Frühkritik

Neil Young gibt dem Rock in der Waldbühne die Sporen

Zwölf Jahre nach ihrem letzten Waldbühnenkonzert entern Neil Young & Crazy Horse nun wieder die Berliner Open-Air-Bühne , um dem Rock’n’Roll zu huldigen. Es ist das Auftaktkonzert zur Europatournee.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Sie stecken konzentriert die Köpfe zusammen. Sie schwingen sich ein. Sie lassen die knirschend-verzerrten Gitarren-Akkorde anschwellen zu einem tiefergelegten rüden Rocksound von physischem Druck. Ein Walzwerk vibrierender Stahlsaiten hüllt die Waldbühne am Sonntagabend beim verregneten Saisonauftakt in eine emotionsgeladene dröhnende Gewitterwolke, die sich mit Macht und Donnergrollen über den 22.000 Besuchern im nasskalten, ausverkauften Amphitheater entlädt.

Zwölf Jahre nach ihrem letzten Waldbühnenkonzert entern Neil Young & Crazy Horse nun wieder die Open-Air-Bühne im Berliner Westen, um dem Rock’n’Roll in all seiner Kraft und Herrlichkeit zu huldigen. Es ist das Auftaktkonzert zur Europatouree. Vielleicht das letzte Mal, dass man Neil Young und Crazy Horse live erleben kann.

Auch mit 67 Jahren ist Neil Youngs unberechenbare Schaffenskraft ungebrochen. Gleich zwei Platten mit seinen alten Weggefährten von Crazy Horse hat er im vergangenen Jahr veröffentlicht, eine weitere soll bereits in Arbeit sein. Und man spürt schon nach wenigen Akkorden, auf welch geradezu spirituelle Weise sich diese Musiker verstehen.

Zumindest der Regen hört auf

Die Sitzbänke sind durchnässt. Dicke Regenjacken und Schirme gehören zur Grundausstattung. Es ist kalt, aber zumindest der Regen hat aufgehört. Nach einem Vorprogramm der kalifornischen Latin-Rockband Los Lobos um Sänger und Gitarrist David Hidalgo, die mit Bluesrock und Tex-Mex, Cumbia und "La Bamba" Bewegung in die Masse gebracht haben. ist nur noch die klassiche Backline auf der Bühne.

Und diese kleinen Fender-Kisten machen ordentlich Lärm. Einzige Bühnendekoration ist das Bandlogo im Hintergrund und eine geschnitzte Holzfigur des Indianerhäuptlings, der Crazy Horse den Namen gab. Eine Piratenflagge weht über dem Schlagzeug im Wind. Mit La Ola hält sich das Publium warm.

Meditativ schraubt sich der Sound zu Beginn in die Höhe. Neil Young und Frank „Poncho“ Sampedro stehen sich gegenüber, schauen sich in die Augen, blicken aufs Griffbrett und schaufeln erste Riffs aus den E-Gitarren, Bassist Billy Talbot und Schlagzeuger Ralph Molina treiben den schleppenden Rhythmus voran. Mehr braucht es nicht.

Das Quartett groovt sich ein und mit „Love And Only Love“ vom 1990er-Album „Ragged Glory“ heben Neil Young und Crazy Horse ab zu einem Parforce-Ritt über die endlos scheinenden Highways und Prärien Amerikas.

Der Kanadier, der seit den 60er-Jahren mit waidwunden Balladen, trotzigen Protestliedern und von Americana gezeichneten Rocksongs seinen Weg geht, ist der Prototyp des älter werdenden Künstlers, der sich und seine Musik gegen jede feindliche Übernahme verteidigt und konsequent seine Integrität bewahrt hat. Er macht einfach, was er will.

Manche Fans sind seit Jahrzehnten dabei

Ein großer Junge, dessen Spielzeugeisenbahn Fender und Gibson heißt. Das macht ihn im Musikbusiness so einzigartig. Und das schätzen seine Fans, die ihm – wie man beim Blick ins Amphitheaterrund feststellen kann – seit Jahrzehnten die Treue halten. Aber auch viele Jüngere sind auszumachen. Neil Young eint Generationen.

