Literatur

Taiyse Selasi hat für Roman von eigener Familie abgekupfert

Mit „Diese Dinge geschehen nicht einfach so“ hat Taiyse Selasi ein Romandebüt hingelegt, das die Kritik bezaubert und auf der Buchmesse Leipzig gefeiert wurde. Das Buch ist wie ein Stück von Ibsen.

Foto: Foto: Gaby Gerster

Er hätte es besser wissen sollen. Der Mann ist immerhin Arzt, einer der besten seines Fachs. Er müsste Symptome für einen Herzinfarkt auch an sich selbst erkennen. Aber so fällt der ghanaische Doktor Kweku Sai eines Morgens barfuß in seinem Garten um und stirbt einen simplen, einsamen Tod.

Damit haben wir jetzt schon circa 40 Seiten des Romans verraten. Und allen Freunden von Handlung und Aktion sei gleich gesagt: Viel mehr wird auch nicht passieren. Kwekus nigerianische Ex-Frau wird ihre vier Kinder aus den USA mobilisieren, um bei der Bestattung in Afrika dabei zu sein. Das war es im Grunde. Klingt, hm, nicht sehr handlungsintensiv.

Das Romandebüt von Taiye Selasi aber ist wie ein Stück von Ibsen. Da geht das Drama auch los, wenn alles schon passiert sind. Da sind die Figuren auch alle im Gestern verhaftet, sehnen sich nach Erinnertem oder flüchten davor. In dem Roman mit dem unglaublich langen, unglaublich poetischen Titel „Diese Dinge geschehen nicht einfach so" hat die Familie der Sais ganz schön viel zu verkraften: dass der Papa eines Abends seinen Sohn nach Hause bringt, aber dann wieder wegfährt und nicht mehr wiederkommt.

Fast inzestuöse Zwillinge

Dass die plötzlich allein erziehende Mutter zwei ihrer Kinder zu ihrem Bruder nach Afrika gibt, ohne zu wissen, dass der ein Mafia-Pate und für die ohnehin fast inzestuös verbundenen Zwillinge nicht der beste Einfluss ist. Und der Älteste hat, wie schon sein Vater, in den USA wegen seiner Hautfarbe zu kämpfen. Vorurteile gegen Schwarze sind durchaus kein Relikt aus alten Zeiten, sie werden nur besser kaschiert.

Da brodelt viel Aufgestautes in jedem der Sais, ohne dass er‘s dem Anderen erzählen würde. Solche Dinge erzählt man nicht einfach so. Auch der Leser erfährt das immer nur als Introspektion und Rückschau. Die Familienbande haben sehr darunter gelitten. Folgerichtig brechen die alten Wunden auf, als sie erstmals seit Jahren wieder vollzählig versammelt sind. Und es scheint fast, als ob mit dem fremden Vater gleich die ganze Familie zu Grabe getragen würde.

Der Weltbürger mit afrikanischen Wurzeln

Taiye Selasi, die mit ihrem Romandebüt schon als neuer Stern gefeiert wird, hat ghanaische und nigerianische Wurzeln, wurde in London geboren, wuchs in Massachusetts auf, studierte in Yale und Oxford und lebt heute in Rom. Die 33-Jährige ist „afropolitan“, ein Begriff, den sie 2005 selbst geprägt hat, in einem viel beachteten Essay („Bye Bye Babar“).

Der gibt einer wachsenden Bevölkerungsgruppe einen Namen, die sich schwer tut mit der einfachen Frage, woher man komme. Die eine kosmopolitsche, urbane Avantgarde vertritt, die so gar nicht den Klischees von Afrika – Armut, Kriege, Hungersnot – entspricht.

Bei der eigenen Familie abgeguckt

Für ihren Roman hat Selasi, dazu steht sie, freimütig von ihrer eigenen Familiengeschichte abgekupfert. Aber das hat auch Thomas Mann in den „Buddenbrooks“ getan, und es ist ihm nicht schlecht bekommen. Und Selasis Eltern haben (ganz im Gegensatz zu Manns Verwandten!) – dem Buch die Absolution erteilt. Weil sie sagen: „Diese Leute sind nicht wir.“ Selasis unglaublich stilsicheres, sprachlich hochvirtuoses Buch ist so etwas wie der erste afropolitische Roman. Und doch in vielem wieder so allgemeingültig, dass auch jeder, dessen Verwandtschaft nicht über die Kontinente versprengt ist, sich in diesen Sais wiederfinden kann.

Taiye Selasi: Diese Dinge geschehen nicht einfach so. Fischer, 400 Seiten, 22,99 Euro