Filmfestspiele

Berliner Beitrag für Cannes - 30 Minuten tödliche Spiele

Am kommenden Mittwoch startet das Filmfestival in Cannes. Der deutsche Film ist dort mal wieder kaum vertreten. Aber die Berliner Nachwuchsfilmerin Daria Belova darf einen Kurzfilm zeigen.

Foto: Reto Klar

„Ich konnte die Nachricht zuerst kaum fassen. Ich war so aufgeregt, schreckte immer wieder hoch. Man hätte einen sehr lustigen Dokumentarfilm über mich drehen können“, lacht Daria Belova. Die Berliner Regiestudentin beschreibt den Moment vor knapp drei Wochen, als sie erfuhr, dass ihr Kurzfilm „Komm und spiel“ nach Cannes eingeladen ist, dem weltweit wichtigsten Filmfestival, das nächsten Mittwoch beginnt.

„Als ich die Mail auf meinem Handy las, war ich etwas verkatert von der Nacht zuvor, und habe die Nachricht zunächst für einen Scherz gehalten.“ Dann hat sie es noch mal gelesen. Und noch mal. „Irgendwann ist dann der Groschen gefallen und ich habe einen Freudenschrei ausgestoßen. Wow, ich fahr nach Cannes!“

Jetzt, einige Tage vor dem Abflug, ist die 31-jährige Nachwuchsfilmerin wieder etwas gefasster. Oder noch, denn der Rummel steht ihr ja erst noch bevor. Auch Jan Schütte, Leiter der Deutschen Film- und Fernsehakademie am Potsdamer Platz, wo die gebürtige Sankt Petersburgerin seit fünf Jahren studiert, ist sichtlich stolz darauf, dass ihr Film in die Nebensektion Semaine de la Critique eingeladen wurde.

Kriegsspiel in Berliner Wäldern

Ihr 30-minütiger Schwarzweißfilm folgt dem zehnjährigen Grisha beim nachmittäglichen Kriegsspielen in Berliner Wäldern, bei dem sich zunehmend Gegenwart und Vergangenheit zu einer alptraumhaften Vision vermischen. Ein Film gegen das Vergessen, wie Belova es nennt. „In Berlin spürt man, dass die Geister der Vergangenheit noch präsent sind“, sagt sie. „Ob es Straßennamen sind oder Häuser mit Einschusslöchern, die Wunden des Kriegs sind immer noch allgegenwärtig. Die Zeit vergeht, aber die Vergangenheit verschwindet nicht.“

Sie habe sich beim Anblick von alten Gebäuden und Bäumen, die den Krieg noch erlebt haben, gefragt, was sie erzählen würden, wenn sie reden könnten. Dieses „Gedächtnis von Orten“ hat sie in beeindruckende, bisweilen surreale Bilder und Töne verwandelt, etwa wenn die Bäume von körperlosen Händen umgriffen werden oder ohrenbetäubende Detonationen die friedliche Ruhe zerreißen.

Auf sie wartet ein strammes Programm

Gedreht hat sie den Film in und um Berlin, aber das ist nicht immer erkennbar. „Anfangs sieht man Orte wie Unter den Linden, aber mir war wichtig, dass sie im Laufe des Films immer weniger als Berlin erkennbar sind, weil die Stadt nur der Ausgangspunkt ist und es um Kriegserfahrung an sich geht.“ So gibt es etwa eine Szene, in der Grisha einem Paar im Birkenwald begegnet, mit der Belova bewusst den Tarkowski-Klassiker „Iwans Kindkeit“ zitiert, auch Momente aus anderen Antikriegsfilmen lässt sie einfließen. „Mir war das wichtig, denn wie Grisha durch das Gedächtnis der Orte beeinflusst wird, sind wir als Zuschauer von dem geprägt, was wir vom Krieg aus Filmen und Fotografien kennen.“ Kopfkino, wie Cannes es liebt.

Dort wartet ein strammes Programm auf die Nachwuchsregisseurin. „Es gibt schon einen ganz langen Brief vom Festival, in dem steht, wo ich jeden Tag überall sein soll“, sagt sie. So genau hat sie sich den aber noch nicht angesehen. Sicher sind auf jeden Fall die drei Vorführungen des Films, bei denen sie dabei sein und Fragen des Publikums beantworten wird. Sie hofft, dass viele „Komm und spiel“ sehen und ihr auch ihre Meinung sagen.

Verliebt in Berlin

Außerdem will sie mit anderen Filmemachern ins Gespräch kommen. Und vielleicht Produzenten für zukünftige Projekte kennenlernen. „Ich freu mich aber auch darauf, Freunde aus Russland und Frankreich wiederzusehen, die beruflich jedes Jahr in Cannes sind. Ich hatte es bisher nie geschafft und jetzt fahre ich gleich mit meinem eigenen Film. Das ist natürlich toll!“

Vor fünf Jahren ist sie nach Berlin gezogen. Sie hatte sich bei der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) beworben und wurde gleich angenommen. Zuvor hatte sie russische Literatur studiert und anschließend in Sankt Petersburg und Moskau aus Journalistin beim Fernsehen gearbeitet. Damals hatte sie bereits begonnen, nebenbei mit Videokunst zu experimentieren. „Aber ich wusste, dass ich Filmregie richtig erlernen wollte. Man kann zwar auch ohne Studium Filmemacher werden, aber eine Ausbildung von der Pike bringt einfach eine ungeheure Sicherheit. Dann kann man auch wieder experimentieren.“

Bewerbung auf Russisch

Warum ausgerechnet Berlin? „Ich war damals im Sommer für einen Monat hier. Mir hat die Stadt total gefallen. Und plötzlich dachte ich: Warum studiere ich nicht gleich hier?“ Über die dffb wusste sie fast nichts, als sie sich bewarb, ein paar Brocken Deutsch konnte sie. „Aber das war nicht viel mehr als Sätze wie ‚Könnten Sie bitte das Fenster öffnen?’ Ich habe die Bewerbung auf Russisch geschrieben und mit dem Wörterbuch übersetzt. Ich weiß nicht, was sie davon verstanden haben.“

Die ersten zwei Monate waren anstrengend, weil sie dem Unterricht kaum folgen konnte. Doch sie lernte schnell und hat ihren Schritt nie bereut. „Wenn man in ein anderes Land geht, ist es anfangs sehr schwierig. Ich hatte große Sehnsucht nach Zuhause“, gibt sie zu. „Aber dann verändert sich etwas im Kopf und man bekommt neue Perspektiven. Das ist gut und wichtig. Man erkennt, dass die Grenzen zwischen den Ländern gar nicht so bedeutend sind.“ Sie kann sich gut vorstellen, auch in Russland, Frankreich oder anderswo zu drehen.

Auf der Suche nach Produzenten

Für die Zeit nach Cannes hat sie bereits konkrete Pläne. Im Sommer will sie einen mittellangen Film drehen, diesmal nicht über die Vergangenheit Berlins, sondern über die Gegenwart, die ständige Veränderung der Stadt. „Dauernd kommen neue Leute aus aller Welt nach Berlin, andere ziehen weg. Neue Clubs und Bars machen auf und sind ein paar Wochen später oft schon wieder weg.“ Diesen Jetzt-Zustand will sie auf Film festhalten, eine Mischung aus Doku und Spielfilm. Und es soll ganz anders aussehen: „digital und in Farbe, sehr experimentell.“ Da ist sie wieder, die begeisterte Aufregung. Derzeit schreibt Daria Belova das Drehbuch. Und vielleicht findet sie ja nächste Woche in Cannes einen Produzenten dafür.