Volkskunde

Wie ein Brite seinen Landsleuten die Deutschen erklärt

Adam Fletcher ist 30 Jahre alt, arbeitet als Blogger und Autor in Berlin. In seinem neuen Buch hat er unsere Marotten versammelt – von der Apfelsaftschorle bis zur seltsamen Liebe zur Hauptstadt.

Foto: Amin Akhtar

Deutsch sprechen

Jede Nation hat Dinge angestellt, für die sie sich schämen sollte. Dunkle Flecken in der Geschichte. Da sind die Deutschen keine Ausnahme. Ihr wisst, wovon ich rede – von der deutschen Sprache. Deutsch ist in erster Linie ein undurchdringliches Gewirr von Ausnahmen. Ein Verlies, um Ausländer darin einzusperren und in Geiselhaft zu nehmen, wobei man sie wiederholt mit unverständlichen und im Großen und Ganzen nutzlosen grammatischen Instrumenten misshandelt, deren einziges Verdienst es ist, sehr, sehr deutlich und ausdrücklich klar zu machen, wer was hat und was wem von wem angetan worden ist.

Die schlechte Nachricht ist: Wenn ihr euch voll und ganz unter die Deutschen mischen wollt, müsst ihr die Sprache lernen. Das ist im Prinzip gar nicht so schwer und erfordert zwei Schritte: Vokabeln lernen und Grammatik lernen. Vokabeln lernen macht großen Spaß. Die meisten Wörter ähneln dank unserer gemeinsamen Vorfahren sogar ihrem englischen Gegenstück. Ihr werdet daher eine Weile lang rasante Fortschritte machen und es genießen, euch solche Leckerbissen wie Schwangerschaftsverhütungsmittel, Haarschmuckfachgeschäft, Muckefuck und Streicheleinheiten auf der Zunge zergehen zu lassen.

Dann beginnt ihr, voller Selbstvertrauen angesichts der vielen kleinen Bausteine, die ihr schon angesammelt habt, die Grammatik zu lernen, den Kitt, der aus eurem Gestammel richtige, zusammenhängende deutsche Sätze macht. Und jetzt werdet ihr euch verraten und verkauft fühlen. Denn deutsche Grammatik ist Unsinn.

Das Englische ist – linguistisch gesehen – immer schon die größte Schlampe von allen gewesen. Es gibt und nimmt von anderen Sprachen. Es tut, was es kann, um jedem zu gefallen. Es ist immer leicht zu haben. Meine Lieblingserklärung dafür ist, dass die Deutschen eben trotz allen ernsthaften Bemühungen in Sachen Weltherrschaft nie so erfolgreich waren wie wir Engländer. Anders als das Deutsche wurde das Englische deshalb immer wieder gezwungen, Brücken über die kulturellen und sprachlichen Abgründe zu bauen, die zwischen uns und den Ländern lagen, die wir gerade eroberten (Entschuldigung, kolonisierten). Mit der Zeit mussten wir die Ecken und Kanten des Englischen abschleifen oder, um es etwas weniger vornehm auszudrücken: Wir schmissen alles Schwierige raus.

Die englische Sprache musste sich notgedrungen ganz anders entwickeln als die deutsche. Deshalb hat das Deutsche die grammatische Komplexität des Altenglischen behalten, während sich das Englische daran machte, sich auf ein massenkompatibles, idiotensicheres Niveau herunterzukochen.

Nehmen wir als Beispiel die Geschlechter. Im Altenglischen sind sie noch da, inzwischen aber verschwunden, zur allgemeinen Erleichterung. Im Deutschen haben sie sich bedauerlicherweise in Form von der, die, das störrisch gehalten, sind jedoch vollkommen willkürlich verteilt. Sicher, es gibt ein paar vage Anhaltspunkte, bestimmte Wortendungen, die auf ein Genus hindeuten, und gewisse Wortgruppen, zum Beispiel sind alle Wochentage und alle Monatsnamen männlich. Das hilft vielleicht bei 30% der Substantive. Bleiben immer noch 70%, deren Genus man einfach auswendig lernen muss. Ihr könnt natürlich auch beschließen, aus Gründen der Gleichberechtigung der Geschlechter ganz auf die Artikel zu verzichten. (Sehr witzig. Ha ha.) Wie dem auch sei ...

Ihr werdet viel Zeit mit dem Auswendiglernen von der, die, das vergeuden (Profitipp: Substantive immer gleich mit Artikel lernen – sich das Genus nachträglich einzuprägen, ist viel zeitraubender und ineffizienter). Doch wenn man das Genus der Substantive nicht kennt, kann man den Substantiven und Adjektiven nicht die korrekten Endungen geben. Das ist zwar auch absolut überflüssig und trägt keinen Deut zur besseren Verständlichkeit bei. Aber ohne richtige Deklination bestellt man womöglich ungeheuer dämliche Sachen wie "einer großer Wasser" statt "ein großes Wasser". Ich weiß, oberpeinlich.

