Konzert

Meat Loaf verabschiedet sich von seinen Berliner Fans

Sänger Meat Loaf hat gesundheitlich einiges durchgemacht. Der stimmstarke Entertainer setzt sich zur Ruhe. In der Berliner O2 World wirkte er zwar angestrengt, aber er gab noch einmal alles.

Foto: Marc Tirl / dpa

Mit einem gewaltigen Tusch will er sich vom Tourneeleben verabschieden. Und er versucht, noch einmal alles zu geben.

Meat Loaf, der mächtige texanische Sänger und Schauspieler, der vor 36 Jahren mit seinem Partner und Komponisten Jim Steinman das Mammutwerk „Bat Out Of Hell“ in die Rockgeschichte gemeißelt hat, will sich nicht länger den Strapazen großer Tourneen aussetzen. Und verabschiedet sich von seinen Fans mit dem aufwendigen Tournee-Spektakel „Last At Bat“.

Rund 7500 Besucher haben sich am Sonntagabend in der Berliner O2 World versammelt, um noch einmal diesen fülligen, augenrollenden, stimmstarken Rock-Entertainer zu erleben.

„When I’m Sixty Four“ von den Beatles läuft - wie passend - zur Einstimmung, bevor Meat Loaf mit seiner druckvollen Sechs-Mann-Band The Neverland Express samt Sängerin Patti Russo im Lichtgewitter die Bühne entert und die Show mit „Running For The Red Light (I Gotta Life)“ vom 1995-er-Album „Welcome To The Neighbourhood“ eröffnet.

Der erste Teil des Abends ist neueren Songs wie „Los Angeloser“ (2010) oder „The Giving Tree“ (2011) vorbehalten. Aber es gibt auch Hits wie „Dead Ringer For Love“ von 1981, den er einst im Duett mit Cher aufgenommen hat. Nun übernimmt die wunderbare Patti Russo, Meat Loafs langjährige Studio- und Live-Partnerin, die Rolle souverän.

Es sind vor allem Stimmprobleme

Auch die Ballade „Objects in the Rear Mirror May Appear Closer Than They Are“ macht mächtig Druck. Meat Loaf hat nicht nur einen Hang zu überbordenden Arrangements, sondern auch zu ziemlich langen Songtiteln. Es sind gesundheitliche Probleme, wegen derer Meat Loaf dem Tourneeleben künftig entsagt. Aber es sind vor allem Stimmprobleme, die ihn bei seiner Arbeit behindern.

Der Schlag mit dem Baseball-Bat ist schwach geworden, die Fledermaus ein wenig flügellahm. Aber Meat Loaf versucht noch immer, höchste Höhen zu erreichen. Es gelingt nicht immer. Er verfehlt schlicht die Töne. Mitunter muss man die Melodien geradezu erraten. Man sieht ihm die Anstrengung an. Aber er kaschiert die Schwächen mit schauspielerischem Geschick und versucht, sein Bestes zu geben.

Die Musiker wuchten die Klassiker lautstark und in bestem Sound in die Berliner Mehrzweckhalle. Bilder auf einer Großleinwand illustrieren die Stücke, die allesamt kleine Mini-Dramen, handliche Rock-Musicals voller Power und Pathos sind.

In den 70er- und 80er-Jahren war Meat Loaf der Heldentenor des Rock’n‘Roll, setzte seinen vieroktavigen Stimmumfang massiv ein, sang emotionsgeschüttelte Balladen und exzessive Motorrad-Rock-Arien, die in Themen von jugendlichem Aufbegehren und pubertärer Lust schwelgten. Theatralischer Hardrock von wagnerianischer Wucht.

Noch immer in Top-Ten der meistverkauften Alben

Doch seine Großtat heißt immer noch „Bat Out Of Hell“. Das legendäre Album wurde bis heute mehr als 45 Millionen Mal verkauft, steht noch immer in der Top-Ten der meistverkauften Alben aller Zeiten. Das weiß auch Meat Loaf. Und so führt er im zweiten Teil des Abends zum letzten Mal in Berlin das komplette Epos auf. Alle sieben ausufernden Stücke, so, wie sie auf Platte eingespielt wurden.

Quasi als Ouvertüre sieht man Jim Steinman auf der Leinwand, wie er das Thema am Flügel ausbreitet – dann brettert die Live-Band los. Während sich eine gigantische aufblasbare Fledermaus drohend im Bühnenhintergrund erhebt, kämpft sich Meat Loaf durch den Titelsong.

Er schmachtet tränenselig und wenig stimmsicher bei „Heaven Can Wait“, er gibt den libidinösen Romeo im furiosen „Paradise By The Dashboard Light“, bei dem wieder aufblasbare Figuren zum Einsatz kommen, diesmal ein dralles kopulierendes Liebespärchen.

Zwischen den einzelnen Stücken gibt es auf der Leinwand Ausschnitte aus einer Dokumentation zur Entstehung des „Bat Out Of Hell“-Albums, Interviews mit Meat Loaf, Jim Steinman, Produzent Todd Rundgren, den Sängerinnen Ellen Fowley und Karla DeVito. Das ist zwar ganz interessant, dem Energiefluss der Musik aber eher hinderlich. Eine dramaturgisch unglückliche Idee, die die Show ausbremst und ein bisschen Volkshochschulatmosphäre aufkommen lässt.

Meat Loaf spielt die Rolle, die sein Publikum sehen will

Meat Loaf müht sich standhaft und gibt alles, was er noch zu geben vermag. Er erzählt kleine Anekdoten, dankt seinem Publikum mit Tränen in den Augen für die jahrelange Treue. „Wenn es nicht jeden einzelnen von Euch gegeben hätte, würde ich nicht hier stehen“, sagt er voll Rührung - und geht dann wieder ganz auf in der Rolle des stiernackigen Rockmonsters.

Michael Lee Aday, so sein bürgerlicher Name, spielt den rastlosen Meat Loaf, die Rolle, die sein Publikum sehen will. Und versucht sich zur Zugabe an der Rockballade „I’d Do Anything For Love (But I Won’t Do That)“ und einem Medley vor wehender Schwarz-Rot-Gold-Fahne, das in „All Revved Up With No Place To Go“ mündet.

Nach diesem Abend versteht man seinen Entschluss, die so eingängigen wie schwierig zu singenden Lieder nicht mehr durch die Rockarenen der Welt tragen zu wollen. Meat Loaf ist 65 Jahre alt, hat mehrere Zusammenbrüche, Gehirnerschütterungen und Operationen hinter sich. Und er hat eingesehen, dass er die musikalische Last der Rock-Epen von Jim Steinman live nicht mehr zu schultern vermag.

Dennoch ist er bereits wieder im Studio, um eine neue Platte mit Jim Steinman aufzunehmen. Und er spielt mit dem Gedanken, wieder mehr als Schauspieler zu arbeiten. Er denkt sogar an eine Las-Vegas-Unplugged-Show.

Zur Ruhe setzen kann sich ein so umtriebiger Showmann nun mal nicht. Meat Loaf bleibt uns erhalten. Und „Bat Out Of Hell“ bleibt sein Meisterstück, das in der Erinnerung von ewiger Strahlkraft bleibt.

Dankbarer Applaus brandet auf. Ein letztes Mal.