Film „Stoker“

Wie Nicole Kidman das Gruseln gelehrt wird

Koreas Regie-Enfant terrible Park Chan-wook feiert mit „Stoker“ seinen Hollywood-Einstand. Mit dem verstörenden Thriller bürstet er das Genrekino gegen den Strich und hinterlässt bleibenden Eindruck.

Foto: © 2012 Twentieth Century Fox

Es gibt zwei Varianten, wie Hollywood sich gern auswärtige Talente einverleibt. Entweder wird einfach ein Remake eines erfolgreichen Films in den USA gedreht, mit den eigenen Stars. Oder aber man lockt das Talent gleich selbst nach Los Angeles, um ihn einen Studio-Film drehen zu lassen. Bei dem Südkoreaner Park Chan-wook gibt es den seltenen Fall, dass nun beide Varianten fast zeitgleich angewandt wurden. Von seinem Sensations-Erfolg „Oldboy“, der in Cannes 2004 Schocker auslölste, aber auch den Großen Preis der Jury einbrachte, hat Spike Lee gerade ein Remake mit Samuel L. Jackson abgedreht. Und morgen startet in unseren Kinos „Stoker“, Parks Hollywood-Einstand.

Die Igitt-Szene mit der Spinne

Wer zu spät kommt oder den Vorspann nicht liest, wird sich zunächst in einem ganz normalen US-Genrefilm wähnen. Ein abgelegenes hochherrschaftliches Haus. Ein junges Mädchen (Mia Wasikowska), das just an seinem 18. Geburtstag seinen Vater verliert. Ihre offensichtlich neurotische Mutter, die von Nicole Kidman mit ihrer gewohnten Zugeknöpftheit perfekt verkörpert wird. Und der Bruder des Vaters (Matthew Goode), der plötzlich auftaucht und von dem die Nichte noch nie gehört hat. Der Mann lächelt immer ein wenig zu glatt, und merkwürdige Dinge passieren, seit er da ist. So weit, so Genre.

Es gibt aber von Anfang an Bilder, die sich vom herkömmlichen Hollywood-Mainstream abheben. Kleinigkeiten, Nichtigkeiten, die sich sofort einbrennen: Die offensichtliche Lust, mit der Mädchen eine Warze ausdrückt. Oder die Spinne, die es an seiner Strumpfhose hochkrabbeln lässt. Da gibt es die ersten Ihh-Rufe im Kino. Und obwohl später noch viel abgeschmacktere Szenen folgen werden, werden doch alle von der Spinne reden.

Abonniert auf Rache-Dramen

Bei „Oldboy“ war es ähnlich: Da nimmt ein Mann, der 15 Jahre lang gefangen gehalten wurde, blutige Rache. Im Gedächtnis aber bleibt für alle Zeiten die unappetitliche Szene, wie der Mann eine lebendige Krake isst und deren Tentakeln sich noch verzweifelt um seinen Kopf winden. Ein Todeskampf, in eine einzige Metapher gebrannt: Der Mann muss erst andere töten, um sich wieder lebendig zu fühlen.

„Oldboy“ (2003) war der mittlere Teil von Parks Rache-Trilogie, nach „Sympathy for Mr. Vengeance“ (2002) und „Sympathy for Lady Vengeance“ (2005), in denen, der Name sagt alles, mal ein Mann, mal eine Frau radikal Vergeltung üben. Sie tun das mit einer Brutalität und Konsequenz, dass das Publikum die titelgebende Sympathie niemals aufbringen können.

Betörende Bilder, schlimme Gewalt

Park-Filme sind stets ethisch-moralische Balance-Akte, die das Gut-Böse-Schema schon bald in Zweifelsäure auflösen. Und den Zuschauer provoziert und verstört zurücklassen. Gerade für seine Rache-Filme ist der Südkoreaner berühmt-berüchtigt, für die grenzenlos schönen, von seinem Dauer-Kameramann Chung-hoon Chung betörend aufgenommenen und überhöhten Bilder, die in krassem Gegensatz zu der brachialen Gewalt stehen. Unnötig zu erwähnen, dass einer der größten Park-Fans auf den Namen Quentin Tarantino hört.

Wird der Koreaner seine Blutspur nun auch in Hollywood fortsetzen? Wir dürfen an dieser Stelle ein wenig Entwarnung geben. In „Stoker“ geht es einmal nicht um Rache, sondern um das sexuelle und auch sonstige Erwachen eines anämischen Mädchens. Zwar spritzen am Ende feine Blutfontänen auf satte Feldblumen, wieder so ein typischer Park-Kontrast, und auch zwischendrin gibt es einige hässliche Momente.

Reminiszenzen an Hitchcock

Aber die Schock-Momente entladen sich nicht in den gewohnten Gewaltexzessen. Und trotz des Titels, der auf den „Dracula“-Autor Bram Stoker zu verweisen scheint, ist „Stoker“ auch kein Vampirfilm wie Parks letzter Film „Durst“ (2009). Hat Hollywoods Industrie Koreas Enfant terrible also weich gespült?

Man mag anfangs ein wenig an „The Others“ denken, weil schon wieder eine depressiv wirkende Nicole Kidman durch ein schlossähnliches Anwesen traumwandelt. Die ausgestopften Vögel, mit denen sich das hobbyjagende Töchterlein umgibt, sind nicht der einzige Verweis auf Hitchcock. Aber der Koreaner macht aus alledem doch ganz klar einen Park-Film mit eigener Signatur. Nein, da höhlt einer das System von innen aus. Selbst seine junge Hauptdarstellerin Mia Wasikowska, vor allem aus Tim Burtons „Alice im Wunderland“ bekannt, wird hier an Abgründe geführt, an die sich Burton nie gewagt hätte. Eine Alice im Wunden-Land.

Buchstäblich eine Leiche im Keller

Der Onkel bezirzt nicht nur seine Schwägerin, sondern bald auch seine Nichte, letztere mit einem Klavierduett, das mehr Spannung verrät, als es jede Beischlafszene könnte. Später schickt er sie in den Keller, wo buchstäblich eine Leiche liegt. Auf diese Weise will er sie zur Komplizin machen. Und tatsächlich hat das Mädchen mehr mit diesem offensichtlich hoch gefährlichen Mann zu tun, als man annehmen möchte. Sie sind, da bleibt sich Park schon treu, vom selben Blut.

Vielleicht kann man das Ganze auch als völlig andere Metapher sehen: Park Chan-Wook ist so ein netter Onkel aus der Fremde, der das alte Haus, also Hollywood, betritt und gehörig durcheinander bringt. Er bürstet das Genrekino gegen den Strich, bricht mit den üblichen Erwartungshaltungen, um sie an anderer Stelle umso drastischer zu erfüllen. Und man ahnt, dass dabei ein ähnlich feines Lächeln um seine Lippen spielt wie bei Matthew Goode im Film. Es bleibt abzuwarten, ob „Stoker“ nur ein Ausflug war oder ob sich Park auf Dauer im westlichen Kino einrichten wird. Sein verstörender Thriller ist auf jeden Fall eine Visitenkarte, die bleibenden Eindruck hinterlässt.