Fernsehen

„Downtown Abbey“ bekommt mit „Parade’s End“ Konkurrenz

„Parade’s End“ ist eine neue Mini-TV-Serie in sechs Teilen. Der Sender Arte zeigt dort den Untergang des Gentleman als Passion. Um es vorwegzunehmen: Man kann die Zeit besser nutzen.

Foto: Mammoth Screen Limited/BBC/Nick Briggs/Arte

Der Zerfallsprozess des Feudaladels hat einige interessante Erscheinungen hervorgebracht; aber keine war geschichtsmächtiger und sympathischer als der englische Gentleman. Urban, ja eigentlich bürgerlich im Habitus, ist der Gentleman konservativ, aber jedem Spießertum abhold, konventionell aus einer unkonventionellen Leidenschaft für die Ordnung; von einem Ehrenkodex geleitet, dessen zentraler Gedanke die Ritterlichkeit ist.

Den Gentleman konnte man – es gibt ihn nicht mehr – literarisch verehren wie Henry James; bis aufs Blut reizen, wie Oscar Wilde; mit liebevollem Spott überziehen wie P.G. Wodehouse; man konnte an seinem Untergang verzweifeln wie Evelyn Waugh, oder diesen Untergang als eine Passion schildern, wie Ford Madox Ford.

Vier seiner Romane, die zusammen die Quadrologie „Parade’s End“ um den Gentleman Christopher Tietjens – Fords alter ego – bilden, hat nun der Dramatiker und Drehbuchautor Tom Stoppard zu einer sechsteiligen Miniserie verarbeitet – nein, verwurstet. Das von Susanna White verfilmte Ergebnis ist von diesen Freitag (7. Juni 2013) an immer freitags ab 20.15 Uhr auf Arte zu sehen. Um es vorwegzunehmen: Man kann die Zeit besser nutzen; zum Beispiel, um ein paar versäumte Episoden von „Downton Abbey“ nachzuholen.

Und sagte kein einziges Wort

Das liegt nicht an der Qualität der Romane selbst. Sie sind, wie alles von Ford, wunderbar. Aber sie sind unverfilmbar. Alles ist dort Innenleben, gerade weil Tietjens nach außen die Form wahrt, zu der als oberstes Gebot gehört, nicht von sich und schon gar nicht von seinen Gefühlen zu reden. Dem Mann wird übel mitgespielt: seine Frau Sylvia betrügt ihn; er ist nicht der Vater ihres Kindes; seine Liebe zur jungen Frauenrechtlerin Valentine darf er ihr nicht bekennen; bei seiner Arbeit im Nationalen Amt für Statistik gerät er in Schwierigkeiten, weil er sich weigert, mit Zahlen im Sinne der Regierungspolitik zu lügen; sein bester Freund nutzt ihn aus; sein älterer Bruder und sein Vater beargwöhnen ihn; gerade weil er unschuldig ist, wird er gekreuzigt. Aber wie der Mann aus Nazareth sagt Tietjens dabei kein einziges Wort.

Erst in der dritten Episode bricht es im gehemmten Gespräch mit Valentine aus Tietjens heraus: Er sei für den Anstand und die Pflicht, sagt er, für das Land und gegen die Stadt, für die Moral und gegen das Geld, für das 18. und gegen das 20. Jahrhundert. Das hätte er aber auch im 18. Jahrhundert genau so gesagt und wäre eben für das 16. gewesen, sagt sie mit mildem Spott. „Allerdings“, erwidert Tietjens heftig. „Und ich hätte Recht gehabt!“ Das Gespräch am Kamin ist der Höhepunkt der Miniserie, leider aber auch der einzige.

Die Message rebelliert gegen das Medium

Am Ende bleibt alles daher an Oberflächen hängen: wir sehen Kostüme, aber keine Charaktere, Intérieurs, aber keine Innenansichten, Landschaften, aber keine Landkarte des Zeitgeists. Eisenbahnen und Autos sind bloße Attrappen, nicht die Vorboten des Untergangs, die sie bei Ford darstellen. Das Sexuelle wird gezeigt, nicht angedeutet, als seien die Menschen des frühen 20. Jahrhunderts genau so gewesen wie wir heute, bloß dass sie schönere Kleider hatten. Gewiss, das ist in einer Serie wie „Downton Abbey“ auch so. Aber dort passiert auch in jeder Folge etwas, das Produkt ist bei allem Edwardianischem Dekor ganz und gar modern, Cliffhanger und überraschende Wendungen sind eingebaut. Das gibt Fords langsame Erzählweise nicht her. Bei „Parade’s End“ rebelliert die Message gegen das Medium, in das sie hineingezwängt wird.

Es hilft auch nicht besonders, dass Benedict Cumberbatch als Christopher Tietjens eine entsetzliche Fehlbesetzung ist. Cumberbatch gab einen hinreißend nerdigen, resolut antibürgerlichen Sherlock Holmes in der im heutigen London angesiedelten BBC-Serie. Als Tietjens versucht er das, was er laut Drehbuch und Charakter nicht sagen darf, durch Grimassen, zitternde Unterlippe einbegriffen, auszudrücken. Das Ergebnis ist nur peinlich. Rebecca Hall ist zwar großartig als seine Ehefrau Sylvia, die von katholischer Laszivität in katholische Prüderie verfällt, und Adelaide Clemens als Valentine von hinreißender Unschuld.

Charley’s Tante hat synchronisiert

Man weiß von Anfang an, dass beide Frauen auf ihre Art Tietjens zugrunde richten werden; und die paradoxe Konstellation der femme fatale als Ehefrau und der moralischen Jungfrau als Versuchung ist durchaus reizvoll. Aber ein grimassierender Stockfisch zwischen zwei Frauen ist nicht einmal abendfüllend, schon gar nicht trägt das über sechs Abende. Und der Zivilisationsbruch des Ersten Weltkriegs, der für die Tietjens, seine Welt und seine Werte den Untergang bedeutet, ist im Fernsehen schlicht und einfach nicht darzustellen.

Hinzu kommt die Synchronisierung. Warum müssen deutsche Synchronsprecher, wenn sie Geschichten verdeutschen, die in der englischen Oberschicht spielen, die Stimmbänder zusammenquetschen und in einen Ton verfallen, als gehörten sei einer Provinztruppe an, die „Charleys Tante“ einstudiert? Das verbale Chargieren reduziert gen Gentleman endgültig zur Karikatur. Dabei gehörte er zum Nobelsten, was die englische Kultur je hervorgebracht hat.

„Parade’s End. Der letzte Gentleman“, Miniserie in sechs Teilen, freitags ab 7. Juni 2013, 20.15 Uhr, Arte.