Jüdische Kulturtage

Von diesem Konzert soll in 20 Jahren noch gesprochen werden

Alan Bern und Jascha Nemtsov leiten das Eröffnungskonzert der Jüdischen Kulturtage. Unter dem Titel „Ost und West“ geht es nicht zuletzt um Berlins Rolle als kultureller Treffpunkt früher und heute.

Foto: Martin Schutt / pa / dpa-Martin Schutt

„Ost und West“ hieß eine jüdische Kulturzeitschrift, die 1901 bis 1923 in Berlin erschien und europaweit die ersten Konzerte mit jiddischer Volksmusik organisierte. Durch Zuwanderung aus Osteuropa kam es damals zu einem Aufblühen jüdischer Kultur in Berlin. „Heute ist zwar eine andere Zeit, trotzdem gibt es Parallelen zur Gegenwart“, sagt der renommierte Pianist und Musikforscher Jascha Nemtsov. „Auch heute ist Berlin wieder attraktiv, nicht nur für Juden aus Osteuropa, sondern auch für Israelis. Es gibt gute Bedingungen, jüdische Musik zu pflegen oder vergessene musikalische Schätze wieder zu entdecken“.

„Ost und West“ ist nun auch das Eröffnungskonzert der Jüdischen Kulturtage am 15. August um 20 Uhr in der Synagoge Rykestraße übertitelt. Die künstlerische Leitung des Abends teilt sich Jascha Nemtsov mit einem der wichtigsten Protagonisten des internationalen Klezmer-Revivals. Alan Bern, Jahrgang 1955, hat nicht nur mit Formationen wie Brave Old World oder The Other Europeans, sondern auch 1999 durch die Gründung des Festivals „Yiddish Summer Weimar“ zur Weiterentwicklung des Genres beigetragen.

Austausch der Musiker

Prominente Musiker, mit denen er in diesem Sommer in Weimar aktiv war, bringt Alan Bern nun auch nach Berlin mit, unter anderem das momentan angesagte Trio des amerikanischen Klarinettisten Michael Winograd oder die beiden Sängerinnen Svetlana Kundish und Sascha Lurje. Nemtsov, der neben seiner Konzerttätigkeit als Professor für Geschichte der jüdischen Musik an der Musikhochschule in Weimar lehrt, kommt mit der israelischen Sopranistin Tehila Nini Goldstein sowie der Cellistin Simone Drescher. Doch es das Konzert soll kein nebeneinander sein zwischen „Klassik“ und „Folklore“, „es wird auch zum Austausch der Musiker kommen“, erklärt Nemtsov, der 1992 aus Russland nach Deutschland kam. „Es ist schon ein Experiment, ergebnisoffen“. Für das Konzert hat der heute 49-Jährige Komponisten ausgewählt, die im Berlin der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts versuchten, einen speziell jüdischen Stil zu entwickeln. Etwa Joachim Stutschewsky (1891-1982) oder Jakob Schönberg (1900-1956), die bewusst Elemente aus Synagogenmusik und Folklore aufgriffen.

Zentrum jiddischer Musik

Von Theater- und Kunstmusik über Kantorengesänge, Klezmerklänge zu hebräischen und jiddischen Liedern reichte das Repertoire, das der jüdische Plattenverlag Semer bis zu seiner Schließung 1938 veröffentlichte. Alan Bern hat mit namhaften Mitstreitern vergangenes Jahr im Jüdischen Museum an Semer erinnert. Einige Stücke aus jenem gefeierten Konzert werden auch in der Synagoge Rykestraße erklingen. Zudem Stücke von Brave Old World, die in den 90er-Jahren eine Rolle spielten, als Berlin zu einem Zentrum jiddischer Musik wurde dank amerikanischer Künstler wie Alan Bern, die in der Stadt mehr als nur einen Koffer hatten, aber auch zahlreicher einheimischer Gruppen. „Zudem entstand eine ganze Kette von Festivals, etwa ,Klezkanada’, Krakau oder in Weimar, wo Musiker sich immer wieder begegneten und gemeinsame Projekte entwickelten“, erklärt Alan Bern.

Forschung bringt neue Impulse

Den Begriff Klezmer hat er in den drei Jahrzehnten seines Schaffens immer wieder kritisch hinterfragt. So nannte die Band Brave Old World ihren Stil „New Jewish Music“. „Einfach, weil wir damals Freiraum brauchten“, so Bern. Vom Begriff „jüdische Musik“ ist er mittlerweile wieder abgekommen. „New Yiddish Music“ ist das Thema in diesem Jahr beim Festival in Weimar. Hier entstanden in jüngerer Vergangenheit viele Projekte, die später preisgekrönt wurden. „Die Workshops werden immer von Künstler-Teams geleitet, nicht von Wissenschaftlern. So liefert die Forschung Impulse für neue Projekte“, beschreibt Bern das Erfolgsgeheimnis von Weimar.

Die neue Generation, die von Brave Old World, den Klezmatics und anderen gelernt hat, bringe einen unglaublich frischen Wind in die Szene bringt, so Bern. „Das Trio von Michael Winograd ist für mich die Spitze der Entwicklung der neuen jiddischen Musik. Sehr gewagt, im Sinne der ,Radical Jewish Culture’-Bewegung, aber mit einer tiefen Verbindung zur Tradition.“ Was in der Rykestraße vorgestellt wird, sei die Zukunft der jiddischen Musik in Deutschland, erklärt Alan Bern euphorisch: „Wenn alles gut geht, wird man sich in 20 Jahren erinnern und sagen: Wahnsinn, welche Leute da an einem Abend gemeinsam auf der Bühne waren!“