Kulturtermine

Die Jüdischen Kulturtage bieten Begegnungen ohne Hemmschwelle

Vom 15. bis 25. August bieten die 27. Jüdischen Kulturtage Berlin Konzerte, eine Ausstellung, Theater und Vorträge. Viele Zuschauer schätzen aber auch die Möglichkeit, jüdisches Leben kennen zu lernen.

Ein Weltstar an der Klarinette, Giora Feidman, trifft sich mit dem Schauspieler Ben Becker zu einer Hommage an den Dichter Paul Celan. Eine Rhetorikprofessorin aus New York, deren eigentlicher Beruf „Storyteller“ ist, tauscht mit einer aus Bagdad stammenden Berlinerin Erzählungen und Lebensgeschichten aus. Avi und Omer Avital, zwei Musiker aus Israel, der eine in der Klassik, der andere in Jazz und Weltmusik beheimatet, widmen sich in ihrem Konzert den gemeinsamen marokkanischen Wurzeln. Ein renommierter Berliner Küchenchef erkundet vor Publikum mit einem Starkoch aus Israel jüdische Kochrezepte aus verschiedenen Kontinenten. Und zum Auftakt des Festivals sucht Alan Bern, ein Protagonist des Klezmer-Revivals, mit dem Konzertpianisten und Wissenschaftler Jascha Nemtsov nach Berührungspunkten zwischen jiddischen Klängen und klassisch-jüdischer Kunstmusik.

Es sind diese Begegnungen, die auch das Programm der 27. Jüdischen Kulturtage wieder reizvoll machen. Wenn Welten aufeinandertreffen, entstehen Fragen nach dem Miteinander oder nach Reibungspunkten. Und dadurch können alle Beteiligten auch bei der eigenen Kultur neue Aspekte entdecken. Dies trifft nicht nur auf das künstlerische Angebot zu. Seit vielen Jahren sind die Kulturtage auch jenseits der Bühne ein Platz der Begegnungen. Für Nichtjuden bietet das Festival die optimale Gelegenheit, jüdisches Leben kennen zu lernen. „Hier werden Hemmschwellen überwunden“, umschreibt Festival-Intendant Martin Kranz den Umstand, dass viele Besucher etwa zu einem Konzert in der Synagoge Rykestraße nicht zuletzt auch des Spielortes wegen kommen.

Lange Nacht der Religionen

Ähnlich erklärt sich der Publikumserfolg bei der Langen Nacht der Synagogen. Sie findet in diesem Jahr erstmals im Rahmen der Langen Nacht der Religionen statt. Am 17. August wollen rund hundert Kirchen, Glaubensgemeinschaften und interreligiöse Vereinigungen zum zweiten Mal ein sichtbares Zeichen für die religiöse Vielfalt Berlins setzen.

Für Facettenreichtum innerhalb des Judentums stehen die fünf teilnehmenden Synagogen, deren Ausrichtung von egalitärem Gottesdienst über liberal-konservativ zu aschkenasisch- und sefardisch-orthodox reicht. Weitere Synagogen sind zudem am 23. August bei den öffentlichen Schabbat-Gottesdiensten für Jedermann zugänglich.

Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“

Eine Ausstellung über Juden in Berlin in den Jahren nach 1945 soll zum Nachdenken über jüdische Geschichte und Identität anregen. Sie wird im Rahmen des Themenjahres „Zerstörte Vielfalt“ gezeigt, das an die Machtübergabe an die Nationalsozialisten vor 80 Jahren erinnert. Dass kulturelle Vielfalt nicht selbstverständlich ist, aus diversen Richtungen immer wieder bedroht wird, nimmt man gerade unter jüdischen Menschen mit besonderer Sensibilität wahr.

Vor diesem Hintergrund ist das Buch „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ von Arye Sharuz Shalicar nach wie vor aktuell. Der Sohn iranischer Juden wuchs im Berliner Stadtteil Wedding auf und erlebte hautnah die Judenfeindschaft von Jugendlichen mit türkisch-arabischem Hintergrund. Für die Lesung mit dem Schauspieler Dominique Horwitz kooperiert das Festival zum ersten Mal mit dem Renaissance-Theater.

Viele Angebote für Kinder

„Schau in meine Welt!“ könnte eigentlich über dem gesamten Programm stehen. Doch dieser Satz ist Titel für das Angebot für Kinder, die erstmals einen eigenen Schwerpunkt bei den Kulturtagen bekommen. Es ist ein Programm von Kindern für Kinder im Alter zwischen fünf und dreizehn Jahren. An zwei Nachmittagen vor dem Schabbat erklären Kinder in der Neuen Synagoge an der Oranienburger Straße „ihre Synagoge“, oder sie erzählen, was es mit Rosh Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest auf sich hat, das dieses Jahr bereits im September gefeiert wird.

„Judentum bedeutet Lernen“ war bereits in der Vergangenheit ein Motto des Festivals. Die Vorträge und Podiumsdiskussionen wurden hervorragend angenommen, berichtet Martin Kranz. „Gerade letztes Jahr bei David Solomon gab es einen Riesenandrang.“ Dieses Jahr kommt mit Yair Caspi der Gründer und Direktor des Instituts für Psychologie und Judentum in Tel Aviv nach Berlin. Sein Bestseller „Die Erforschung Gottes“ dient vielen Israelis geradezu als persönlicher Leitfaden. Am ersten Abend hinterfragt Dr. Caspi die Schöpfungsgeschichte: „Von dem Menschen, der versuchte, Gott zu sein und als Tier lebte“. Bei der zweiten Veranstaltung geht es um jüdische Psychologie und darum, ob man Leiden als Prüfung oder als Bestrafung verstehen kann. Allein die Fragestellung liefert Stoff für Diskussionen.

Straßenfest der Gemeinde

Lebensgefühl aus Tel Aviv wird wieder beim Berliner „Shuk HaCarmel“ auf die Fasanenstraße transportiert. Neben zahlreichen Ständen lockt das Straßenfest wieder mit Führungen durch das Jüdische Gemeindehaus. Auf der Bühne erlebt man Künstler aus der Gemeinde wie Klezmer Chidesch, Vivian Kanner und Maxim Shagaev oder Jewdysee. 12.000 Menschen besuchten das Straßenfest im letzten Jahr, längst nicht nur Berliner.

Superstar aus Israel

„Unser Publikum wird immer internationaler“, freut sich Martin Kranz. Auch bei den rund 20.000 Israelis, die in der Stadt wohnen, sei die Resonanz sehr gut, so der Intendant. „Begeistert ist man natürlich darüber, dass jetzt Shlomo Artzi kommt.“ Neun Jahre habe er sich um Israels Superstar bemüht, jetzt gibt Artzi sein offizielles Deutschland-Debüt. Die riesige Pop-Produktion in der Synagoge Rykestraße für einen Sänger, der sonst in Stadien auftritt, ist für die Veranstalter eine besondere Herausforderung.

Ähnliches gilt, schon durch die Masse der Künstler, für das Oratorium „Mose“ von Adolph Bernhard Marx mit der Berliner Sing-Akademie. Diese 1791 gegründete Vereinigung hat in ihrer Geschichte oft bewiesen, wie Singen Grenzen überwindet, nicht nur mit dem weltweit ersten gemischten Chor aus Frauen und Männern. Christen, Juden, Nichtgläubige, sie alle brachte die Liebe zur Musik zueinander.