„Mutter & Sohn“

Warum sich Netzer ein wenig für seinen Film schämt

Auf der Berlinale gab es Gold, jetzt kommt „Mutter & Sohn“ in unsere Kinos. Und doch ist Calin Peter Netzer sein Film ein wenig peinlich.

Foto: X Verleih

Er war längst wieder in Rumänien, als der Anruf der Berlinale kam, er möge doch zur Preisverleihung noch einmal anreisen. Um welchen Preis es dabei gehe, hat man dem rumänischen Regisseur Calin Peter Netzer nicht verraten. Die Filmfestspiele hatten ihn auch nicht mehr im Hyatt, sondern in einem deutlich kleineren Hotel untergebracht.

Es wurde ihm auch bedeutet, er bräuchte nicht unbedingt eine Limousine, er könne doch auch zu Fuß kommen. „Die haben“, sagt der 37-Jährige, „eine kleine Komödie mit uns gespielt.“ Bei der Preisverleihung wurden dann ständig andere Filme aufgerufen, am Ende blieb nur noch ein Preis übrig. Der Goldene Bär. Was in diesen Sekunden in ihm vorging, weiß Netzer nicht mehr so genau.

Depression und Angstzustände

Jetzt ist der Rumäne wieder in Berlin, um seinen Film zu promoten. „Mutter & Sohn“ kommt morgen in die deutschen Kinos, und mit dem zeitlichen Abstand kann Netzer über den Abend schmunzeln. Aber nur ein bisschen. Dass er den Bären, immerhin einer der wichtigsten Festivalpreise der Welt, bekommen hat, hat viel in ihm aufgewühlt. Dass er – auch von einem internationalen Publikum – verstanden und geschätzt wird, ist natürlich eine Glückserfahrung. Aber: Netzer bekam auch Schuldgefühle. Eben weil der Film jetzt in der Welt ist. Und, dank des Goldbären, nicht nur europaweit, sondern bis nach Brasilien und Neuseeland verkauft wurde.

Ein Regisseur, der sich für seinen Film schämt? Da müssen wir jetzt ein wenig ausholen. „Mutter & Sohn“ handelt von dem, was man heute eine „Helikoptermutter“ nennt. Was aber nur ein neumodischer Begriff für ein Phänomen ist, über das schon die alten Griechen Dramen geschrieben haben: dominante Mütter, die ihre längst erwachsenen Kinder nicht ziehen lassen können, sondern immer noch fremdbestimmen müssen. So ein Muttertier ist die in wohlhabende Cornelia in „Mutter & Sohn“, die beängstigend gut von Luminita Gheorghiu verkörpert wird.

Beklemmendes, aber nachhaltiges Familiendrama

Sie redet dem Sohn in alles hinein, sie hasst ihre Schwiegertochter, weil sie ihr den Sohn vermeintlich entfremdet. Der eigene Gatte spielt hier nur eine Nebenrolle; der Sohn ist das Objekt aller Begierden. Und so grausam das ist: Als der Sohn einen Unfall verursacht und dabei ein Kind tötet, ist das ein Glücksfall für sie. Weil er auf sie angewiesen ist, weil sie für ihn ihre Beziehungen spielen lassen, den betroffenen Eltern auch ein Schweigegeld anbieten kann. Ein beklemmendes, nur schwer erträgliches, aber umso nachhaltigeres Familiendrama. Weil in all den im Grunde schrecklichen Protagonisten am Ende doch etwas Menschlichkeit aufblitzt.

Das ist Gewissensbiss Nummer Eins. Denn natürlich müssen wir dem Regisseur jetzt die Frage stellen, ob seine eigene Mutter denn auch so ein Helikopterwesen ist. Und auch wenn das Ganze natürlich dramaturgisch zugespitzt ist und auch Ko-Autor Razvan Radulescu Seiten von seiner Mutter miteinfließen ließ, ist dies schon eine Auseinandersetzung mit Mutti – die jetzt alle im Kino verfolgen können.

