Film

Hört Brad Pitt auf andere, Herr Forster?

Marc Forster ist in den USA einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Filmemacher. Er hat Daniel Craig auf Bond-Mission geschickt und lässt jetzt Aliens auf Brad Pitt los. Das versteht er übrigens auch als politische Botschaft.

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Großer Rummel am Potsdamer Platz: Brad Pitt stellte am vergangenen Dienstag seinen Film „World War Z“ vor, und seine Frau Angelina Jolie war auch dabei. Obwohl sie Geburtstag hatte.

Unter den Horden von Autogrammjägern blieb einer fast unerkannt: Marc Forster. Dabei gehört der in Bayern Geborene zu einem der erfolgreichsten Regisseure deutscher Sprache in Amerika. Mit Filmen wie „Monster’s Ball“ oder „007 – Ein Quantum Trost“.

Am Tag nach der Premiere wirkt der 43-Jährige etwas angeschlagen, als wir ihn im Adlon treffen. Es ist aber auch echt früh, um uns herum wird eifrig gefrühstückt. Forster bestellt nur einen Saft. Und ringt mit den Worten. Das liegt weniger an einem möglichen Kater als daran, dass er seit 23 Jahren in den Staaten lebt und öfter nach deutschen Vokabeln suchen muss.

Berliner Morgenpost: Sie sind noch nicht ganz wach. Mussten Sie nach der Premiere noch Geburtstag feiern mit Angelina Jolie?

Marc Forster: Nein, das nicht. Das wollten sie ganz privat tun. Aber gefeiert habe ich auch.

Sind Sie eigentlich ein Zombiefilm-Fan?

Als Fan würde ich mich jetzt nicht bezeichnen. Aber als Teenager habe ich sie schon geliebt.

Hätten Sie je gedacht, einmal einen zu inszenieren?

Nein. Eigentlich nie. Schon deshalb nicht, weil ich glaubte, das ist durch, da kann man nichts Neues mehr draus machen. Aber als mir Brad das Drehbuch geschickt hat, fand ich das sehr spannend. Ich dachte, da ließe sich ein schöner Ansatz finden, um auch eine Botschaft zu vermitteln.

Wie kommt es denn, dass Brad Pitt Ihnen ein Drehbuch schickt? Lag das einfach so in der Post?

Nein. Brad und ich, wir wollten schon vor langer Zeit einen Film machen. Gleich nach „Monster’s Ball“, vor gut zehn Jahren. Das hieß „Dallas Buyers Club“. Das haben wir zusammen entwickelt, hat sich aber irgendwie verlaufen. Das wurde jetzt mit Matthew McConaughey gedreht. So läuft das in der Branche. Aber so lernte ich Brad kennen.

Wenn ein Brad Pitt ein Drehbuch schickt, kann man da Nein sagen?

Dem kann man sich natürlich schwer entziehen. Aber wenn mir das Script gar nicht gefallen hätte, hätte ich schon Nein gesagt.

Wenn der Produzent auch Hauptdarsteller ist, ist das schwierig für den Regisseur? Lässt der sich weniger sagen als ein anderer Darsteller?

Ich muss sagen, da war Brad wirklich souverän. Beim Dreh war er nur Schauspieler. Und hat sich auch durchaus sagen lassen, wenn ich meinte, da stimmt was noch nicht ganz. In dem Moment, wo das abgedreht war, wurde er allerdings zum Produzenten. Da hatten wir dann ganz andere Diskussionen. Zeitweise war das aber ein großer Vorteil, ihn als Produzent zu haben. Vor allem wenn es um kreative Dinge ging. Ein normaler Produzent guckt ja nur aufs Geld, dass das Budget eingehalten wird oder schlimmer noch, wo man was einsparen kann. Die haben für das Kreative nicht so das Gespür. Aber ein George Clooney produziert ja auch viel. Oder Matt Damon. Schauspieler verstehen kreative Prozesse einfach besser.

Wo Brad Pitt aufschlägt, das zeigte auch die Berliner Premiere wieder, herrscht Ausnahmezustand. Kann man da eigentlich noch in Ruhe drehen?

Es ist schon nicht einfach. Er wird halt verfolgt von den Medien. Und in Kombination mit Angelina Jolie potenziert sich das. Wenn die ganze Familie unterwegs ist, das sind ja recht viele, fällt es schwer, nicht aufzufallen.

Sind Sie Teil der Familie geworden?

Wir haben schon öfter zusammen zu Abend gegessen und auch gemeinsam Dinge unternommen. Aber ihnen ist das Private sehr wichtig. Sie schauen, dass sie da die Balance finden. Wenn du zwölf Stunden am Tag drehst und danach noch diskutieren musst, dann willst du irgendwann wirklich nur noch nach Hause.

Es war unglaublich mutig von Angelina Jolie, ihre Brust-OP öffentlich zu machen. Fiel das nicht genau in die Zeit Ihres Films?

Der Film war schon gedreht. Aber wir saßen zu der Zeit im Schneideraum. Brad hat aber nie mit mir darüber geredet. Warum auch. Wir hatten genug andere Dinge zu diskutieren. Aber ja, auch ich finde, das war ein total mutiger Schritt.

Verfolgt das jetzt Ihre Film-PR-Arbeit?

Bei mir nicht. Bei Brad schon. Gleich anfangs, als Angelina das preisgab, hatte Brad ein Interview mit „USA Today“. Der Journalist ist da wohl auf eine Goldmine gestoßen. In dem Artikel ging es gar nicht mehr um den Film. Das verstehe ich natürlich. Ich finde es auch toll, dass sie zu den Premieren mitkam. Ist ja nicht selbstverständlich, danach gleich so in die Öffentlichkeit zu gehen.