Natürlich gibt es Sprachen, die noch schwerer zu lernen sind als Deutsch. Darum geht es gar nicht. Auch im Englischen gibt es Dummheiten, wie zum Beispiel die hartnäckige Neigung, Wörter anders zu schreiben, als man sie ausspricht. Der Unterschied ist jedoch: Das Englische hat die Freundlichkeit, am Anfang einfach zu sein und euch dann langsam und aufmunternd in die Höhe zu geleiten, mit einem Minimum an grammatischen Stolpersteinen. Das Deutsche setzt euch einfach vor einen steilen Berg, wünscht "Viel Spaß" und macht sich davon, während ihr mit dem mühsamen, schmerzhaften Aufstieg beginnt.

Als ich anfing, die Sprache zu lernen, was meist so aussah, dass ich keinerlei Fortschritte machte, einfach herumsaß und rummeckerte, erinnerte mich ein Freund sanft daran, dass einige der klügsten Dinge, die je niedergeschrieben wurden, in dieser Sprache verfasst sind. Ihr müsst das Deutsche also zuerst nur respektieren, lieben lernen könnt ihr es später.

Apfelsaftschorle trinken

Zuerst musst du wissen, dass die Deutschen jedes Getränk fürchten, das nicht sprudelt. Schon beim Gedanken daran bricht ihnen kalter Schweiß aus. Es hat großen komödiantischen Reiz, in Deutschland Touristen und Ausländer zu beobachten, wie sie Wasser mit dem Etikett "Classic" kaufen. Natürlich nehmen sie an, weil "klassisches" Wasser – das Zeug, das seit Anbeginn der Zeiten vom Himmel fällt – schon immer stilles Wasser ohne Kohlensäure war, muss das doch auch hier so sein. Oder?

Nein! Die Millionen Jahre alte Geschichte des Wassers hat man hier praktischerweise vergessen. "Classic" bedeutet natürlich mit Kohlensäure, du alter Dummkopf. Gewöhn dich dran. Lern es zu mögen. Andernfalls musst du, wenn du deine neu gewonnenen deutschen Freunde zu Hause besuchst, um Leitungswasser bitten. Sie werden dich anschauen wie einen primitiven Wilden, den sie gerade im Wald gefunden haben, bedeckt nur von seinen eigenen Haaren.

Mit diesem Phänomen verwandt ist die Apfelsaftschorle. Ihr kennt die Szene aus Filmen, wenn Leute zum Psychiater gehen und der Therapeut sie auffordert, sich einen Ort des Glücks zu schaffen. Ein sicheres, stilles Plätzchen, wohin sie sich begeben können, wenn die Welt zu groß und beängstigend wird. Meist ist es ein Strand oder ein Schaukelstuhl auf der Veranda eines idyllischen Elternhauses oder so etwas.

Für Deutsche ist dieser Glücksort ein See aus Apfelsaftschorle, in dem sie nackt baden. Wenn sie, erschöpft von einem langen, harten Tag des Stempelns und Ausfüllens von Formularen, angesichts einer fünfzehnseitigen Speisekarte von der Qual der Wahl schier erdrückt werden, dann ziehen sie sich an diesen Glücksort zurück und bestellen Apfelsaftschorle. Die ist verlässlich, beständig und so klassisch wie sprudelndes Wasser.

Über ein Jahrhundert lang bildeten sich die Deutschen viel auf ihre Entdeckung des Sprudelwassers ein und auf den Reichtum an Brauereien, die ihnen gutes Bier brauten. Sie glaubten, besser könne es nicht werden. Dann versuchte irgendein schlauer Kopf, ein wenig Apfelsaft ins Sprudelwasser zu mischen, und schuf etwas, das ebenso erfrischend war, aber 6% mehr Spaß machte! Das hätte beinahe zu Aufruhr geführt.

Die Leute waren einfach nicht bereit dafür. Es war zu viel des Genusses. Eine Endlos-Disco-Party für die Geschmacksknospen. Euch und eurem komischen Ausländergaumen wird es natürlich nicht so vorkommen. Euch dürfte Apfelsaftschorle so schmecken, wie sie wirklich ist – nur eine Idee besser als das langweilige Sprudelwasser.