Der Regisseur floh vom Set

Aber dann ist da noch ein zweiter Gewissensbiss. Netzer hat dieser Film regelrecht in die Krise getrieben, nach den ersten Drehtagen war er so weit, dass er am liebsten hingeschmissen hätte. Weil er dieses bedrohlich korrupte, amoralische System in kaum erträglichen Wackelbildern zeigt. Nach den ersten Rohschnitten war Netzer panisch, der Film schien ihm zu radikal, zu verwackelt, jeder Fehler eine Katastrophe. „Ich hatte Depressionen; es gab den Moment, da bin ich geflohen vom Set“, gibt er heute zu. Und druckst herum, als ob er‘s immer noch nicht gern zugeben möchte. Er stand, so analysiert er das jetzt selbst, unter doppeltem Druck: „Bewusst hatte ich Angst vor dem artistischen Ergebnis, unbewusst Angst, dass der Film überhaupt publik wird.“

Muss er nicht. „Mutter & Sohn“ wurde ja nicht nur auf der Berlinale gefeiert. In seiner Heimat, wo der Film am 8. März startete, wenn die Rumänen Muttertag feiern, haben ihn 100.ooo Zuschauer gesehen. Das ist das beste Besucherergebnis seit 15 Jahren in einem Land, wo es außerhalb der großen Städte kaum Kinos gibt und die Leute lieber Mainstream-Filme aus Amerika gucken, meist als illegale Raubkopien.

Traumatischer Bruch mit der Kindheit

Und, auch da müssen wir jetzt nachbohren: Ja, auch Netzers Mutter hat der Film gefallen. Auch wenn der Sohnemann erst Skrupel hatte, ihn ihr zu zeigen. Sie hat ihn aber, bei der ersten Sichtung, als „Hommage“ auf alle Mütter angesehen. Ja, so kann man den Film auch verstehen. „Sie hat“, so der Sohn, „nur die positiven Seiten gesehen. Und alles andere ausgeblendet.“ Als sie dann die ersten Filmkritiken von der Berlinale las, wo von der „Mutter aller Schlachten“, ja vom „Muttermonster“ die Rede war, war sie schon ein wenig entsetzt.

Mutter Netzer ist einst mit ihrem Sohn nach Deutschland nachgezogen, nachdem ihr Mann, ein rumänischer Arzt, sich während eines Kongresses in den Westen abgesetzt hat. Das war 1984, der Sohn war gerade mal acht Jahre alt. Doch während die Eltern heilfroh waren, den Ostblock hinter sich zu lassen, litt der Sohn in seiner neuen Heimat. Aus seiner Kindheit gerissen zu werden, empfand er als traumatisch. Er hat sich nie wirklich eingelebt in Stuttgart, hat sich immer als Fremder gefühlt. Und bestürzte seine Eltern, als er ihnen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs verkündete, er würde nun zurückkehren nach Rumänien.

Die alte Heimat wiederentdeckt

„Meine Eltern haben alles getan, damit es mir einmal besser gehen würde als ihnen“, sagt er heute, „sie hatten gehofft, ich würde Medizin studieren, vielleicht sogar in den USA.“ Stattdessen studierte er, gegen ihren Willen, in Bukarest Film. Und hat sich mit der Kamera in der Hand seine Heimat wieder- und neu entdeckt. So sieht eine gelungene Re-Integration aus. Heute fühlt sich Netzer längst wieder als Voll-Rumäne. Inzwischen überlegen sogar seine Eltern, die demnächst in Rente gehen, ob sie in ihre Heimat zurückkehren sollen.

Der Sohn aber ist jetzt Teil des rumänischen Filmwunders. Nachdem sein Kollege Cristian Mungius 2007 für das Abtreibungsdrama „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ erst die Goldene Palme von Cannes und dann auch noch den Europäischen Filmpreis gewonnen hat, ist das Kino seiner Heimat im Aufwind. Und das, obwohl die Filmförderung dort gerade um die Hälfte gestutzt wurde und das rumänische Fernsehen pleite ist und als Koproduzent auch ausfällt. Filme zu drehen ist nur noch möglich mit Koproduzenten aus dem Ausland. Aber auch die setzen lieber auf Projekte mit bekannteren Namen.

Rumänen im Aufwind

Immerhin: Durch die Festivalpreise ist nun auch das Ausland auf die junge Filmnation aufmerksam geworden. Nicht umsonst sitzt Mungius derzeit in der Jury von Cannes, neben Nicole Kidman, Steven Spielberg und Christoph Waltz. Das stärkt die Position im eigenen Land. Und auch wenn sie sich nicht selbst so sehen wollen, sind Mungius und Netzer jetzt in Rumänien so etwas wie Sprachrohre für ihre Branche. „Klar kann ich zuhause jetzt ganz anders auftreten“, bestätigt Netzer, „und es soll jetzt auch Gespräche mit Politikern geben, dass sich etwas in unserer Filmpolitik ändert. Aber“, er hält inne, „wenn, dann muss das bald geschehen.“ Wenn man in „Muter & Sohn“ gesehen hat, wie in Rumänien Dinge hintenrum gelöst, gedreht und geschmiert werden, sollte man da nicht allzu optimistisch sein.