Ausstellung

Andreas Mühe ist der Schauspieler unter den Fotografen

Andreas Mühe kommt aus einer großen Theaterfamilie, seine Fotografien sehen aus wie große, rätselhafte Bühnenbilder. Eine Auswahl seiner Werke ist nun in der Berliner Galerie Carlier/Gebauer zu sehen.

Foto: Jens Büttner / picture alliance / dpa

In die Fotos von Andreas Mühe guckt man ganz, ganz tief rein, wie in schummrige Bühnenbilder voller Rätsel. Wie viel Schauspieler steckt eigentlich in ihm, fragt man sich gleich, obwohl man sich diese Frage eigentlich verkneifen wollte. Mühe kommt aus einer großen Theaterfamilie. Sein Vater war Ulrich Mühe, seine Mutter ist die Dramaturgin und Regisseurin Annegret Hahn, seine Halbschwester Anna Maria im Filmgeschäft. Na ja, und seine Frau Betty Sommer kommt von der Kostümbildnerei. Der 34-Jährige nickt. „Klar, das hat mich geprägt. Bei uns zu Hause standen überall Bühnenbilder rum. Meine Fotos haben etwas mit Kulissenschieben zu tun, und es geht ja immer um große Sachen.“

Abseits von Heldenposen

Er hat schon viele Leute, ja Prominente fotografiert. Den italienischen Botschafter in seiner Vertretung, Gerhard Richter, wie er vor einem seiner Bilder grübelnd auf und ab geht, Friede Springer mit Prinz Harry im Springer-Verlag. Im oberen Stockwerk schauen sie gemeinsam aus dem Fenster in die dunkle Kreuzberger Nacht. Die Berliner Sammler und Galeristen Celine und Heiner Bastian, wie sie vom Balkon ihres Kunsthauses auf die Museumsinsel schauen. Ein erhabenes Bild, weil es die Größe und Bedeutung dieser Architektur so genial spiegelt.

Viele nennen Mühe sogar den Kanzlerfotografen, weil er einmal Angela Merkel im Botanischen Garten aufgenommen hat, für ein Magazin, und nicht in üblichen Posen des Protokolls, sondern an einen riesigen, schrundigen Stamm gelehnt, im Seitenprofil. „Unterm Baum“ heißt es. Sie wirkt geschrumpft, die Natur ist halt mächtiger in Gestalt des hochgewachsenen, uralten Baumes. Das Foto erschien zu einem Interview zum Thema Artenschutz. Eine Auswahl seiner Fotografien ist jetzt erstmals in der Galerie Carlier/Gebauer zu sehen.

Mühe ist anders als andere: Auffallend ist, dass eigentlich alle Personen vom Betrachter abgewandt sind, keiner von ihnen demonstriert seinen Rang, seine Bedeutung. Sagen wir es so: für klassische Helden- und Herrschaftsposen ist Mühe nicht zu haben. Genauso wenig wie für Schnappschüsse. Er ist ein Mann der feinen Choreografie, der die Bilder vorab im Kopf konzipiert. Fotografiert er eigentlich auch viel privat? Seine Kinder? Knappe Antwort: „Nein“. Schade eigentlich.

Welche Posen formt eine Diktatur?

Halt, ganz stimmt es nicht. Denn seine Freunde müssen schon mal anrücken zum Shooting, wenn er „Models“ braucht wie für seine Serie „Obersalzberg“, Hitlers Schaltzentrale im Bergidyll. Da steigen die jungen Männer kurzerhand in SS-Uniformen, posieren, um sich dann nackt in gleicher Position zu präsentieren. Eine Gratwanderung.

Doch in diesen Porträts geht es um Haltung und Mach, und wie diese sich ausdrückt. Und: Welche Posen formt eine Diktatur? Mühe hat sich dabei an den historischen Fotografien von Walter Frentz orientiert, der einst die Almbilder von Hitler und den Kameraden lieferte. Mühe ging noch weiter, mit eigener Crew reiste er nach Berchtesgaden, wo am Obersalzberg der Führer-Myhtos hartnäckig präsent geblieben ist. Guckte sich dort alles an, die Terrasse, den Watzmann, das Göll-Massiv. Drei Jahre lang, von Oktober bis März, machte er das, zwei Wochen im Monat. Herausgekommen ist eine Reihe von lauter „Nazis“ („Der Soldat“), die in die schöne, verschneite Alpenlandschaft pinkeln. Kleine Männer vor mächtigen Bergen.

Das erscheint zunächst monströs, doch Mühe zertrümmert schlicht die Nazi-Ikonographie mit ihrem Ideal der romantischen (deutschen) Landschaft, und zeigt auf, wie Hitlers Propagandamaschinerie funktionierte.

Unterwegs war er wie immer mit einer Großbildkamera samt Stativ. Da sei, erzählt er, wenig Spontanität möglich, „man muss viel tun, damit es so aussieht“, lacht er. Deshalb sehe es bei seiner Vorbereitung immer so aus wie am Filmset.

Carlier/Gebauer, Markgrafenstr. 67, Kreuzberg. Di-Sa 11-18 Uhr. Bis 27. Juli