Das neue Stück „Walk Like A Giant“ vom phänomenalen Doppelalbum „Psychedelic Pill“ pfeift aus der Anlage. Ein Song, der mit krachenden Gitarrenwänden und grunzenden Feedbacks manifestiert, dass das Leben nicht dazu da ist, um irgendwann einfach stehen zu bleiben. Vor allem nicht für Neil Young, den Autosammler und Umweltaktivisten, den politischen Querkopf und musikalischen Tüftler.

Die heikle Operation eines spät erkannten Hirnaneurismas hätte ihn vor einiger Zeit fast das Leben gekostet. Doch mit Crazy Horse, jener Band, zu der er seit den späten 60er-Jahren immer wieder zurück findet, läuft er seit seiner Genesung zu neuer Form auf. Es ist die Musik, die ihn immer weitertreibt, in der er auf der Bühne ganz aufgeht, für die er in die Knie geht und wieder aufsteht.

Überhaupt, so scheint es, ist dieser lärmende. bratzige, auf erhebende Weise brachiale Gitarrensound sein Lebenselixier. Der Sound ist die Droge. Und mit keiner Band hat es Neil Young länger ausgehalten als mit Crazy Horse. Wo immer seine Experimentierfreude ihn auch hintreibt, am Ende findet er immer wieder zu seinen alten Kumpanen zurück.

Die Stücke bekommen lustvoll lärmend die Sporen

Man vergisst das unsommerlich garstige Wetter völlig, wenn Neil Young und Crazy Horse ihre Kraftpakete in die Waldbühne wuchten und den Stücken im ausufernden Arrangement lustvoll lärmend die Sporen geben. Dann wieder greift Neil Young aber doch zur Akustischen, um dem Publikum mit der Jahrhundertballade „Heart of Gold“ zu geben, was das Publikum eben auch von Neil Young erwartet. Ja, er spielt überraschend sogar Bob Dylans "Blowin' in the Wind" und das neue "Singer Without A Song" am Piano.

Und schon wieder wird mächtig aufgefahren. Der Sound steigert sich, verzerrte Gitarren, kreischende Rückkopplungen, stampfender Rhythmus, bei dem immer wieder fasziniert, wie es Bassist Billy Talbot schafft, so lange Zeit einen einzigen Ton zu bearbeiten. Auf dieses druckvolle Gebilde legt Neil Young seine schlichten, elegischen Gitarrensoli, die quasi zur instrumentalen Fortsetzung seines wehmütig-fordernden Gesangs werden.

Das Publikum ist außer Atem

„Powderfinger“ spielen sie, „Cinammon Girl“ und das wütende „Fuckin‘ Up“ von 1990. Dazu unveröffentlichtes wie die mehrstimmige Ballade "There's a Hole In The Sky". Und natürlich kommt sie auch, die definitive Hymne an den so aufregenden wie niederschmetternden Rock’n’Roll: „Hey, Hey, My, My (Into The Black)“, jenes elektrifizierte Gegenstück zum akustischen „Hey, hey, My, My (Out Of The Blue)“, mit dem Neil Young 1979 selbst die Punk- und Grunge-Generation auf seine Seite ziehen konnte.

Es ist jener vielfach gecoverte Song, dessen Zeile „it‘s better to burn out than to fade away“ zum geflügelten Wort geworden ist. Und dadurch, dass Nirvanas Curt Cobain die Zeile vor seinem Selbstmord in seinen Abschiedsbrief schrieb, traurige Berühmtheit erlangte. 1994 hatte Neil Young sein Album „Sleeps With Angels“ Cobain gewidmet.

Nun steht der robuste Klassiker am Ende eines bewegenden und kompakten Abends, bei dem der raue Zauber des hypnotischen Klangs in all seiner vielfältigen Phonstärke zelebriert wurde. Zugaben gibt es natürlich auch noch mit einer aufwühlenden Version von "Like A Hurricane". Das Publikum ist außer Atem. Die vier Musiker halten sich in den Armen und verbeugen sich zu begeistertem Applaus, der noch lange nachhallt.