Film

Es regnet, aber was soll’s - wer kann, ist in Cannes

Das 66. Filmfestival wurde mit „Der große Gatsby“ eröffnet. Gleich zur Eröffnung gab es Stars satt. Und das wird auch die nächsten Tage so bleiben.

Foto: AP

Sonst schaut man ja immer sehnsüchtig nach Cannes. Da scheint die Sonne, da ist schon der Frühsommer ausgebrochen. Aber von wegen. Leichter Regen hat kurz vor der Eröffnung der Filmfestspiele einen Schleier über den zu erwartenden Glanz und Prunk bekannten Wettbewerb gelegt. Kein Vergleich immerhin zum letzten Jahr, wo regelrechte Stürme die Regenschirme über den Strand peitschten und das Meerwasser bis an die Promenadencafés schwappte. Aber ob die Sonne scheint oder nicht: Wer beim Film ist, der will an zwei Orte. Das hat uns neulich auch Berlinale-Chef Dieter Kosslick mit Seufzen gestanden: nach Hollywood. Und nach Cannes.

Cannes ist nicht nur das größte unter den drei wichtigsten A-Festivals. Hier tummeln sich am meisten Stars, um über die berühmte Croisette zu schreiten. So einen roten Teppich gibt es nicht mal in Venedig, wo sowieso nicht so viele Schaulustige aus der Lagunenstadt auf die Badeinsel rüberschippern. Und in Berlin macht es auch nicht immer Spaß, bei Eiseskälte auf die Stars zu warten. Denen macht es, das sei nur auch gleich verraten, auch keinen Spaß, in Abendgarderobe zu bibbern.

Nicole Kidman überragt alle

Cannes kann aber keiner abschlagen. Was gestern allein für die Internationale Jury über den roten Teppich schritt, ist beispiellos. Da ist Nicole Kidman, die mit ihren High Heels alle überragte, der taiwanesische Regisseur Ang Lee, der gerade den Oscar für „Life of Pi“ bekam. Und Christoph Waltz, wiederholter Oscar-Sieger, der in Cannes einst in „Inglourious Basterds“ für die Welt entdeckt wurde und deshalb ganz befangen war. „Ich muss zugeben: Als ich diese Stufen hochgelaufen und zum Photocall gegangen bin, habe ich vergessen, dass ich in einer Jury bin – die Erinnerungen sind noch zu stark!“

Über allen aber thront, als Jury-Präsident, Steven Spielberg. Einer, wie es Thierry Frémaux, der allmächtige künstlerische Direktor des Festivals, wissen ließ, „den wir als Regisseur kennen, von dem wir aber nicht wissen, wer er als Zuschauer sein wird.“ Der Star-Regisseur hat zum Einstand eindringlich vor der Piraterie von Kinofilmen gewarnt. Dies sei wie „das Durchtrennen einer Pulsader“, sagte der 66-Jährige. Doch gehe es bei der Verfolgung der Täter voran. Es würden Spuren gefunden, wie ein Film illegal im Internet auftauchen könne.

Das Recht auf die erste Nacht verloren

Nicht zuletzt deshalb werden heute so viele 3-D-Filme gedreht. Nicht, weil die Effekte so schön sind. Auch nur bedingt, weil damit ein Aufschlag an der Kinokasse möglich ist. Sondern vor allem, weil die nicht so leicht kopiert werden können. Gestern Abend wurden die Festspiele auch mit einem solchen 3D-Werk eröffnet, der pompösen Neuverfilmung des „Großen Gatsby“ von Baz Luhrmann. Das hat gleich zum Auftakt Stars satt gebracht: Leonardo DiCaprio, Carey Mulligan und Tobey Maguire. Das wäre ein Hongischlecken für jedes Festival. Auch wenn ein kleiner Wermutstropfen damit verbunden ist. Weil nämlich die Gäste aus den USA und Kanada, ja selbst solche aus Indien, der Türkei, Vietnam und der Dominikanischen Republik, sofern anwesend, diesen Film längst kennen. Weil bei ihnen zuhause „Der große Gatsby“ längst regulär im Kino läuft.

Die Exklusivität, das Recht der ersten Nacht, die das wichtigste Filmfestival der Welt bisher wie selbstverständlich reklamierte, ist durchlöchert. In dem Heißhunger, sich diesen – vermeintlich – glamourträchtigsten Film des Jahres zu sichern, hat Cannes für eine Handvoll Stars auf dem Teppich Tradition und Selbstrespekt in die Bucht geworfen.

