Literatur

Heute wollen wir baden gehen - Eine Kultur des Schwimmens

Die Hälfte aller deutschen Zehnjährigen kann nicht schwimmen. Dabei geht es um mehr als Sport, nämlich um das Eintauchen in tiefere Welten. Autoren erklären, warum wir beim Schwimmen uns selbst finden.

Foto: Daniel Karmann / dpa

Wozu muss man eigentlich schwimmen können? Um sich aus Lebensgefahr zu retten, wenn man schiffsbrüchig wird. Aber wie oft ist man in seinem Leben auf einem Schiff? Und wie oft droht das gerade dann zu sinken? Eben. Man kann ein schönes Leben leben, ohne je den Gefahren des tiefen Wassers zu begegnen.

Trotzdem, die Nachricht vom Rückgang der Schwimmfähigkeit – die Hälfte aller Zehnjährigen in Deutschland kann angeblich nicht schwimmen – gilt als alarmierend. Dabei wird heute auch viel weniger Tennis gespielt als früher, und das regt niemanden auf. Sportarten sind auch nur eine Mode, warum also diese Empörung über die neuen Nichtschwimmer?

Weil Schwimmen mehr ist als ein Sport. Es ist eine Kulturleistung. Sie zu verfeinern hat die Menschheit viel gekostet: Durchsetzungskraft, Energie, Mut. Und Zeit: Mindestens zweimal in ihrer Geschichte machte sich die westliche Zivilisation daran, eine raffinierte Schwimm- und Wasserkultur zu entwickeln. Was dabei gewonnen wurde, ist viel zu kostbar, um es einfach zu verlernen.

Mut, Körperkraft, Erotik

Und deshalb geht Lynn Sherr, die das hübscheste Schwimmbuch der Saison geschrieben hat, auch weit zurück, an entlegene historische Ufer: Den Hellespont will sie überqueren, jene Meerenge, die im Nordwesten der Türkei liegt und heute Dardanellen heißt. Sie trennt Asien von Europa und war wegen ihrer geostrategischen Bedeutung jahrhundertelang umkämpft. Vor allem aber war der Hellespont Schauplatz einer antiken Liebes- und Schwimmtragödie: Um mit Hero, einer Priesterin der Aphrodite, heimliche Liebesstunden verbringen zu können, durchschwamm der junge Leander Nacht für Nacht die Stelle, bis ihn in einem winterlichen Sturm die Wellen besiegten. Leander ertrank, und Hero stürzte sich in die Fluten, ihm hinterher.

Die antike Legende wurde zum Schwimm-Mythos, sie enthält alles, was das Schwimmen ausmacht: Mut, Körperkraft, Beharrlichkeit, Erotik und die Neigung, sich Verboten widersetzen zu wollen. Ja, Schwimmen ist auch eine radikale Tätigkeit – deshalb ließ sich Lord Byron, als er 1810 den Hellespont durchschwomm (was ihm erst im zweiten Anlauf gelang), so unerhört feiern. Was der britische Dichter selber zugab: „Ich brüste mich mit dieser Leistung mehr als mit jeder anderen Art von Ruhm, sei er politisch, poetisch oder rhetorisch.“

Die „homerische Dimension“ des Schwimmens

Als Lynn Sherr, Fernsehreporterin aus New York, an das Ufer des Hellespont schritt, die Ruinen Trojas im Blick, da traten mit ihr 431 Männer und Frauen an, Schwimmverrückte aus der ganzen Welt. Der Hellespont ist in den letzten 20 Jahren zu einem der großen internationalen Schwimmevents im offenen Wasser geworden, buchbar übers Internet. Zwar sind es an der engsten Stelle nur 1,3 Kilometer von Ufer zu Ufer, aber wegen der Strömung ist die Schwimmstrecke viel länger und nicht ungefährlich, auch wenn die Schwimmer von Beibooten begleitet und von Coaches eigens vorbereitet werden.

