Ausstellung

Erbgut - der Mensch ist zur Hälfte eine Banane

Von Klonschaf „Dolly“ übver „CSI“ bis „Jurassic Park“: Eine neue Sonderausstellung erinnert im Berliner Museum für Naturkunde in Mitte an die Entdeckung der DNA-Struktur vor 60 Jahren.

Foto: Museum für Naturkunde

Wie viel Schimpanse steckt in uns allen? Oder wie viel Banane? Und was hat eine Büroklammer mit einer der größten wissenschaftlichen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts zu tun?

Diesen Fragen widmet sich vom heutigen Dienstag an die neue Sonderausstellung "EntwicklunGEN – 60 Jahre Entdeckung der DNA-Struktur" im Museum für Naturkunde.

Am 25. April 1953 veröffentlichten die späteren Nobelpreisträger James Watson und Francis Crick im Fachjournal "Nature" ihren Aufsatz mit dem Titel "A Structure of Deoxyribose Nucleic Acid", in dem sie erstmals die Doppelhelix-Form jener Erbinformationen beschrieben, die alle Lebewesen auf Erden miteinander teilen.

In wenigen Jahrzehnten vollzog sich eine rasante Entwicklung. Erst vor 33 Jahren wurde erstmals der komplette genetische Code eines Lebewesens entschlüsselt. Der genetische Fingerabdruck, der wie ein Strichcode einer Person zugeordnet werden kann, ist erst seit 1984 bekannt. 1996 machte Klonschaf "Dolly" Schlagzeilen.

60 Jahre nach Watson und Cricks Veröffentlichung kommt kein Fernsehkrimi mehr ohne DNA-Analysen aus, diskutieren Verbraucherschützer über genveränderte Lebensmittel, Ethiker über Klontechnik, lassen Zehntausende Männer ihre Vaterschaft überprüfen. "Kein Molekül hat unser Verständnis von der Welt so verändert", sagt Museumschef Johannes Vogel. "DNA ist buchstäblich überall."

Obwohl das nicht nur im übertragenen Sinne stimmt, standen die Berliner Ausstellungsmacher Uwe Moldrzyk und Ferdinand Damaschun allerdings vor einem ernsthaften Problem. Wie macht man eine Ausstellung über etwas, das mit bloßem Auge nicht zu sehen ist?

Seitenlange wissenschaftliche Erklärungstexte wollten sie den Besuchern nicht zumuten. Und so erzählen sie in einem frisch renovierten Ausstellungssaal und einem der prachtvollen Treppenhäuser des Museums mit Schaukästen, Installationen und interaktiven Elementen vor allem Geschichten über eben jene Alltagsfragen, in denen die Erbgut-Moleküle uns begegnen. Und offenbaren dabei Überraschendes.

Alle Menschen zu 99,5 Prozent mit identischem Erbgut

Dass die Menschen 98,5 Prozent ihres Erbgutes mit den Schimpansen teilen, zählt nicht unbedingt dazu. Dass es bei der Banane aber immerhin 50 Prozent sind, das schon. Für eine große Doppelhelix-Installation im Treppenhaus haben sich Hunderte Museumsbesucher fotografieren lassen. Die Botschaft: Obwohl alle Menschen zu 99,5 Prozent ein identisches Erbgut haben, sind die Variationen nahezu unendlich.

Gleich unter der meterhohen DNA aus Stahlrohren und Fotos reihen sich Bücher auf einem Regalbrett. Einige Dutzend sind es nur. Auch dahinter verbirgt sich einer dieser Aha-Effekte der Sonderschau. Um das erst seit dem Jahr 2004 entschlüsselte menschliche Genom, das wie alle DNA-Codes aus Paaren der vier organischen Basen Adenin, Thymin, Guanin und Cytosin besteht, nur in den üblichen Abkürzungen A, T, G und C niederzuschreiben, wären 3500 Bücher mit jeweils 500 Seiten nötig. "Nicht zu vergessen", sagt Ausstellungsmacher Moldrzyk, "diese Information steckt in jeder einzelnen unserer Körperzellen."

Bei aller Faszination über Superlative und wissenschaftliche Triumphe stellen die Macher aber auch die zahllosen ethischen Fragen in den Mittelpunkt, die die Forschung am Code des Lebens aufwerfen. "Abschließende Antworten können wir aber nicht geben", sagt Moldrzyk. "Aber wir wollen Denkanstöße geben und die Besucher zu Diskussionen einladen."

Im Hauptsaal befasst sich die Ausstellung unter anderem mit umstrittenen Methoden der Gentechnik oder genetisch veränderten Lebensmitteln. Gen-Baumwolle in Geldscheinen, Gen-Mais im Biokunststoff, die Möglichkeit, den Vitamin-C-Gehalt von Kopfsalat um 700 Prozent zu erhöhen – mit Hilfe eines Ratten-Gens –, all das wird ebenso thematisiert wie das Klonen von Tieren und die Bedeutung der DNA bei der Aufklärung von Kriminalfällen.

"CSI" und "Jurassic Park" vereinen sich im Naturkundemuseum auf wenigen Quadratmetern. Wobei die Ausstellung den Fans des Dino-Reißers aus dem Jahr 1993 alle Illusionen raubt. Die Wiederauferstehung der Saurier mittels Klontechnik wird es aus einem simplen Grund nicht geben. DNA zerfällt selbst unter günstigsten Bedingungen nach spätestens 6,8 Millionen Jahren in ihre Einzelteile. Und die jüngsten Saurierfunde sind mit etwa 65 Millionen Jahren fast zehnmal so alt.

Und was hat nun eine Büroklammer mit all dem zu tun? Tatsächlich spielte das simple Haushaltsutensil eine große Rolle bei der Entdeckung der DNA-Struktur. Mit Hilfe einer aufgebogenen Büroklammer fischte die britische Forscherin Rosalind Franklin im Jahr 1952 Erbgut-Fädchen aus einer DNA-Suppe und fixierte sie in getrockneter Form vor einer speziellen Röntgenkamera.

Was das alles mit einer Büroklammer zu tun hat

Nach 50 Fehlversuchen entstand schließlich das unter Wissenschaftlern berühmte "Photo 51", das erstmals DNA in hoher Qualität darstellt, allerdings nur in zwei Dimensionen. Nur ein Jahr später gelang Watson und Crick mit ihrem dreidimensionalen Modell der Durchbruch.

Auch eine Röntgenmaschine, wie sie Franklin verwendete, wird nun im Museum gezeigt, nebst Büroklammer und einer Reproduktion des legendären "Photo 51". Gleich daneben steht der Nachbau des Modells von Watson und Crick.

Entdecken Sie Top-Adressen in Ihrer Umgebung: Museen in Berlin-Mitte

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.