Popmusik

Aufmarsch der geschminkten Männer - Kiss rocken die Waldbühne

| Lesedauer: 7 Minuten
Frédéric Schwilden

Foto: Britta Pedersen / dpa

Die Rockband Kiss ist wieder unterwegs. Vor 16.000 Fans geben sie in der Waldbühne ihr einziges Deutschlandkonzert. Ihr Auftritt ist ein Abgesang auf alte Zeiten - mit Raketen und Konfetti.

Wenn die Band also schon zwei Siegrunen im Logo führt, dann dürfen die Besucher bestimmt auch „Blood & Honour“ in den Nacken tätowiert haben. Da sitzt oben in der letzten Reihe einer, so ein richtiger Bulle, mit komplett schwarzer Sonnenbrille, einem Polohemd von so einer fragwürdigen Firma, einen Thor-Anker um den Hals baumelnd. Und der Schriftzug der britischen Naziorganisation klebt in seinem roten Nacken, und das Hundsgemeine an ihm ist, dass er total freundlich ist. So richtig höflich bahnt er sich den Weg durch die Reihen. „Entschuldigung. Entschuldigung. Achtung, Bier kommt.“ Dem Jungen der Familie daneben schenkt er ein Lächeln.

Na ja, vielleicht ist das ja für den Typen total okay, dass Gene Simmons, also der mit der langen Zunge von Kiss, als Chaim Witz in Haifa, Israel geboren ist. Paul Stanleys Mutter ist übrigens auch jüdischer Herkunft, folgerichtig ist es der Sohn auch. Vielleicht weiß unser bulliger Nachbar aber auch gar nichts von der jüdischen Geschichte seiner Band. Und vielleicht ist das auch total ironisch gemeint an ihm, und der vermeintliche Nazi ist eigentlich Bezirksleiter der Antifa Köpenick.

Auftritt vor 16.000 Fans

Um viertel nach Acht fangen Kiss jedenfalls vor 16.000 Fans in der Waldbühne an. „Psycho Circus“ vom gleichnamigen Album. Es gab sogar mal ein Ballerspiel für den Computer, das so hieß. Zwölf Raketen sausen in den Himmel. Ein Feuerwerk im Hellen ist mehr ein Knallwerk. Unter dem Makeup, den Verkleidungen, auf den Plateausohlen, durch den Nebel des Raketendunstes, sieht man der Band ihr Alter nicht an. 40 Jahre lang, seit 1973, gibt es Kiss schon.

Und trotz diverser Besetzungswechsel, zwei Phasen mit Maske und einer ohne, hat sich in diesen Jahren eigentlich nichts verändert. Einen bis auf ihren größten Hit „I was made for lovin' you“ durchgängigen Sound, eigentlich klassischer bluesorientierter Hard-Rock. Texte über Dämonen, Liebe und den Rock'n'Roll an sich. Refrain. Wieder Raketen, wieder Rauch. Beim ersten Song haben sie schon an die 30 Feuerwerkskörper verschossen. Gene Simmons sollte aufpassen. Mit 63 zählt wirklich jeder Schuss. James Last hat übrigens auch mal einen Kiss-Song gecovert.

„Let Me Go, Rock ’n’ Roll“, eigentlich dauert der Song 2:30 Minuten. Tommy Thayer, sein geschminktes Alter Ego heißt Spaceman, dehnt es auf ätherische 5:30. Ein nicht mehr enden wollendes Solo hallt durch die Treppen der Waldbühne.

Bald jährt sich der große Kennedy-Tag. Paul Stanley erzählt, dass seine Mutter in Berlin geboren sei und deswegen ruft er: „Ich bin ein Berliner“. Das finden die Berliner natürlich super. Abwechselnd deutet er auf einzelne Fanblocks, die schreien dann abwechselnd „hey“ und „yeah, yeah, yeah“. Drei Minuten damit zu füllen ist ein Kinderspiel für den routinierten Entertainer. Seine Stimme quiekt beim Reden wie ein Meerschwein bei der großen Überfahrt.