Und viele, die durch die Meerenge kraulen, verfügen über eine Wassererfahrung, gegen die sich selbst der besessene Byron wie ein Anfänger ausnimmt. Dabei hatte der schwimmende Dichter immerhin schon schottische Flüsse, englische Seen und den Hafen von Piräus hinter sich, als er in den Hellespont stieg, Canal Grande und Genfer See kamen bald danach dran.

Auch Sherr hat sich gut vorbereitet, für die Hellespont-Überquerung hat sie Übungsstunden genommen, Kraultechniken studiert, Schwimmveteranen interviewt und ihre Trizepse trainiert. „Schwimmen ist meine Rettung“, schreibt sie und meint damit nicht nur die Befreiung von Alltagsstress, es ist „die Gelegenheit, frei dahinzugleiten, so nahe am Fliegen, wie ich nur jemals kommen kann“.

Natürlich ist sie stolz, als ihr am türkischen Ufer nach einer Schwimmzeit von einer Stunde und 24 Minuten eine Medaille verliehen wird (was sie auch dem Umstand verdankt, dass sie mit ihren 69 Jahren als Einzige in ihrer Altersklasse gestartet ist). Doch wie bei allen, die nicht nur das Schwimmen, sondern auch seine Geschichte und seine Geschichten lieben, geht es ihr um mehr: um die epische, die „homerische Dimension“ des Schwimmens. So nennt es Charles Sprawson, auf dessen große Kulturgeschichte des Schwimmens Sherr in ihrem Buch ausdrücklich Bezug nimmt.

Nymphen im Wasser, Spaßbäder im alten Rom

Die Wasserverliebtheit, die bei der Amerikanerin Sherr so spielerisch und heiter dahingleitet, zeigt beim Briten Sprawson manisch-depressive Züge. Sherr sammelt prominente O-Töne und Bademoden ein, Schwimmstile und Seebadschlager. Sprawson widmet sich den wassersüchtigen Exzentrikern, Charakterköpfen und Dichtern. Sie schwimmt obenauf, er erforscht die Abgründe. Sherrs atlantikblaues Buch, das reizend illustriert ist und, Seite für Seite, von einer kleinen Schwimmerin durchquert wird, will man beim Durchblättern im Buchladen sofort zur Kasse tragen. Sprawsons Klassiker aber nimmt man mit ins Bett. Beide tauchen tief ein in die Antike. Dort begann der zivilisierte Umgang mit dem Wasser.

Das alte Griechenland glaubte an die heilende Kraft des Wassers, überall sprudelten Springbrunnen, im Wasser lebten Nymphen und Götter, für den Philosophen Thales von Milet lag im Wasser der Ursprung aller Dinge. Das griechische Gespür für Wasser ergänzten die Römer durch eine frühe Form der Wellness-Kultur, die sich immer neue Spaßbäder einfallen ließ. Bis zu 800 öffentliche Bäder gab es im alten Rom, darin erging man sich nicht nur in feucht-fröhlichen Lustbarkeiten, sondern sie dienten, jedenfalls hier und da, auch der sportlichen Ertüchtigung.

Die Christen mochten das Schwimmen nicht

Das Schwimmen wurde schließlich auch wegen seiner kriegerischen Qualitäten geschätzt, in der römischen Armee gab es ein Regiment schwimmender Germanen und eine Spezialeinheit von Tauchern. „Er kann weder lesen noch schwimmen“, hieß es damals von ungebildeten Menschen. Auch die Mauren pflegten den kunstvollen Umgang mit Wasser. Die Bewässerungssysteme, die sie in Spanien bauten, sind zum Teil heute noch intakt. Doch von 400 Dampfbädern der Mauren in Granada gab es, 100 Jahre nachdem die Christen die Stadt zurückerobert hatten, nur noch eins. Dem Christentum war Wasser nicht geheuer und die Lust daran pure Sünde. Weshalb die Kulturtechnik Schwimmen im Mittelalter in Vergessenheit geriet.

Mit der Renaissance fand das Abendland allmählich zum Schwimmen zurück. „De arte natandi“, von der Schwimmkunst, heißt das Lehrbuch des elisabethanischen Theologen Everard Digby, das vor allem ein Ziel hatte: die Menschen von „dem gierigen Schlund der anschwellenden See“ zu bewahren. Das Ertrinken war 1587, als das Büchlein erschien, eine verbreitete Todesart, und das blieb es (auch weil Digbys auf Latein geschriebenes Buch zunächst wenig Verbreitung fand) noch für Jahrhunderte. Erst 1878 verlangte die britische Marine von allen Matrosen den Freischwimmer.

