Oper

Bei Kammeroper Schloss Rheinsberg löst der Sohn den Vater ab

Dynastisches Festival: Der Schauspielregisseur Frank Matthus übernimmt 2015 die Kammeroper Schloss Rheinsberg vom Komponisten Siegfried Matthus. Der Nachfolger plant viele Veränderungen.

Foto: Martin U. K. Lengemann / Martin Lengemann

Die Kammeroper Schloss Rheinsberg ist ein Kind des Berliner Komponisten Siegfried Matthus. Das Sommerfestival hat er gleich nach der Wiedervereinigung ins Leben gerufen und geleitet.

Im kommenden Jahr feiert der Gründer seinen 80. Geburtstag und nunmehr steht fest, dass sein Sohn Frank Matthus, Jahrgang 1964, die Kammeroper ab 2015 übernehmen wird. Die Berliner Morgenpost sprach mit Vater und Sohn.

Berliner Morgenpost: Gründern fällt es eigentlich immer schwer loszulassen. Warum hören Sie auf?

Siegfried Matthus: Es gibt drei Gründe, warum es mir nicht schwerfällt. Zum einen tauchen in meinem Alter doch einige Beschwerden auf. Und ich möchte meine Zeit nutzen, um meinem eigentlichen Beruf als Komponist wieder mehr nachzugehen. Außerdem bin ich mit der Nachfolgerlösung sehr zufrieden.

Das Ganze ist schon eine Art dynastische Übergabe?

Siegfried Matthus: Der Vorschlag kam aus dem Freundeskreis der Kammeroper und von der damaligen Kulturministerin Johanna Wanka. Mein Sohn hat auch viele Erfolge im Theater und durch sein Festival in Netzeband – und damit genug eigene Verbindungen zum Ministerium nach Potsdam. Er brauchte meine Fürsprache nicht.

Frank Matthus: Wenn es eine rein dynastisch gesteuerte Familienangelegenheit gewesen wäre, dann würde ich mich dabei nicht wohlfühlen. Das Ganze geht nur, weil man mir die Leitung der Kammeroper zutraut. Meine Empfehlungen dafür sind Netzeband und meine Inszenierungen in den letzten zehn Jahren. Die Matthus-Matthus-Lösung wird in Potsdam scherzhaft auch die Klein-Bayreuth-Variante genannt. Manche werden es positiv sehen, weil es bereits eine Tradition im Land Brandenburg darstellt, andere werden es negativ bewerten, weil das ja Familienseilschaften seien. Es ist meine Aufgabe, die Zweifler mit guter Arbeit zu überzeugen.

Sie sind Komponist, Sie Schauspieler und Regisseur. Sie haben völlig unterschiedliche Wahrnehmungen von Oper. Über welche Fragen mussten Sie sich im Vorfeld der Übergabe zusammenraufen?

Frank Matthus: So unterschiedlich sind die Standpunkte gar nicht, weil ich doch durch mein Elternhaus geprägt bin. Dazu gehört das Herangehen an Oper, Theater, Kunst. Allerdings wollten meine Eltern, dass ich Dirigent werde. Dass ich als Apfel weiter weg vom Stamm fallen wollte und Schauspiel studiert habe, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass ich trotzdem regelmäßig auch Oper inszeniert habe. Wenn wir die Oper nicht verstehen als eine verstaubte Kunstform, wo der eine von links, der andere von rechts kommt und beide in der Bühnenmitte gemeinsam singen, dann geht es natürlich um schauspielerische Elemente. Um Expressivität. Das ist mein Ding.

Wie findet der Regisseur Matthus den Komponisten Matthus und umgekehrt?

Siegfried Matthus: Ich finde es gut, wie er mit den Sängern die Rollen erfindet. So kann man die Oper für heute lebendig machen.

Frank Matthus: Ich glaube, dass mein Vater als Komponist eine musikalische Sprache gefunden hat, die voller theatralischer Kraft ist und das 20. Jahrhundert überleben kann. Es gibt einen spezifischen Matthus-Klang. Seine Musik hat einen Puls, hat Harmonie und den Anspruch, sich mitteilen.

Werden Sie künftig Opern Ihres Vater aufführen?

Frank Matthus: Nein. Ich glaube, es wäre das falsche Signal, wenn ich jetzt Matthus-Opern in den Spielplan heben würde.