Kiss spielen dieses Jahr ihr einziges Konzert in Deutschland und trotzdem ist die Waldbühne nicht ausverkauft. Depeche Mode zum Beispiel geben drei Konzerte allein in Berlin. Der erste Abend war im Olympia-Stadion. 66.000 Menschen. Ausverkauft. Und auch die Arenen der anderen deutschen Städte waren hervorragend besucht. Depeche Mode gibt es aber auch erst 30 Jahre. Vielleicht ist 30 das perfekte Alter für eine Band. Kiss spielen wirklich nicht schlecht, musikalisch ordentlich und grundsolide. Aber nimmt man dem Mitte-60-Amerikaner die Rockpose, das Ewig-Pubertäre ab? Freilich treten die realen Personen hinter ihren Masken in den Hintergrund, so stehen nicht Paul Stanley, Gene Simmons, Tommy Thayer und Eric Singer auf der Bühne, sondern Starchild, Demon, Spaceman und Cat.

Ein bisschen Zirkus Roncalli

Aber trotzdem, wir wissen ja, wer sie sind. Vielleicht war es der größte Fehler, den Kiss je begangen haben, sich für das Comeback in den 80er-Jahren zu demaskieren. Sonst hätten sie als nicht alternde Franchise-Band ewig touren können. So als eine Art Blue-Man-Group mit Rock-Musik. So ein Zirkus Roncalli für Männer ab 50 mit langen Haaren und Bärten, Kinder- und Erwachsenen-Schminken inklusive. Noch nie hat die Waldbühne so viele geschminkte Männer über 50 gesehen. Bestimmt 200 Kiss-Doppelgänger hören dem Konzert zu.

Beim sechsten Song wird Simmons eine Fackel gereicht. Ein zärtlicher Feuerstoß tritt aus seinem Mund. Nichts im Vergleich zum Feuerwerk, aber trotzdem sehr mutig. Natürlich knallt es wieder. Die Feuerwerker haben viel zu tun.

Tommy Thayer, Spaceman also, singt „Shock Me“ ein Stück von 77. Zu dieser Zeit war es das Gesangsdebüt des damaligen Gitarristen Ace Freshley, und weil der nicht wirklich auf seine Stimme vertraute, sich fast fürchtete zu singen, nahm er das Stück auf dem Boden liegend auf. Spaceman Tommy steht aber. Am rechten Bühnenrand. Stanley haut derweil die Hacken zusammen.

Unglaublich, aber die Berliner scheinen wirklich auf improvisierte E-Gitarre-Soli zu stehen. Über fünf Minuten spielt Spaceman schon sein Solo. Am Ende hebt Singer eine Panzerfaust. Sein Schlagzeug-Podest steht, von einer Mechanik nach oben gefahren, einen Kopf breit unter der Decke der Zeltbühne. Und wie bei einer guten Zauberershow lenkt das nur vom nächsten Trick ab. Gleich läuft David Copperfield durch die Berliner Mauer, auszuschließen ist es jedenfalls nicht, aber letztendlich wird Simmons doch nur Kunstblut spuckend Bass spielen. „Wenn die letzten Tiere tot sind, fressen wir euch Vegetarier“, steht auf dem Shirt eines Fans.

„Einer geht noch“

Paul Stanley will jeden einzelnen im Publikum kennenlernen. Das sagt er und bei „jeden“ piekst er sich mit dem Finger ins Auge. Wieder Feuerwerk. Im Publikum singen sie schon „Einer geht noch“. Sie wollen noch mehr Kiss-Songs. 13 hat die Band bis dahin gespielt. „Love Gun“ als nächstes.

Die armen Putzkräfte. Kiss schießen tatsächlich eine Minute lang Papierschnipsel durch die komplette Waldbühne. Eigentlich nur unten auf der Bühne und vom Mischpult aus. Aber die Fetzen wehen weiter, als die Stufen nach oben führen. „I wanna rock and roll all night and party every day, was für ein Mantra. Wahrscheinlich ist es die einzige Rock-and-Roll-Nacht diese Woche für die Feierabend-Gröhler, und es war bestimmt auch der einzige Party-Tag.

Stanley zerhaut seine Gitarre unter dem Funkenregen der Pyrotechnik. Der Rauch über der Waldbühne muss von weitem wie ein unendlich großer Schwelbrand aussehen. Natürlich spielen Kiss „I was made for loving you“. Das Pfeifen der Bier trinkenden, Bratwurst essenden und Zigaretten rauchenden zwingt die Geschminkten dazu. Für einen Song wird die Waldbühne zur Disko, vielleicht besser als der Rock-Schuppen mit dem Blood-And-Honour-Bullen.