Dichter im Baderausch

Im 19. Jahrhundert mutierte das Schwimmen vom exzentrischen Vergnügen einiger reicher Gecken zum Sport, der in ganz Europa begeisterte. Vorangegangen waren abenteuerlustige Jungaristokraten, die auf ihren Bildungsreisen ans Mittelmeer die antiken Bäder erkundet hatten. Die „Quarterly Review“ hielt damals fest: „Niemand gilt heutzutage als Reisender, der nicht im Eurotas gebadet hat.“

Das Schwimmen an historischen Orten war zunächst nur ein romantischer Spleen. Lord Byron, der etwa eine von Plinius bewunderte Quelle feierte als „süßeste Welle aus lebendigem Kristall, die je einer Flussnymphe Zuflucht bot“, ist gewiss der abenteuerlichste dieser dichtenden Schwimm-Pioniere. Flaubert, den die Sinnlichkeit griechischer Wassermythen faszinierte, sehnte sich nach einem „Wasser, das mit tausend flüssigen Brustwarzen über seinen ganzen Körper streicht“. Der Rührendste aber war Shelley, der begeistert die antiken Ruinen an der Mittelmeerküste abklapperte, mit Wonne an legendären Gestaden badete, auf einem wasserumspülten Felsen seinen Herodot las – aber es einfach nicht schaffte, das Schwimmen zu erlernen. Percy Bysshe Shelley starb im Meer bei Viareggio, mit einer Ausgabe von Sophokles in der Hand. Laut Sprawson war „dies der Höhepunkt seiner Liebesbeziehung mit dem Wasser, die ihn dazu verleitete, lieber unterzugehen als zu schwimmen“. Von einer „fornication avec l’onde“, der Unzucht mit der Welle, spricht viel später Paul Valéry (freilich ohne dabei gleich zu ertrinken).

Einmal durch den Ärmelkanal

Der erste Mensch, der den Ärmelkanal durchquerte, war 1875 Matthew Webb, natürlich ein Brite, seinen Brustschwimmstil kopierte die ganze Nation. Gut 50 Jahre später pflügte die erste Frau durch den Kanal, kraulend und so schnell, dass sie einen für beide Geschlechter geltenden Geschwindigkeitsrekord aufstellte, der 24 Jahre hielt: Gertrude Ederle, eine Amerikanerin. Im 20. Jahrhundert erobern die USA die aquatische Bühne, die Amerikaner stellen – Johnny Weissmüller, Marc Spitz, Michael Phelps – die besten Schwimmer.

In Amerika entstehen die opulentesten Schwimmtempel, das Wasser wird showtauglich – und das rückt auch die schwimmende Frau ins Scheinwerferlicht. Esther Williams, die als ganz junge Frau Rekorde erkraulte, gelingt als „badende Venus“ in dem neuen Genre der Aqua-Musicals eine Hollywood-Karriere. Und der Swimmingpool im eigenen Garten wird zum Symbol von Wohlstand und gepflegter Entspannung.

Sein strahlendes Blau hypnotisierte den Maler David Hockney, in dessen Poolbildern von Menschen oft nur Schemen und mitunter gar nichts zu sehen ist. Was eine gute Prognose war: Die meisten Pools dienen heute nicht zum Schwimmen, sie sind zum Dekor verkommen wie ein hübsches Blumenbeet. Das Wasser gezähmt und in ewigem Blau zu sehen beruhigt viele Gemüter. Andere erleben gerade am Beckenrand ihre sommerlichen Sinnkrisen, Dustin Hoffmans postpubertäres Herumhängen auf der Luftmatratze in dem Sechzigerjahre-Film „Die Reifeprüfung“ ist nur der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Filmen, in denen Pools, allen Glamours und jeder Frivolität beraubt, als eine Art Staubecken gereizter Vorstadtlangeweile dienen.