Das gehört bei den amtierenden Wagners in Bayreuth zum Programm.

Siegfried Matthus: Richard Wagner hat das Festspielhaus für seine Opern konzipiert. Das habe ich in Rheinsberg vermieden.

Vater hin, Tradition her: Als neuer Chef stehen Sie unter dem Druck, etwas Neues machen zu müssen?

Frank Matthus: Es gilt der Satz, wenn man will, das alles bleibt wie es ist, muss man sich ständig verändern. Das Repertoire der letzten zwanzig Jahre war stark geprägt von Mozart und der klassischen Oper. Ich möchte mehr in Richtung romantische Oper gehen, es wird Puccini, Verdi, Bizet geben. Im Heckentheater müssen es einfach große Titel sein. Darüber hinaus ist mir das zeitgenössische Musiktheater wichtig. Was heißt das heute? Erstens: das alte Opernrepertoire, das mittlerweile gern nackt auf dem Kopf inszeniert wird, um neu zu erscheinen. Zweitens: das kommerziell durchgestylte Musical, wo nicht kreativ Geschichten erfunden werden, die etwas zum Hier und Heute zu sagen haben, sondern die PR-Abteilungen aus Hits von gestern, Walt-Disney-Klangtapeten und gängigen Geschichten die Produktionen auf die Bühne wie ins Schaufenster dekorieren. Drittens: die Avantgarde, die gar nicht mehr so avantgardistisch ist und sich jedenfalls im Experiment genügt und so gut wie nie den Sprung ins Repertoire. Ich glaube, dass die Zukunft der Oper in einer Art Rückbesinnung liegt. Ich möchte gerne versuchen, jedes Jahr in Rheinsberg eine Uraufführung zu machen. Ich nenne es die „Rheinsberger Renaissance“. Dabei sollen Komponisten ermutigt werden, nicht auf Teufel komm raus modern zu klingen.

Woran sollen sich die Komponisten und Autoren orientieren?

Frank Matthus: Am Film. Dort sehe ich eine ganz große Kreativität. Der Film ist die Erfolgsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Und ich schätze Regisseure wie Fatih Akin, Leander Haußmann oder Andreas Dresen. Sie halten die klassische Drei- bis Fünf-Aktigkeit des alten Dramas viel strenger ein, als dies auf den so genannten modernen Bühnen der Fall ist. Ich denke sowieso, dass Film und Oper dichter beieinander liegen als Oper und Schauspiel. Filme arbeiten viel stärker musikalisch und brauchen einen Rhythmus. Ich suche mir die Leute, die Geschichten für die „Rheinsberger Renaissance“ erfinden. Ich verhandle bereits, kann aber öffentlich noch keine Namen nennen.

Festivalchef Siegfried Matthus hat in der Vergangenheit immer wieder öffentlich betont, dass die jungen Sänger aus aller Welt das Kapital der Kammeroper sind. Mittlerweile gibt es aber reichlich Konkurrenz durch andere Festivals.

Siegfried Matthus: Was heißt Konkurrenz? Der Markt der Sänger ist erschreckend dicht gedrängt. Es können sich nur die Allerbesten durchsetzen. Aber viele Sänger, die bei uns begonnen haben, treten heute an den großen Häusern der Welt auf. Darum geht es.

Frank Matthus: Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sänger heutzutage nur klassisches Repertoire singen möchten. Wie spannend kann es sein, mit tollen Leuten an neuen Erfindungen zu arbeiten! Und noch etwas: Sänger müssen auffallen, sonst können sie sich in ihrem Job künftig nicht mehr durchsetzen. Aufmerksamkeit für die jungen Sänger und die Kammeroper zu organisieren, wird zu meinen wesentlichen Aufgaben gehören.

Werden Sie selbst inszenieren?

Frank Matthus: Habe ich nicht vor.

Siegfried Matthus: Ich würde mir das schon wünschen, dass Du ab und an auch mal inszenierst.

Frank Matthus: Ich bin stand by, wenn es nötig sein sollte. Aber ich halte es mit den Preußen und bin lieber „ der erste Diener“ der Kammeroper. Ich will mich nicht selbst verwirklichen, sondern das Festival voran bringen.

Eine letzte Frage gilt es schon noch zu klären: Wie viele Kinder haben Sie?

Frank Matthus: Vier.