Regisseur

Seinen 50. Geburtstag verbringt Andreas Dresen im Gericht

Der Filmemacher Andreas Dresen ist seit mehr als einem halben Jahr Laienrichter beim Verfassungsgericht in Brandenburg - und nimmt dieses Amt sehr ernst. Sogar auf seine Geburtstagsfeier verzichtet er

Foto: David Heerde

Er ist einer, der genau hinschaut und vor schwierigen Themen nicht zurückschreckt. Das zeigt sich in Filmen wie „Nachtgestalten“ oder das Krebsdrama „Halt auf freier Strecke“, für den er im vergangenen Jahr eine Lola als bester Regisseur gewann. Das zeigt sich aber auch in seinem Engagement: Seit November 2012 ist Andreas Dresen Laienrichter beim Brandenburgischen Verfassungsgericht. Heute wird der Filmemacher 50 Jahre alt. Das ist für ihn aber kein Grund, das Gericht zu schwänzen. Peter Zander hat mit ihm gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Dresen, Sie werden 50. Ein halbes Jahrhundert: Ist das ein Einschnitt, der Ihnen Unbehagen bereitet, oder sind Sie auf Wolke Fünf?

Andreas Dresen: Also für mich ist 50 wie 49, eine Zahl wie jede andere. Aber natürlich erwarte ich einen sprunghaften Anstieg an Weisheit, Ausstrahlung und Schönheit in dieser Nacht, deswegen stürzt mich das in keine Lebenskrise.

Gab es je ein Alter, die so eine Krise verursacht hätte?

Es gab schon Zäsuren, aber das hat sich nie am Lebensalter festgemacht. Geburtstage sind für mich Feieranlässe. Aber dass man anfängt, über das Leben und die Defizite nachzudenken, das mache ich eher an anderen Momenten fest. Als ich beispielsweise „Halt auf freier Strecke“ gedreht habe. Wenn man sich mit den letzten Dingen des Lebens beschäftigt, dann betritt man zwangsläufig Räume, die man sonst lieber verschlossen hält. Und wird unter Umständen auf Dinge gestoßen, die man gern im Alltag verdrängt.

Wie werden Sie Ihren Ehrentag begehen.

Ich habe für abends eine Menge Freunde eingeladen. Ich hoffe, das Wetter ist schön. Zum Glück bin ich ja im Sommer geboren. Wobei man hierzulande auch im August losen kann. Aber die Prognosen sehen ganz gut aus. Ansonsten werde ich ganz profan im Verfassungsgericht Brandenburg sitzen. Den ganzen Tag.

Tatsächlich?

Naja, das Verfassungsgericht trifft sich nur alle vier Wochen. Und ich wusste schon lange, dass das ein Sitzungstag ist. Das macht mir aber nix. Ich stecke ja außerdem in Vorbereitungen zu meinem nächsten Film. Was kann man Besseres machen an so einem Tag? Ich kann doch nicht den ganzen Tag zuhause im Sessel sitzen und über mein Leben nachdenken. Dann mache ich lieber was Sinnvolles.

Aber gerade wenn die nächsten Dreharbeiten anstehen, muss man dann vorplanen: An dem Tag ist Gericht, da muss drehfrei sein?

Naja, Dreharbeiten kann man nicht aussetzen. Das wird auch im Oktober, November wieder der Fall sein. Wenn dann ein Sitzungstag im Gericht ist, dann bin ich halt nicht da. Wir sind neun Verfassungsrichter in Brandenburg, und das Gericht ist bereits mit sechs Richtern entscheidungsfähig. Wenn da mal jemand krank oder anderweitig verhindert ist, das muss ja auch mal passieren dürfen, dann geht das trotzdem. Das habe ich auch alles schon vorab geklärt, bevor ich mich habe wählen lassen. Aber ein Geburtstag ist natürlich kein hinreichender Grund, um zu fehlen.

Ihre Arbeit als Verfassungsrichter scheint Ihnen ja wirklich in Fleisch und Blut übergegangen zu sein.

Das ist schon etwas, was ich sehr ernst nehme. Ich mache das ja erst seit einem guten halben Jahr. Und es ist viel besser, als ich mir das bei meiner Zusage vorgestellt habe. Weil es ganz interessante Einblicke in die Lebenswelten des Landes gibt. In die Probleme von ganz normalen Menschen, aber auch in Strukturen, wie Demokratie funktioniert. Wir hatten jetzt zum Beispiel Entscheidungen, bei denen es um die Finanzierung von Kindertagesstätten ging. Oder um den Finanzausgleich der Kommunen. Da beginnt man schon, sich in Strukturen einzuarbeiten, wie so ein Gemeinwesen überhaupt funktioniert. Darüber hatte ich mir vorher nie so recht Gedanken gemacht. Das empfinde ich durchaus als Bereicherung. Und es ist auch keineswegs so, dass man nichts bewegen könnte. Dieses Ohnmachtsgefühl, das man manchmal in der Demokratie ja durchaus hat, das habe ich jetzt überhaupt nicht mehr. Verfassungsbeschwerden können durchaus zum Erfolg führen. Man kann an dieser Schnittstelle wirklich etwas für Bürger tun.

