Oper

Für Helmut Oehring sind sich „Boxer und Musiker sehr ähnlich“

Der Berliner Helmut Oehring ist als Sohn gehörloser Eltern mit Gebärdensprache aufgewachsen. In seiner neuen Oper „AscheMond oder The Fairy Queen“ gibt es eine gehörlose Hauptdarstellerin.

Foto: © Jens Oellermann / Jens Oellermann

Was zuerst in seinem Arbeitszimmer auffällt, sind die Fotos vom früheren Boxweltmeister Mike Tyson. In üblicher brutaler Pose. Komponist Helmut Oehring sieht das ganz anders. Für ihn ist Tyson „der Melancholiker unter den Boxern“. Er schwärmt für dessen Beinarbeit, die im Ring etwas Tänzerisches, ja Filigranes hatte, für seine Art des sich Freischlagens. Und überhaupt: Der Schwergewichtsboxer „spielt nur den harten Kerl, eigentlich ist er schüchtern“, ein Selbsthasser.

Aber wie kommt einer, der im Elfenbeinturm der Musik lebt, nur auf eine solche Behauptung? Oehring meint, er könne es in den Bewegungen, den Gesten lesen. Letztlich sei das seine Muttersprache, sagt er. Helmut Oehring, 1961 in Ost-Berlin geboren, ist mit der Gebärdensprache aufgewachsen, er ist Sohn gehörloser Eltern. Mit dem Sprechen hat er erst später begonnen, quasi als erste Fremdsprache. Sehr viel später dann hat er zur Musik gefunden. Fremdheit ist eines seiner Lieblingswörter. Oehring ist ein schwieriger Mensch, der schwierige Musik schreibt.

Mit Blick auf den See

Wegen der beiden Kinder seien er und seine Frau von Prenzlauer Berg über Pankow hinaus nach Waldsieversdorf gezogen, meint er. Das liegt versteckt, abgelegen in der Märkischen Schweiz. Die Kinder sollen die Jahreszeiten in der Natur erleben können, sagt Oehring. Sein Komponierstübchen, eine Art Cockpit voller Technik und mit großen Glasscheiben, gibt den Blick auf den See frei. Ein Bild der Stille.

Auf dem Schreibtisch liegt ein Zettel, voll beschrieben mit krakeliger Kinderhandschrift. „Füsong toneck. sostfangert“ steht etwa drauf. Oehring schlägt die daneben liegende Partitur auf, blättert gleich auf die letzte Seite. Als erstes habe er den Schluss komponiert. Oehring gehört zu den Menschen, die immer ein Ziel vor den Augen brauchen, um sich selbst strukturieren zu können. Unter den letzten Notenzeilen steht klein „Geheimsprache“. Die hat ihm seine siebenjährige Tochter zugeliefert. Er ist richtig stolz darauf.

Im Dialog mit Purcells Musik

„AscheMond oder The Fairy Queen“ heißt seine neue Oper, die an diesem Sonntag von der Staatsoper im Schiller-Theater uraufgeführt wird. Oehring ist dabei ein Dialogpartner mit der Musik des englischen Barockkomponisten Henry Purcell. Fifty-fifty lautete der Kompositionsauftrag. Es ist irgendwie auch tragisch, wie oft sich Opernhäuser heutzutage scheuen, rein zeitgenössische Musik uraufzuführen.

Oehring hat also die Musik Purcells mit seiner verschränkt, alt gegen neu, nebst Überlappungen. Es spielen die Staatskapelle und die Akademie für Alte Musik. Aber eigentlich sei es eine verdeckte Choroper, sagt Oehring. Gut zwei Stunden dauert sie. Das Libretto hat Stefanie Wördemann, seine Ehefrau, geschrieben. Entstanden ist die Musik auf Texte von William Shakespeare, Adalbert Stifter oder Heinrich Heine. Aber er wollte weg von der „Folie des lustigen Sommernachtstraums“.

Regisseur Claus Guth ruft an

Während wir abwechselnd auf Mike Tyson, die Noten und den See schauen, klingelt das Telefon. Regisseur Claus Guth ist dran. Es folgt ein inniges Gespräch, in dem beiläufig ein paar Probleme gelöst werden. Der Regisseur konnte zunächst nichts mit Oehrings abstrakter Oper anfangen. Irgendwann hat Claus Guth in den Tagebüchern der Dichterin Sylvia Plath, die 1963 Selbstmord beging, während ihre Kinder im Nachbarzimmer schliefen, eine Geschichte gefunden, die er in der Oper erzählt. Schauspieler Ulrich Matthes ist der inzwischen erwachsene Sohn, der sich in seine Kindheit zurück begibt, um ein traumatisches Erlebnis aufzuarbeiten.

