50 Jahre

Wie sich das Leseschloss am Wannsee verändert hat

Vor 50 Jahren wurde das Literarische Colloquium Berlin gegründet. Seitdem ist es ein Anlaufpunkt für renommierte Autoren und Nachwuchstalente. Ein Bildband erzählt nun die spannende Geschichte.

Foto: Massimo Rodari

Ein Text über das Literarische Colloquium beginnt ja immer mit diesem Ort: mit der rötlich-backsteinernen Gründerzeitvilla da draußen am Wannsee, die man nach langer S-Bahnfahrt und kurzem Fußweg über knirschenden Kies erreicht – und in deren holzgetäfeltem Treppenhaus man sich gleich fragt, ob das hier noch Berlin ist oder schon Eton oder Cambridge. Andererseits kann man sich gerade hier mit einem solchen Texteinstieg gar nicht blicken lassen. Schon zu oft gelesen! Statisch! Abgeschmackt! Das Urteil der vielen Werkstattleiter und Juroren, die hier seit 50 Jahren Texte inspizieren und beurteilen, wäre geradezu verheerend.

Also beginnen wir besser mit dem Chef des Hauses, mit Ulrich Janetzki – auch wenn der mit seinen 27 Dienstjahren genauso fest mit diesem Literaturschloss verbunden ist wie dessen Giebel und Erker. Er steht in seinem Arbeitszimmer und ist noch etwas verschwitzt, weil er eben erst von seiner Enduro gestiegen ist und dabei natürlich Helm getragen hat an diesem Frühsommertag. Draußen liegt majestätisch der Wannsee, die Aussicht ist überwältigend und die Vögel singen fast so laut, als säßen sie im Fußballstadion. Die Frage ist gerade, ob Janetzki für das Foto seine Motorradlederhose ausziehen soll. Das könnte doch komisch aussehen, meint er. Nein, natürlich soll er das nicht, das passt doch sehr gut zu ihm: Denn so kennt man ihn.

Netzwerker im Literaturbetrieb

Eine literarische Institution wie diese braucht das nämlich ganz dringend: etwas Bodenständiges, Handfestes, Weltverbundenes. Wenn seine Autoren, was oft genug geschieht, aus ihrer Dünnhäutigkeit literarisches Kapital schlagen sollen, dann brauchen sie jemanden, der sie schützt. Jemanden, der sagt: Das machen wir so – oder so eben nicht. Jemanden, der die Ansprechpartner kennt und auch mal auf dröhnend auf die Pauke hat. Der für Literatur brennt, sie aber auch zu verkaufen weiß. So jemand ist Ulrich Janetzki.

Es hat sich über die Jahre als großer Vorteil für das Colloqium erwiesen, dass es mit Janetzki, der 1948 im münsterländischen Selm geboren wurde, nicht nur einen ausgebildeten Kaufmann zum Leiter hatte, sondern auch einen Netzwerker, wie es ihn nur selten gibt im Literaturbetrieb. „Wer auf seinen Rat und seine Unterstützung zählen kann“, hat der Literaturkritiker Lutz Hagestedt einmal bemerkt, „als Autor Substanz zu bieten hat und einigermaßen flexibel ist, der kann sich auf ein abwechslungsreiches und einträgliches Leben als Schriftsteller einrichten.“

Und was für den einzelnen Schriftsteller gilt, gilt auch für das LCB, dessen Aktivitäten längst das Unüberschaubare streifen. Da sind die Preise, die hier ausgerichtet werden (der Alfred-Döblin-Preis, der Lyrik-Debüt-Preis, der Berliner Preis für Literaturkritik und viele andere mehr), da sind die Stipendien, die hier vergeben und wahrgenommen werden, da sind die Autoren- und Übersetzerwerkstätten, die Kooperation mit den Goethe-Instituten, ein wichtiges Autorenlexikon im Internet. Dann der Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa, all diese literarischen Landschaften, die Janetzki übrigens auch gern selbst mit seinem Motorrad erkundet. Und, und, und. Man muss nur einen Blick in Janetzkis Büro werfen, auf die vielen kleinen Zettel und Memos, die überall hängen und herumliegen, um eine Ahnung zu bekommen, auf wie vielen Feldern er gleichzeitig zu wirtschaften hat.

„Zirkusdirektor der Literatur“

Und wenn man danach ein bisschen durch die Räume schlendert, bekommt man ein Gefühl für die Geschichte dieses Hauses, das irgendwie immer für das Literarische bestimmt schien. Es war zwar ein Zementfabrikant und Besitzer eines Kalksteinwerks, der Baurat Robert Guthmann, der diese Villa 1885 errichten ließ. Doch nach seinem Tod war es sein Enkel, der Teile des Hauses an einen Vetter der Mutter Carl Zuckmayers vermietete. So kam es, dass der bekannte Dramatiker hier 1925 seinen „Fröhlichen Weinberg“ schrieb und das Haus gewissermaßen schriftstellerisch einweihte.

