Berliner Ensemble

Punkgirl Nina Hagen spielt furchtlos mit Brecht-Texten

Nina Hagen brachte im Berliner Ensemble einen Brecht-Abend auf die Bühne. Der war abwechslungsreich und nie langweilig. Nur wenn sie die Bühne ihren Gästen überließ, fiel die Spannung ab.

Foto: May/Polydor / May/polydor

Wenn Nina die Große zum Brecht-Abend einlädt, stehen die Menschen Schlange – zumindest die älteren und mittleren Jahrgänge. Zu den Jüngeren scheint die Punk-Diva den Draht verloren zu haben – doch das tut der Stimmung keinen Abbruch.

Schon als sich im Berliner Ensemble der Vorhang hebt, brandet Beifall auf. Nina Hagen winkt dem Publikum zu wie ein aufgekratzter Teenager. Sie trägt riesige Blüten im wilden schwarzen Haar, dazu rot-weiß geringelte Pippi-Langstrumpf-Strümpfe. Wären ihre Liedschatten nicht so düster, könnte sie auch auf Kindergeburtstagen auftreten, doch sie hat Themen, die ziemlich erwachsen sind: Frieden, Nächstenliebe, Solidarität – dafür singt sie, und dafür hat sie bei Brecht die besten Lieder gefunden – „Thank God for Bertolt!“

Bei Nina Hagen kann jeder Kurt-Weill-Song zum Blues werden, Gebetsformeln inklusive. An den Morgenchoral des Jeremiah Peachum aus der „Dreigroschenoper“, in dem der „verrotteten“ Christenheit ins Gewissen geschimpft wird, hängt sie ein Vaterunser an – schließlich hat sie sich vor vier Jahren evangelisch taufen lassen.

Bei ihr passt das alles zusammen – Christentum und Kommunismus, missionarischer Eifer und professionelle Coolness, Improvisierfreude und Dilettantismus. Selbst bei den bekanntesten Songs bleibt sie stecken, verwechselt Strophen, kommt nicht auf den Punkt. Doch das macht nichts. Was bei anderen tödlich wirken würde, steigert bei ihr die Aura.

Sie ist das Punk-Girl, das furchtlos mit klassischen Texten spielt. Ihre Stimme orgelt rauf und runter, die Augen kullern, ihr Mund öffnet sich zu einem riesigen Schlund. Sie verströmt eine Energie, die einfach mitreißend ist. Voll Pathos singt sie „Das Lob des Lernens“, in dem Brecht Bücher als Waffe beschreibt. Sie macht aus der Hymne „Anmut, sparet nicht noch Mühe“ einen fröhlichen Hippie-Song und raunt dämonisch Texte aus „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ ins Mikrofon. Das ist abwechslungsreich und nie langweilig – nur wenn sie die Bühne ihren Gästen überlässt, fällt die Spannung ab.

Nina hat ihre Mutter Eva-Maria Hagen eingeladen, die schon 1953 am Berliner Ensemble spielte und Brecht noch persönlich kennengelernt hat. Die alte Dame kann immer noch singen und beherrscht die Texte besser als ihre Tochter, doch sie hat nicht Ninas Aura.

Das trifft auch auf Marie Biermann zu, die Tochter von Wolf Biermann, Ninas Stiefschwester. Im kleinen Schwarzen sang sie Liebeslieder, die sie schön und klug gestaltete, aber der Spontaneität der Gastgeberin konnte sie wenig entgegensetzen.

Außerdem traten Mitglieder des Contergannetzwerks auf, für das sich Nina Hagen seit einiger Zeit engagiert. Nina Hagen präsentierte sich als Wohltäterin und Friedenskämpferin, als Brecht-Fan und ausgeflippte Diva. Wahrscheinlich kann sie nicht anders.

Der nächste Brecht-Lieder-zur Klampfe-Abend ist für September 2013 geplant.