Helmut Oehring hat sein eigene Kindheit in der Autobiografie „Mit anderen Augen“ aufgearbeitet. Das ist jetzt zwei Jahre her. Aber das Thema der gehörlosen Eltern wird ihn zeitlebens nicht loslassen.

Da ist viel Traurigkeit, Hilflosigkeit und Scham im Spiel. Wie misstrauisch ihn seine Eltern angeschaut haben, wenn er aus der Welt der Hörenden nach Hause zurückkam. Oder wenn er für seine unbeholfenen Eltern dolmetschen und bereits als kleiner Junge entscheiden musste, was er ihnen besser verheimlichen sollte.

Dahinter verbirgt sich das Gefühl der Minderwertigkeit, denn in den Sechzigerjahren konnte kaum einer mit Gehörlosen normal umgehen. Gegen diese Diskriminierung kämpft Oehring bis heute immer wieder an. In seiner neuen Oper wird es eine gehörlose Hauptdarstellerin geben. „Die Stille kann ihr niemand nehmen“, sagt er. Das ist sein Triumph.

Mit Schönberg im Jugendklub

In der DDR hat Oehring mehrfach den Wehrdienst verweigert, wäre fast ins Gefängnis gekommen. Er wird Baufacharbeiter und ein musikalischer Autodidakt. Aber nicht die Klassik berührt ihn, sondern nur die Neue Musik. Er hat Werke von Schönberg und Webern für Gitarre bearbeitet und in Jugendklubs aufgeführt. Man beschimpft ihn. Nach der Wende folgt wegen einer gescheiterten Liebe der Absturz mit Drogen und Obdachlosigkeit, schließlich wird er Meisterschüler von Georg Katzer an der Akademie der Künste, der er heute selber als Mitglied angehört. Er sammelt Preise, Stipendien, Aufträge, er wird Gastprofessor für Komposition. Er hat gerade einen guten Lauf, wozu die Staatsopern-Uraufführung mit Starbesetzung gehört. Irgendwie kann er seinen Erfolg selber kaum glauben.

Fernsehraum mit Videosammlung

Das Komponistenstübchen nebst Fernsehraum mit Videofilmsammlung ist eigentlich nur sein Rückzugsort. „Ich kann nicht am Schreibtisch komponieren, sondern nur beim Radfahren, Rudern oder Laufen“, sagt er. Komponieren sei für ihn, als würde er einen wichtigen Brief schreiben. Im Kopf feilt er an den Formulierungen. Dann muss er auf den richtigen Zeitpunkt warten, um es schnell aufzuschreiben. Es gehört schon zu den Merkwürdigkeiten, dass der Sohn von Gehörlosen obendrein über ein absolutes Gehör verfügt. Auch das habe er erst spät begriffen.

Grammatik, die im Raum funktioniert

Oehring kämpft um seine Fremdsprachen. Denn seine Muttersprache, die Gebärdensprache, verfügt über eine „Grammatik, die im Raum funktioniert“. Er sehe Musik im Raum, sagt Oehring. Und so komponiere er seine Gebärdenstränge am Text entlang, er habe immer zehn oder zwölf Hände wie eine Skulptur vor Augen. Die wird in Töne, Klänge, Instrumentenbesetzungen übertragen. Oehring glaubt, Boxer und Musiker sind sich sehr ähnlich. Beide studieren ihr Leben lang tagtäglich Bewegungen ein, der eine am Sandsack, der andere am Cello oder Klavier. Im entscheidenden Moment, ob im Konzert oder im Boxkampf, ist nur noch die Intuition gefragt. Und dann schauen wir wieder auf Mike Tyson, die Noten und den See.

Die Oper: „AscheMond oder The Fairy Queen“ erlebt an diesem Sonntag (16. Juni 2013) um 19,30 Uhr ihre Uraufführung in der Staatsoper im Schiller-Theater. Helmut Oehrings Oper verwendet Barockmusik von Henry Purcell. Die Staatskapelle Berlin dirigiert Johannes Kalitzke, die Akademie für Alte Musik Benjamin Bayl.

Die Mitwirkenden: In der Regie von Claus Guth sind Schauspieler Ulrich Matthes, Sopranistin Marlis Petersen, Countertenor Bejun Mehta, Bassbariton Roman Trekel, Gebärden-Solistin Christina Schönfeld und Tänzer Ulli Kirsch zu erleben.

Termine: 16. Juni 2013 (Premiere), außerdem am 19., 21., 23., 25., 28. Juni. 2013. Tel. (030) 20354555