Konzert in Berlin

Iggy Pop ist der Extremsportler unter den Rocksängern

Rund 5600 Besucher feierten am Abend in der Zitadelle Spandau ein Wiedersehen mit Iggy & The Stooges. Und immer noch geriert sich Iggy Pop (66) wie ein unerzogener, aufmüpfiger Teenager.

Foto: Dan Hallman / AP

Die Atmosphäre ist elektrisierend. In der Zitadelle Spandau stehen die Zeichen am Dienstag auf Sturm. Und das liegt nicht am Wetter. Schon früh am Abend hat das Berliner Trio Pothead die rund 5600 Besucher eingestimmt auf das Wiedersehen mit Iggy & The Stooges, jener brachialen Combo aus der Motor- und Motown-Stadt Detroit, die mit ihren drei frühen Alben Rockgeschichte geschrieben hat. Und als Iggy Pop Punkt 20.15 Uhr nach den ersten brachialen Riffs des Klassikers „Raw Power“ von 1973 auf die Bühne stürmt, ist die Menge nicht mehr zu halten.

„Dance to the beat of the living dead, lose sleep baby and stay away from bed”, spuckt der drahtige Typ mit freiem Oberkörper ins Mikrofon. Immer noch geriert sich Iggy Pop wie ein unerzogener, aufmüpfiger Teenager. Stiert provozierend ins Publikum. Wirft mit F-Words nur so um sich. Lächelt plötzlich. Und das alles wirkt mit seinen inzwischen 66 Jahren kein bisschen peinlich. „Dankeschön“, ruft er artig auf Deutsch, um mit „Gimme Danger“ einen weiteren Stooges-Klassiker von 1973 wiederzubeleben.

Iggy Pop wurde zum „Godfather of Punk“ gekrönt

Der Mann hat sich selbst erschaffen und in einer exzessiven Karriere fast wieder zerstört. Irgendwann Ende der 60-Jahre wandelte sich James Newell Osterberg, ein eher biedere Junge aus einem Trailer-Park in Michigan, zu Iggy Pop, diesem Affront auf zwei Beinen. War er gerade noch Schlagzeuger in der Band The Iguanas, stand er nun einem zügellosen Trio vor, das sich nach einer in den USA beliebten US-Komiker-Truppe The Stooges benannte. Sie waren rüde, rotzig und rebellisch. Und sie machten dabei ordentlich Krach. Iggy Pop wurde dafür später zum „Godfather of Punk“ gekrönt. Sie spielten zwischen 1969 und 1973 mit „The Stooges“, „Fun House“ und „Raw Power“ drei erst im Rückblick so großartige wie richtungweisende Platten ein und verendeten letztlich im Morast aus Drogen, Suff und Streit.

Erst 2004 kam es zur Wiedervereinigung. Und beim Berlin-Konzert in der Columbiahalle machten Iggy & The Stooges unmissverständlich klar, dass die alte anarchische Lust noch immer in ihren Knochen steckt. Inzwischen fehlt Gründungsmitglied und Gitarrist Ron Asheton. Der Mann der markanten Gitarrenriffs erlag 2009 einem Herzschlag. Und auch sein Bruder, der gesundheitlich angeschlagene Schlagzeuger Scott Asheton, ist beim Konzert in der Zitadelle nicht dabei.

Ungewöhnlich dreckiger und brachialer Stil

Nun steht Gitarrist James Williamson, der bereits beim „Raw Power“-Album zu den Stooges gestoßen war, auf der Bühne. Er spielt einen ungewöhnlich dreckigen, brachialen, bestens zum Stooges-Sound passenden Stil. Bassist Mike Watt und Schlagzeuger Toby Dammit liefern den treibenden, unnachgiebigen Untergrund für die kompakten und immer noch ungeheuer frischen Stooges-Songs. Saxofonist Steve MacKay komplettiert die Band, die Iggy Pop den lederhäutigen Rücken stärkt bei seinen irrwitzigen Eskapaden.

Gerade haben sie mit „Ready To Die“ ein neues Album veröffentlicht, und natürlich sind auch davon Stücke im Repertoire. Doch es sind die alten Hymnen, nach denen das Publikum giert. Und die es bekommt. „Search And Destroy“, „Fun House“, „I Wanna Be Your Dog“, „No Fun“. Inzwischen beginnt Iggy Pop auch wieder Hits aus seiner Solokarriere, die ihn erfolgreicher gemacht hat als es die Stooges je waren, einzuflechten. „The Passenger“ etwa von 1977, jenes Stück, das gemeinsam mit David Bowie entstanden ist, als beide für kurze Zeit in Berlin lebten.

Ein Hund der bellt, aber niemals zubeißen würde

Iggy Pop ist der Extremsportler unter den Rocksängern. Die anfangs noch geföhnten blonden Haare kleben im Verlauf des Abends vor Schweiß und Selters auf seiner nassen Haut. Er markiert den wüsten Underdog, der sich auch heute noch nichts vorschreiben lassen will, unberechenbar, aufbrausend, voll beißender Ironie. Ein Hund der bellt, aber niemals zubeißt. Das weiß auch sein Publikum, zu dem er von der Bühne steigt und das er sich für einen Song („Fun House“) auch scharenweise auf die Bühne holt. Ein durchtrainierter Mittsechziger voll unbändiger Energie.

Freilich weiß Iggy Pop inzwischen auch hauszuhalten. Er hat in den Achtzigern den Drogen abgeschworen und auch den Alkohol und das Rauchen aufgegeben. Er hat seinen vom schnellen Leben gezeichneten Körper trainiert und gestählt. Er praktiziert Yoga und Qigong. Anders ist diese selbst gewählte Bühnentortur wohl auch kaum zu bewältigen. Denn kaum steht er im Rampenlicht, erwacht in ihm diese animalische Lust am lasziven, exzessiven, Konventionen verachtenden Rock’n’Roll. Er wirft mit dem Mikrofonstativ um sich. Er schmeißt sich nach wie vor zum Stage-Diving in die Menge. Er meistert die gerade mal 50-minütige Höllentour mit bewundernswerter Leichtigkeit. Aber es gibt bis Dreiviertelzehn immerhin noch satte sieben Zugaben, darunter das treibende „Penetration“ und das derbe „Cock In My Pocket“. Das Publikum versteht die Botschaft. Einfach mal Dampf ablassen. Das Leben da draußen ist hart genug.