Vergnügungswütige Ära

Bleibt die Frage, ob es der Film wert war. Auf den ersten Blick schienen Großer Gatsby und Baz Luhrmann eine im Himmel geschlossene Ehe; der Regisseur, der schon die Belle Epoque („Moulin Rouge“) und das elisabethanische England („Romeo & Julia“) einer erfolgreichen Frischzellenkur unterzog, belebt die vergnügungswütigen Zwanziger neu.

Nun handelt es sich bei F. Scott Fitzgeralds Roman um ein amerikanisches Heiligtum; er wird als Kronzeuge für unzählige Traktate über den amerikanischen Traum herangezogen und als Steinbruch für ständige Neuinterpretation benutzt. Anders als Theaterregisseure, die Sophokles oder Schiller neu deuten, hat Baz Luhrmann jedoch keine moderne Interpretation anzubieten.

Maximaler Exzess

Bei ihm geht es nie um historische Korrektheit, sondern um höchstmögliche Künstlichkeit, maximalen Exzess. Das rufen einem nicht nur die Bilder zu, das signalisieren auch die Schauspieler, denen Luhrmann zugunsten gestelzter Stilisierung den letzten Rest von Natürlichkeit ausgetrieben hat. Das ist, wohlgemerkt, eine Zustandsbeschreibung, keine Wertung, denn wenn Luhrmann überhaupt ein Statement abgibt, dann jenes, dass die Dekadenz der Zwanzigerjahre und der Hedonismus unserer Konsumgesellschaft zwei Seiten der gleichen Medaille darstellen.

Luhrmann steht ein Star zur Verfügung, Leonardo DiCaprio, der jetzt 38 Lenze zählt und weiterhin die blau-grünen Augen und das blonde Haar von „Titanic“ aufweist. Aus dem schmächtigen Burschen jedoch ist ein Mann von Substanz geworden, dessen Stimme Gewicht besitzt, und Baz Luhrmann nimmt ihn auf, wie man im klassischen Hollywood Stars gefilmt hat, als ein Glamourwesen, dem Bewunderung gebührt. DiCaprio – abwechselnd traurig und selbstbewusst, charmant und verzweifelt - ist die beste Gatsby-Inkarnation, die die Leinwand bisher sah, überlegen auch Robert Redford aus der Verfilmung von 1974.

Redford, Soderbergh, Polanski

Ein Teil der Magie von Cannes besteht in der alles durchdringenden Präsenz von Filmgeschichte. So wird auch der Gatsby a.D. Robert Redford anwesend sein, mit seinem neuesten Film „All is Lost“, einem Ein-Mann-Stück à la Hemingways „Der alte Mann und das Meer“, der zweiten großen Schriftstellerikone neben Fitzgerald Auch Michael Douglas und Matt Damon kommen zum 66. Festival, in Steven Soderberghs „Behind the Candelabra“, Justin Timberlake im neuen Film der Brüder Coen „Inside Llewyn Davis“, Mathieu Amalric in Roman Polanskis „La Vénus à la Fourrure“, Ryan Gosling in „Only God Forgives“ und Tilda Swinton im Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive“.

Mal wieder kein deutscher Beitrag im Wettbewerb

20 Filme sind im Rennen um die Goldene Palme von Cannes. Ein deutscher Beitrag ist wieder mal nicht dabei; leider eine traurige Tradition in Cannes. Deutschland ist lediglich im Nebenwettbewerb Un certain regard vertreten mit dem Spielfilmdebüt „Tore tanzt“ der Hamburger Regisseurin Katrin Gebbe. Und die Berliner Filmhochschulabsolventin Daria Belova präsentiert hier ihren Kurzfilm „Komm und spiel“. Durch die Eröffnungsgala führte übrigens die als „Amélie“ weltweit berühmt gewordene Französin Audrey Tautou. Sie hatte per SMS von ihrer Auswahl als Zeremoniemeisterin erfahren. „Das Angebot hat mich etwas aus dem Gleichgewicht gebracht“, gestand sie. Sie habe „zwei oder drei Tage“ überlegen müssen. „Am Ende habe ich mich geweigert, mir zu erlauben, von Angst beherrscht zu werden.“