Musik

Wie Komponist Taner Akyol Berlin mit der Baglama verzaubert

Seine Kinderoper „Ali Baba und die vierzig Räuber“ ist ein Riesenerfolg. Taner Akyol ist der wichtigste türkisch-kurdische Komponist Berlins - und Virtuose an der Baglama. Ein Treffen in Kreuzberg.

Foto: Massimo Rodari

Taner Akyol ist „ein Komponist, der der Volksmusik ein neues Gesicht schenkt, der lernt, arbeitet und sich müht, um Neues zu schaffen“, sagte der türkische Starpianist Fazil Say einmal über ihn. Beide sind befreundet, treffen sich regelmäßig in Deutschland, machen Pläne, telefonieren, quatschen, wie Akyol sagt. Beide verbindet, dass sie Atheisten sind, ihre künstlerische Freiheit lieben und in gewisser Weise aus der türkischen Tradition ausbrechen. Beide sind Außenseiter, weil sie massiv den Zugang in den westlichen Klassikbetrieb suchen und damit auch ein anderes Publikum erreichen wollen. Pianist Say war bereits Artist in Residence im Konzerthaus am Gendarmenmarkt, Baglama-Virtuose Akyol lebt als Komponist in Kreuzberg. Dort erfuhr Akyol, dass sein Freund Fazil Say am Montag von einem Gericht in Istanbul wegen Blasphemie zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Say ist auch ein Kritiker der religiös-konservativen Regierung Erdogan. „Wenn die Regierung mit dem Urteil demonstriert, dass sie jederzeit einen weltberühmten Künstler wie Fazil Say vor Gericht verurteilen kann“, sagt Akyol, „dann lautet die Botschaft an alle anderen, mit euch können wir noch Schlimmeres machen.“ Mehr will Akyol, der zur Minderheit der alevitischen Kurden gehört, zu diesem Thema nicht sagen.

Spielt im Orchester mit

Im Herzen ist Taner Akyol auch ein Musiker, der lieber über seine Konzerte und sein Instrument, die Baglama, redet. Wir treffen uns in seinem Kreuzberger Musikatelier an der Dieffenbachstraße, wo er seine Schüler unterrichtet. Er wartet bereits vor der Tür. Auf Fotos will Akyol immer ernst, ja streng aussehen, im Gespräch ist er geradezu fröhlich und relaxt. Zuerst serviert er einen Tee, dann wird geredet. Akyol ist der türkisch-kurdische Vorzeigekomponist Berlins, er hatte gerade eine Aufführung beim Festival „MaerzMusik“ und in der Komischen Oper hat Maria Farantouri Lieder von Theodorakis und Akyol gesungen. An der Komischen Oper läuft mit großem Erfolg auch seine Kinderoper „Ali Baba und die vierzig Räuber“. Die Oper ist zweisprachig und spielt mit deutsch-türkischen Verwechslungen. Das Publikum ist gemischt, aber noch überwiegend deutsch. Die Komische Oper bemüht sich seit Jahren, das türkischsprachige Publikum zu erreichen. Es ist ein mühsamer Prozess, der zuerst über die nachwachsenden Kinder erfolgt. Heutzutage ist es gar nicht so einfach, Märchen oder Legenden zu finden, mit denen man Kinder aus verschiedenen Kulturkreisen erreichen kann. So etwas wie Robin Hood, Tarzan oder Ali Baba. Akyol meint, die Bremer Stadtmusikanten würden auch türkische Kinder kennen.