Profitiert auch der Filmemacher Dresen vom Verfassungsrichter Dresen?

Sicher. Aber nicht so, dass jetzt direkt ein Fall zu einer Geschichte wird. Eher dass ein Stück Lebenserfahrung mit in die Arbeit einfließt. Weil man eben viel über andere Menschen und ihre Konflikte erfährt. Manchmal habe ich das Gefühl, man schaut einem guten Film zu. Das ist sehr inspirierend.

Ihr nächster Film wird die Verfilmung von „Als wir träumten“ sein, Clemens Meyers Erfolgsbuch über Jugendliche in der Nachwendezeit in Leipzig. Wie sind Sie gerade auf diesen Stoff gekommen? Es ist für Sie ein eher untypischer.

Ich habe das Buch damals gelesen. Diese Art zu erzählen, die Art, wie Clemens schreibt, das finde ich für Deutschland sehr ungewöhnlich. Sehr kraftvoll, sehr sinnlich, sehr direkt – und auch ohne Scheu, in die Abgründe zu schauen. Ein Stil, der einem eher aus der amerikanischen Literatur geläufig ist. Einige Jahre lang waren die Rechte an dem Buch leider nicht zu bekommen, aber vor zwei Jahren konnten wir das dann optieren. Und ich glaube, es ist Wolfgang Kohlhaase gelungen, aus den 500 Seiten Roman eine gute Filmerzählung herzustellen. Was ja nicht ganz einfach ist.

Das ist jetzt, nach „Sommer vorm Balkon“ und „Whisky mit Wodka“, Ihre dritte Zusammenarbeit mit dem Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. Ist da eine künstlerische Symbiose entstanden, sind Sie so etwas wie der neue Gerhard Klein, mit dem Kohlhaase viele Filme gedreht hat?

Das wären große Fußstapfen! Aber Wolfgang und ich, wir sind einander sehr nah. Und haben eine ähnliche Sicht auf die Welt und die Menschen. Es gibt einen Gleichklang in dem, was wir mögen und auch nicht mögen und man muss nicht erst über Grundsätzliches diskutieren, das ist etwas ganz Wichtiges. Obwohl uns eine Generation trennt, ich werde 50 und Wolfgang ist 82, gibt es doch eine große innere Nähe, was ich gar nicht zu hoffen gewagt hätte, als ich Wolfgang vor einigen Jahren mit großer Ehrfurcht zum ersten Mal persönlich begegnete.

Ist das vielleicht sogar von Vorteil, wenn da zwei unterschiedliche Generationen zusammenwirken?

Bei diesem Projekt ja sogar drei! Das war ehrlich gesagt einer meiner Wünsche, als wir „Als wir träumten“ in Angriff nahmen. Da ist ein Romanautor, der Mitte 30 ist, aus einem bestimmten Milieu in Leipzig kommt und schon einiges an drastischen Erfahrungen mitbringt; da ist ein Drehbuchautor, der über 80 ist und von der Nachkriegszeit Berlins geprägt ist, und dann ein Regisseur, der quasi zwischen diesen beiden Generationen sozialisiert ist. Da sind Generationen beieinander, die höchst unterschiedliche Erfahrungen repräsentieren. Wir sitzen auch wirklich oft zu dritt am Tisch und diskutieren.

„Als wir träumten“ ist Ihre zweite Buch-Adaption nach Christoph Heins „Willenbrock“. Haben Sie, als versierter Drehbuchautor, je daran gedacht, einmal selbst ein Buch zu schreiben? Wäre das ein Projekt für das Alter 50 plus?

Oje. Ich bin gar kein so toller Schreiber. Das liegt wohl daran, dass das eine sehr einsame Tätigkeit ist. Ich kann ganz gut in der Gruppe fantasieren, kann dabei gemeinsam etwas entwickeln, wenn man etwa für einen Film über Improvisationen eine Geschichte erfindet. Aber das stille Rauschen des Computers empfinde ich als höchst unangenehme Herausforderung, da suche ich immer sehr schnell die erstbeste Ablenkung. Deshalb wäre ich wohl ein sehr schlechter und viel zu ungeduldiger Romanautor. Ich fürchte also, auf mich als Schriftsteller wird man verzichten müssen.