Elektro und Rock

„Melt“-Festival - Drei Tage feiern in der Baggerstadt

20.000 Raver sind wieder beim „Melt“-Festival in Gräfenhainichen vereint. Gefeiert wird zwischen stillgelegten Baggern aus dem ehemaligen Braunkohletagebau „Golpa Nord“ - eine unvergleichliche Kulisse.

Foto: Marc Tirl / dpa

Die Bässe wummern über den Gremminer See. Stählerne Baukräne thronen über der feiernden Menge. Bunt angestrahlt verlieren die gigantischen Zahnräder, Schaufeln und Förderbänder ein wenig von ihrer bedrohlichen Wirkung. Dann sind sie Teil einer Festivalkulisse, von der es keine vergleichbare in Deutschland gibt. Wenn es Nacht wird über „Ferropolis“, dann erwacht die „Stadt aus Eisen“ zum Leben.

Tanzen bis zur Erschöpfung, bis die Sonne hinter der Bucht des Sees wieder aufgeht oder die Beine versagen. Schluss ist erst am Montagmorgen. Bis dahin kann rund um die Uhr gefeiert werden. Das war auch in diese Jahr nicht anders: Am vergangenen Freitag fiel der Startschuss für das diesjährige Elektro- und Rock-Festival „Melt“. Es ist ein rundum gigantisches Unternehmen.

Fünf Großgeräte

Der Veranstaltungsort ist eng mit der Identität des Events verbunden. Seit 1999 ist „Ferropolis“ die Heimat des „Melt“. Auf dem Gelände des ehemaligen Braunkohletagebaus „Golpa Nord“ in Gräfenhainichen, östlich von Dessau in Sachsen-Anhalt, wurden Mitte der Neunziger fünf Großgeräte in einem Freilichtmuseum zusammengeführt. Dazu gehören der Eimerkettenschwenkbagger (Spitzname: Mad Max) oder der Schaufelradbagger (Big Wheel).

Das hipstereske Publikum tanzt vor der Kulisse dieser stillgelegten Bagger, die als Industriefossilien in den Himmel ragen und dem „Melt“ seine unverwechselbare Atmosphäre verleihen. Nur zur Erinnerung: Schauplatz des ersten „Melt“ 1997 war der Bernsteinsee Velten in Brandenburg, das zweite Mal wurde das Festival auf dem Flugplatz Lärz ausgerichtet.

Europaweit bekannt

Aber die Veranstalter wissen um die Einzigartigkeit ihrer jetzigen Location. Obwohl die Kapazität des Geländes mit 20.000 Besuchern fast an ihre Grenzen stößt, gibt es keine Pläne, das Festival an einen anderen Ort zu verlegen. „Melt und ,Ferropolis‘ sind untrennbar miteinander verknüpft“, sagt der Organisator und künstlerische Leiter, Stefan Lehmkuhl: „Das Festival gehört bei den Künstleragenturen europaweit zu den zehn beliebtesten Events dieser Form, weil es den Musikern in Erinnerung bleibt.“

So kommt es auch, dass das „Melt“ trotz eines vergleichsweise kleinen Budgets jedes Jahr mit einem erstklassigen Programm aufwarten kann. „Wir haben für das Booking einen hohen sechsstelligen Betrag zur Verfügung. Bei einem größeren Festival wie dem ,Hurricane’ kann so viel schon allein mal der Headliner kosten“, so Lehmkuhl.

150 Musiker auf vier Bühnen

In diesem Jahr gehören deutsche Techno-DJ-Größen wie Oliver Koletzki, Wankelmut und Ellen Allien zum Line-Up, ebenso wie internationale Künstler, darunter das Synthie-Pop-Duo „The Knife“, der Piano-Virtuose James Blake und der französischen Meister des Pathos-Pop, Woodkid. Insgesamt rund 150 Musiker sind auf den vier Bühnen zu sehen.

Als besonders treue Künstler sind, wie auch in den vergangenen Jahren, das DJ-Duo Modeselektor aus Berlin dabei, die bereits zum vierten Mal ihre eigene Bühne kuratieren. Über die drei Festivaltage hinweg haben sie auf ihrer Veranstaltungsfläche, direkt an einer Strandbucht, Kollegen wie Otto von Schirach und Siriusmo zu Gast. Darüber hinaus treten sie selbst an zwei Tagen des Festivals auf.

Mehr Ruhe in Berliner Clubs

Sie sind die Magneten vor allem für die vielen Berliner Festival-Besucher, die fast ein Drittel der feiernden Gäste ausmachen, wie es heißt. Der Ansturm auf das Festival war bereits am Freitagmorgen in der Stadt zu spüren. An jeder Ecke der Szenebezirke Mitte, Kreuzberg und Prenzlauer Berg waren junge Menschen mit Rucksack, Isomatte und Zelt anzutreffen, die sich auf den Weg in Richtung „Ferropolis“ aufmachten, um dort drei Tage lang zu feiern.

Auch im Berliner Nachtleben war in der Vergangenheit die Abwesenheit der Stammkundschaft deutlich zu spüren. Es geht ruhiger zu. „Viele Clubbetreiber planen am ,Melt’-Wochenende vorsorglich nicht das ganz große Programm ein“, sagt Festival-Organisator Stefan Lehmkuhl.

Typische Accessoires

Aber auch das internationale Publikum ist auf dem Festival gut vertreten. Tagsüber auf dem Campingplatz, an Badebuchten oder später auf dem Gelände hört man an allen Ecken Holländisch, Französisch und Englisch. Doch trotz unterschiedlicher Nationalitäten haben sie nicht nur die Liebe zur elektronischen Musik gemeinsam. Auch der Stil der internationalen Partygemeinde ähnelt sich. Hipster-Accessoires wie Ray-Ban-Sonnenbrillen, „Hochwasser“-Jeans, Muscle-Shirts und bei den Damen der obligatorische Dutt mitten auf dem Kopf sind weit verbreitet.

Und es glitzert auf nahezu allen Gesichtern. Doch was wäre ein Festival für dieses Publikum, wenn sie nicht ihre daheimgeblieben Facebook-Freunde via Istagram an ihren Erlebnissen teilhaben lassen könnten? Ein früher nie so stark ausgeprägtes Festival-Phänomen war deshalb zu beobachten: Die verzweifelte Suche nach der nächsten Steckdose machte mobile Handyladestationen zum Bestseller.

Unsagbare Lautstärke

Denn trotz des eigentlichen Fotografie-Verbots sollte die imposante Atmosphäre festgehalten werden. Wie eine einheitlich wogende Menge bewegten sich Tausende zu den harten Bässen und Melodien, die die DJs durch die Lautsprecher jagten. Kunstnebel und aufwendige LED-Lichtshows verstärkten die beeindruckende Wirkung des Festivalgeländes, dessen Zentrum die Mainstage ist. Wie in einer Art Arena in Form eines römischen Amphitheater tut sie sich zwischen den beleuchteten Kränen unter riesigen Discokugeln auf und beschallt das Gelände mit unsagbarer Lautstärke.

Ruhe kehrt für die Bewohner des beschaulichen Städtchens Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt erst am Montagvormittag wieder ein, wenn auch auf dem Sleepless Floor, auf dem seit Beginn des Festivals rund um die Uhr gefeiert werden kann, Licht und Ton ausgehen. Zumindest, bis im nächsten Jahr die Raver scharenweise in die Baggerstadt zurückkehren.