Deutsches Essen

Es fällt nicht leicht, über die deutsche Küche zu reden, ohne die Wurst zu erwähnen. An diesem Punkt habt ihr sicher das Gefühl, ich schlüge mit der Klischeekeule auf euch ein. Also lasse ich es. Wurst ist wichtig, aber eher als Symbol als wegen ihres Geschmacks. Wurst ist furchtbar langweilig. Dass sie in diesem Land so hoch geschätzt wird, beweist einen erschreckenden Mangel an Fantasie. Der allerdings wird euch, wenn ihr erst einmal mehr von der deutschen Küche probiert habt, nicht groß wundern.

Fleisch ist hierzulande der Dreh- und Angelpunkt so gut wie jeder Mahlzeit. In Deutschland Vegetarier zu sein, ist wahrscheinlich ungefähr so unterhaltsam, wie als Blinder in den Zoo zu gehen. Es gibt nur eine gastronomisch bemerkenswerte Jahreszeit, nämlich die Spargelsaison, wenn das ganze Land durchdreht und überall mit dem allmächtigen Spargel herumgewedelt wird, als wär's ein kulinarischer Zauberstab, wonach er tatsächlich auch ziemlich aussieht.

Um es zusammenzufassen, die deutsche Küche bedeutet für die Welt des Essens in etwa das Gleiche wie die Band Eiffel 65 für die Geschichte der Popmusik – sie existiert, aber vor allem als Fußnote.

Sag, was Du denkst

Im Englischen geht es nicht darum, was man sagt, sondern wie man es sagt. Im Deutschen geht es um beides, aber eher um Ersteres. Deutsche drücken sich also in der Regel direkt und so eindeutig wie möglich aus. Gnadenlos effizient, wenn man so will. Möchte man auf Englisch jemanden bitten, etwas für einen zu tun, dann geht man nicht einfach zu dem Betreffenden hin und fragt ihn. Oh nein. Das wäre ein schwerer gesellschaftlicher Fehltritt. Stattdessen muss man sich zunächst nach seinem Befinden erkundigen, nach dem Befinden seiner Familie, nach seinen Kindern, dem Wetter, den Aktivitäten des zurückliegenden Wochenendes, den Plänen fürs kommende Wochenende, der Trübsal oder Begeisterung über das Ergebnis des zuletzt im Fernsehen übertragenen Fußballspiels – und erst dann kann man endlich sagen: "Übrigens", womit man den eigentlichen Zweck des Gesprächs einleitet, um dann noch einmal zu bekräftigen, dass man wegen der Bitte ein schlechtes Gewissen hat, dass der Gefallen nur erwiesen werden soll, wenn es absolut keine Mühe macht – aber könnte das Gegenüber womöglich diese winzige Kleinigkeit für einen erledigen? Man wäre ihm auf ewig dankbar.

Deutsche reden nicht in so ausufernden und durchsichtigen Zurschaustellungen vorgetäuschter Freundschaft um den heißen Brei herum. Sie sagen einfach: "Ich brauche das und das, erledige das bitte, und zwar bis dann und dann. Alles klar?" Danach gehen sie wieder. Sobald ihr diese Direktheit einige Male geübt habt, werdet ihr sie wahrscheinlich einfach nur angenehm finden.

Die Deutschen sagen, was sie denken, weil sie richtig erkannt haben, dass Zuckerguss nur auf Kuchen etwas zu suchen hat. Wenn mich gerade einmal wieder Hochmut und Selbstüberschätzung befallen, kann ich mich immer darauf verlassen, dass meine deutsche Freundin mich mit Worten wie "Krieg dich wieder ein, wir werden alle nackt geboren und scheißen ins Klo" auf den Boden der Tatsachen zurückholt.

Gemischte Gefühlen für Berlin haben

Der Durchschnittsdeutsche hat ein kompliziertes Verhältnis zu seiner Hauptstadt. Berlin ist das schwarze Schaf der deutschen Familie. Kreativ, unpünktlich, neigt zu spontanen Techno-Ausbrüchen, kann seine Schulden nicht zahlen, lässt sich gern auf Vertraulichkeiten mit Ausländern ein. Für viele Deutsche ist Berlin nicht wirklich ihre Hauptstadt, sondern eher ein gigantisches Kunstprojekt oder Sozialexperiment, das sich nur blicken lässt, wenn es einen Kater hat und mal wieder einen Zuschuss braucht. Für sie ist die wahre Hauptstadt eine Stadt ungefähr wie Frankfurt. Bei Frankfurt weiß man, woran man ist.

Adam Fletcher: Wie man Deutscher wird in 50 einfachen Schritten. Eine Anleitung von Apfelsaftschorle bis Tschüss. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Verlag C.H. Beck. 144 Seiten mit 50 farbigen Abbildungen von Robert M. Schöne. Wendebuch Deutsch/Englisch, € 8,95. Das Buch erscheint am 22. Juli 2013.

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