Der Pool ist nur was für Weicheier

Für den echten Schwimmer sind die zur Nierenform verkrümmten Gartenbecken sowieso nichts. Und in den städtischen Bädern verschrecken nicht nur tobende Kinder den nach Freiheit dürstenden Schwimmer, sondern auch die „dahindümpelnden Duftbojen“, wie John von Düffel die nach Siebenundvierzigelf riechenden Mitschwimmerinnen nennt.

Der Schwimmer ist ein Eigenbrötler, er hat etwas Kauziges, vielleicht sogar Autistisches, er ist der Nerd unter den Sportlern. Man hat es nicht leicht mit ihm. Und er nicht mit den anderen. „Wie Opium kann Schwimmen ein Gefühl der Distanz zum gewöhnlichen Leben hervorrufen“, hat Sprawson beobachtet. „Ich nehme dich auf meinen Rücken, vermähle dich dem Ozean“, heißt seine von von Düffel herausgegebene Schwimmgeschichte auf Deutsch, der Titel zitiert den Meeresgott in „Faust II“. Goethe hat zwar nur in der Thüringer Ilm und in Schweizer Seen gebadet, aber auch für ihn ist Schwimmen Aufbruch und Absage an kleinkarierte Konventionen – wenngleich ihm das kalte Wasser auch half, so manche „Phantaseyungen“ zu ersäufen. Wie Schreiben sei das Langstreckenschwimmen eine „monomane Angelegenheit, eine Verabredung nur mit sich selbst“, sagt John von Düffel, der Dauerkrauler unter den deutschen Schriftstellern, „kein Mensch hilft dir, keiner sagt dir, wann du fertig bist, du musst alles alleine zu Ende bringen.“

Ein Sport für Exzentriker und Autisten

Auch Sprawson sieht den Schwimmer als einen Menschen, „der seine Bahnen fern und losgelöst vom täglichen Leben zieht. Er widmet sich einem Sport, bei dem der größte Teil seines Körpers unter Wasser und mit sich selbst beschäftigt ist.“ Für Sprawson ist das ein Grund, warum vor allem Exzentriker und Introvertierte das Schwimmen so sehr lieben, ja, er überlegt sogar, ob der Umstand, dass der Schwimmer so sehr auf sich selbst konzentriert ist, dazu führt, dass er „leicht zum Opfer von Wahnvorstellungen und Neurosen werden kann, weit eher als andere Athleten“. Fallbeispiele für diese These bietet Sprawson in seiner Ahnengalerie schwimmender Exzentriker genug.

Es liegt eben nicht nur am Wasser, dass Schwimmen so gefährlich ist. „Was bleibt, ist die tiefe Befriedigung, unterwegs nicht ertrunken zu sein“, spottet von Düffel, der sich selbst zu den asozialen Schwimmern zählt, aber einmal eine Erfahrung der anderen Art machte: In Basel war das, wo die Leute an heißen Tagen in den Rhein gehen und dann in Grüppchen durch die Fluten treiben, miteinander schwätzend und lachend in einer aufgekratzten Sorglosigkeit, die von Düffel geradezu unheimlich vorkam. So aber geht es bis heute im Sommer in Basel zu: Man legt sich auf den Rhein und hat Spaß. Doch das ist dann nicht mehr schwimmen, sondern geschwommen werden. Eine ganz andere Geschichte. Allerdings auch nichts für Nichtschwimmer.

Lynn Sherr: Swim. Über unsere Liebe zum Wasser. Aus dem Englischen von Andreas Simon dos Santos. Haffmans & Tolkemitt, 251 S., 19,99 Euro.

Charles Sprawson: Ich nehme dich auf meinen Rücken, vermähle dich dem Ozean. Die Kulturgeschichte des Schwimmens. Herausgegeben und übersetzt von John von Düffel. Mare, Hamburg. 235 S. , 28 Euro.

John von Düffel: Wasser und andere Welten. DuMont, Köln. 136 S., 9,90 Euro.

John von Düffel: Schwimmen. dtv, München. 111 S., 8,90 Euro.

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