und dem damals zehnjährigen Sohn im Wohnwagen zurück. Eine Reise, die Rick Ostermann nachhaltig beeindruckt hat. Er begann zu recherchieren und stieß auf Studien über die sogenannten Wolfskinder, verwaiste Kriegsflüchtlinge.

Warum tut man sich sowas an?

Geredet wurde darüber in der Familie nicht viel, eine Erfahrung, die Ostermann auch bei den Recherchen machte. Kaum einer der Flüchtlinge wollte über die traumatischen Erlebnisse berichten. „Es war sehr schwer, Zeitzeugen zu finden, die bereit waren, darüber Auskunft zu geben. Ich habe wirklich viele Briefe geschrieben. Aber es kam kaum etwas zurück.“ Bis er in Süddeutschland eine Frau fand, die ihm ihre Geschichte erzählte. „Sie sagte, sie redet nur dieses eine Mal über diese Zeit, danach will sie nie wieder daran erinnert werden.“

Es ist ein recht dialogarmer Film über Kinder in der Natur, der an die großen Kinomystiker Andrei Tarkowski und Terrence Malick erinnert. Ein historisches Epos, gedreht unter prekären Bedingungen in Litauen – warum tut er sich das an? „Ich hätte natürlich auch was über Jugendliche in Berlin Mitte machen können“, scherzt er, aber gerade trotz aller Einwände siegte bei ihm das „Jetzt erst recht!“ Ostermann erzählt diese Fluchtgeschichte souverän und mit einem bemerkenswerten Blick für Kontraste. Die Bedrohung im Film ist existenziell; hier spielt keiner Räuber und Gendarm, hier geht es ums nackte Überleben.

Die Angst vor der Premiere

Sein Film zeige nur einen Teil der Realität, weil vieles so extrem war, dass es keiner sehen will, glaubt Ostermann. Trotzdem scheut er nicht vor einem drastischen Ende zurück. Als politischen Kommentar will er seinen Film allerdings nicht verstanden wissen, ihm geht es um das Trauma, das die unschuldigen Kinder erfahren mussten. Trotzdem sieht er in seiner Generation eine neue Auseinandersetzung mit den Gräueln des Zweiten Weltkriegs und der Nazidiktatur. „Es gibt einen anderen Blickwinkel, wie auch im Mehrteiler ‚Unsere Mütter, unsere Väter’, auf die Opfer, die es auch in der deutschen Bevölkerung gab, und den finde ich sehr interessant.“

Ab Mittwoch ist Ostermann auf dem Lido, sein Film läuft gleich am Freitag. „Man überlegt natürlich schon, ob man eine Chance auf einen Preis hat“, gibt er zu. „Aber ich übe mich in Demut und freue mich riesig, überhaupt dabei zu sein.“ Ein bisschen aufgeregt ist er dann doch, denn der Jurypräsident der Sektion Orrizonti ist der US-Regisseur und Drehbuchautor Paul Schrader. „Allein zu wissen, dass der Mann, der ‚Taxi Driver’ geschrieben hat, sich meinen Film anschaut, ist schon der Wahnsinn.“

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