Sie haben mit kleinen, preisgekrönten Dramen begonnen. Jetzt drehen Sie James-Bond- und Zombiefilme. Werden Sie zum Popcorn-Regisseur?

Ich will versuchen, beides zu meistern. Bei kleineren Filmen kann ich machen, was ich will. Das genieße ich sehr. Bei einem so großen Film steht viel Geld auf dem Spiel. Die Verantwortung ist wahnsinnig. Und das Risiko. Aber wenn es klappt, erreicht man unglaublich viele Menschen. Ein reiner Popcorn-Film würde mich aber nicht interessieren. Es muss schon eine zweite Ebene haben.

Und was ist die zweite Ebene bei Zombies?

Wir winken da nicht mit dem Zaunpfahl, aber „World War Z“ lädt schon zu Interpretationen ein. Schon bei George A. Romero, dem Meister dieses Fachs, waren die Zombiefilme nie nur reine Unterhaltung, sondern immer auch Vehikel für sozialpolitische Botschaften. Das Lustige an Zombies ist, dass sie so viel symbolisieren können. Sie sind so etwas wie das kollektive Unterbewusstsein; sie spiegeln auf gewisse Weise, was gerade in der Welt passiert. Quasi eine Allzweck-Metapher.

Wir dachten immer, sie sind nur praktisch, weil Zombies keine Lobby haben. Mit denen kann man alles machen. Wenn Sie dagegen einer Fliege was zuleide tun, protestieren sofort Tierschutzverbände.

Naja, die Gewaltdebatte haben Sie bei Zombies schon. Und ein reiner Zombiefilm, das hätte mich auch nicht interessiert. Aber das Drehbuch hat das mit einem Weltuntergangsszenario gekoppelt. Diese Endzeitstimmung hat mich angesprochen. Das ist ja leider etwas, was derzeit so in der Luft hängt. Wir leben gerade mitten in einem Umschwung und es herrscht eine große Zukunftsangst. Ich werde nie vergessen, wie hier in Berlin die Mauer fiel und alle das Gefühl hatten, jetzt käme endlich eine friedliche Zeit, in der wir alle eins werden. Aber davon ist nichts geblieben. Der Eindruck erhärtet sich, dass es so nicht weiter gehen kann. Wenn wir alle weiter machen wie bisher, gibt es einfach bald keine Ressourcen mehr.

In diesem Sommer gibt es ja eine ganze Flut von Alien- und Zombiefilmen, wie „Oblivion“, „After Earth“ und Ihr Film. Das ist kein Zufall?

Das ist kein Zufall. Diese Filme spüren genau diese Angst auf, die in der Luft hängt. Das ist sicher eine Spiegelung unserer Gemütslage. Da ist die Finanzkrise. Und da ist diese unheimliche Umweltverschmutzung. Da kann man unglaublich pessimistisch werden. Ich bin ja von Natur aus eher Optimist, ich glaube daran, dass wir noch einen Weg finden, dass wir noch erwachen werden. Der Zombie ist so eine Metapher für den schlafenden, für den unbewussten Menschen.

Sie durften einen Bond-Film drehen. Aber „Ein Quantum Trost“ fiel ausgerechnet in die Zeit, als die Drehbuchautoren in Hollywood streikten. Wurmt einen das, nicht den Bond gedreht zu haben, den man gern gemacht hätte?

Als es mit dem Streik ernst wurde, wollte ich eigentlich aufgeben. Und den Bond nicht machen. Aber die Produzenten standen völlig hinter mir. Ich muss sagen, ich mag „Ein Quantum Trost“ trotzdem. Ich habe nicht das Gefühl, das ist ein schlechter Bond. Aber bei „Casino Royale“ oder jetzt „Skyfall“ hatten sie halt drei Jahre Zeit, das Drehbuch zu entwickeln, wir hatten drei Monate.

Ist „World War Z“ jetzt auch die Antwort auf „Ein Quantum Trost“. Um zu zeigen: Seht her, so kann ich einen Blockbuster auch drehen?

Schon, ja. „World War Z“ ist auf jeden Fall der bessere Film. Er ist aber auch einfach komplexer.

War die Premiere hier dasselbe wie in London oder ist es etwas Besonderes, in Deutschland zu sein?

Nein, es ist schon etwas Anderes. Okay, diesmal habe ich nicht viel mitgekriegt. Du kommst, gehst zur Premiere, machst Interviews. Aber ich mag die Stadt, ich bin oft hier. Das verbindet.

Muss man Sie eigentlich als deutscher oder als Schweizer Regisseur bezeichnen? Oder fühlen Sie sich gar als amerikanischer?

Also, bestimmt nicht als amerikanischer! Ich bin in Illertissen geboren, wir sind in die Schweiz gezogen, als ich vier oder fünf war. Aufgewachsen bin ich dort, meine Mutter lebt noch immer da, ich habe mich also immer mehr mit diesem Land identifiziert. Es ist schon lustig, wie ich immer wieder mal als Deutscher, mal als Schweizer ausgegeben werde. Aber ich habe ja auch beide Staatsangehörigkeiten.

Könnte es auch passieren, dass Sie einmal einen Film hier in Deutschland drehen?

Aber ja. Ehrlich gesagt, wollte ich schon „World War Z“ hier drehen, das hat leider nicht geklappt. Die Steuerrückzahlung war in England größer. Und Produzenten schauen immer, wo sie Geld sparen können. Ich nehme an, das ist hier ähnlich.

World War Z startet am 27. Juni 2013 in unseren Kinos.