Nach raschen Eigentümerwechseln in der Zwischenkriegs- und Kriegszeit waren es 1945 zunächst amerikanische Militärs, die hier Quartier beziehen, und als bald darauf das „Casino-Hotel am Wannsee“ hier seine Pforten öffnet, ist es die aus dem mexikanischen Exil zurückgekehrte Anna Seghers, die hier für einige Monate Ruhe und Erholung sucht. 1962 bestimmt Hans Werner Richters „Gruppe 47“ das Casino zu ihrem Tagungsort, 1963 wird es zum Sitz des Literarischen Colloquiums. Die Ford Foundation übernimmt die Anschubfinanzierung, später wird man auf Gelder des Senats und Drittmittel angewiesen sein. Der Mann, der dahinter steckte, war der vor zehn Jahren verstorbene Walter Höllerer, Professor für Literatur an der Technischen Universität und eine „schlanke, federnde Gestalt“, wie man ihn in Nachrufen genannt hat, ein „Zirkusdirektor der Literatur“. Ulrich Janetzki, sein letzter Assistent, hat nicht nur sein Amt von ihm geerbt, sondern auch seine rastlose Leselust und Umtriebigkeit.

Jedenfalls lernte Höllerer recht schnell nach der Gründung des LCB eine junge Fotografin kennen, Renate von Mangoldt. Sie wurde nicht nur seine Ehefrau, sondern auch die Hausfotografin Am Sandwerder - und heute verdanken wir ihr eine sehr schöne, über fünf Jahrzehnte reichende Dokumentation des literarischen Lebens am Wannsee. Sie erscheint jetzt unter dem Titel „S-Bahn nach Arkadien“ und bietet neben den Bildern eine enzyklopädische Rückschau: von A wie Ablehnung bis Z wie Zigarette und von A wie Volker Altwasser bis Z wie Feridun Zaimoglu.

Pfeifenraucher und Langhaarige

Das liest sich wunderbar und geistreich, ist aber vor allem auch ein schöner optischer Spaziergang durch die jüngere Literaturgeschichte. Diese Ernsthaftigkeit, der staatsmännisch-besorgte Habitus der frühen Jahre! Wir sehen Uwe Johnson, die Pfeife wie festgetackert im Mundwinkel, die Beine seltsam ineinander verknotet, im Gespräch mit Elisabeth Borchers. Ein erkennbar jüngerer, langhaariger Günter Grass, der lächelnd die polnische Übersetzung der „Blechtrommel“ in die Kamera hält. Oskar Pastior, der seine Lesung zelebriert wie ein Hochamt. Friedrich Dürrenmatt im völlig überfüllten Lesungssaal. Der Rausch, die Lichter, der Tanz der Sommerfeste. Max Frisch, Durs Grünbein, Michel Houellebecq, Tomas Tranströmer, und wieder Günter Grass. Der war früher oft hier und kommt gern wieder.

„Der Grass will immer ans Wasser“, sagt Ulrich Janetzki. Er selbst geht nicht so gern da hinunter zum See. Er hat’s am Knie und ist nicht mehr ganz so gut zu Fuß. Wir sitzen jetzt auf der Terrasse, man muss die Aussicht sensationell nennen, und Janetzki erzählt von dem Turmzimmer da ganz oben. Die Schriftsteller streiten sich immer darum, weil die Aussicht da noch sensationeller ist.

Es ist sein letztes Jahr am LCB, 2014 geht er in den Ruhestand. Der Sohn des Gründers, Florian Höllerer, derzeit noch Leiter des Literaturhauses Stuttgart, wird ihm nachfolgen. Drei Jahrzehnte Arbeit, mittendrin liegt die Wende – hat sich da nicht vieles verändert für das LCB? Ist es nicht ein wenig an den Rand gerückt gegenüber dem literarischen Trubel in Mitte, den Lesungen in Prenzlauer Berg, im Vergleich zum Literaturhaus in der Fasanenstraße? Janetzki überlegt kurz und sagt: nein. Man könne das an den Besucherzahlen ablesen oder auch am ungebrochenen Zuspruch der Autoren hier draußen. Vielleicht habe das ja auch damit zu tun, was man nur hier finden könne: Ruhe und Einkehr. Er blickt schweigend auf den See. Zikaden zirpen. Man muss ihm glauben.