Das Instrument des Jahres

In seiner „Ali Baba“-Oper spielt Akyol übrigens selber im Orchester mit. Sein Instrument ist die dreisaitige Langhalslaute Baglama (Saz), die ähnlich wie die Gitarre in Deutschland im gesellschaftlichen Leben der türkeistämmigen Immigranten wie auch in der Türkei selbst einen hohen Stellenwert hat. Akyol verweist auf den Landesmusikrat Berlin, der die Baglama – nach Kontrabass, Posaune und Fagott – zum Instrument des Jahres 2013 erklärt hat. Sie wird bereits an kommunalen Musikschulen unterrichtet, in einigen Bundesländern ist sie bei „Jugend musiziert“ zugelassen. Man hat herausgefunden, dass es in Berlin mehr Baglama-Spieler gibt als Fagottisten. Mehr als 2000 Leute spielen die Baglama. Überwiegend sind es Aleviten. Akyol meint, es wäre an der Zeit, dass das Instrument an einer Musikhochschule unterrichtet wird. Längst ist es auch ein Virtuoseninstrument geworden. Akyol zählt zu diesen Virtuosen. Er bezeichnet die Baglama zugleich als „ein Familienmitglied“.

Taner Akyol besuchte ein Musikgymnasium

Für Aleviten, die nicht in Moscheen beten, sondern sich zu rituellen Lesungen und Tänzen in eigenen Versammlungshäusern (Cem) treffen, ist die Baglama ungefähr das, was die Orgel für die Christen. Eigentlich sei er, sagt Akyol, nur nach Deutschland gekommen, um sein Instrument weltbekannt zu machen und große Musik für die Baglama zu schreiben. Und dann muss er selber über die westöstlichen Missverständnisse schmunzeln und erzählt, dass jeder türkische Sänger, den man nach seinem Traum befragt, sagen wird, er möchte mit großem Sinfonieorchester auftreten. Dabei wissen die meisten gar nicht, was ein westliches Sinfonieorchester wirklich ist. Akyol arbeitet gerade an einem Baglama-Solokonzert für großes Orchester.

Geboren wurde Akyol 1977 in Bursa, der viertgrößten türkischen Stadt. Warum sich seine Eltern untereinander manchmal in einer anderen Sprache austauschten, er eigentlich ein Kurde ist, das habe er erst als Teenager begriffen. Ein Onkel hat ihn früh schon für die Baglama begeistert. Mit 14 Jahren bestand er die Aufnahmeprüfung am Musikgymnasium in Bursa, er lernte Geige. Am Musikgymnasium gab es seinerzeit nur ein Klavier. Einmal im Unterricht meinte der Lehrer, die Schüler sollten einfach auf den Holztischen mitspielen. Eine Art Schattenspiel. „Das war ein Witz“, erinnert sich Akyol.

Kulturschock in Berlin

Im Jahr 1996 zieht der junge Musiker nach Berlin und bekommt hier erst einmal einen Kulturschock. In der Türkei hatte er Händel, Mozart, Bach kennen gelernt, in Berlin war er in die Neue-Musik-Szene eingetaucht. „Was ist das für eine seltsame Musik, habe ich damals gedacht: Total abstrakt, unmelodisch, kompliziert und so gar nicht für Menschen gemacht“. Erst allmählich habe er den intellektuellen Hintergrund begriffen, sagt er. Und behauptet sogar, dass er die zeitgenössische Musik inzwischen liebe. Sein erster Lehrer war der Komponist Helmut Zapf, der ihn an der Kreuzberger Musikschule aufs Studium vorbereitete. Auf Anhieb bestand Akyol die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule und studierte von 1997 bis 2003 Komposition bei Hanspeter Kyburz, anschließend wurde er Meisterschüler bei Walter Zimmermann an der Universität der Künste. Zweifellos eine gute Schule.

Der westlichen Moderne verpflichtet

Als Komponist fühlt Akyol sich der westeuropäischen Moderne verpflichtet, ohne seine kulturellen Wurzeln aufzugeben. Er wünsche sich manchmal, sagt Akyol, dass die deutschen Kulturinstitutionen die anatolischen Musiktraditionen ernster nehmen würden, nicht nur Festivals oder Konzerte als eine Art Deckmäntelchen veranstalten. Andererseits weiß der Familienvater aus Kreuzberg, dass auch die türkische Community nicht sehr aufgeschlossen ist, in die großen Berliner Kultureinrichtungen zu gehen. „Viele sind körperlich in Berlin, leben aber eigentlich in der Türkei. Jede Familie hat eine Satellitenschüssel auf dem Dach und schaut türkische Filme und Nachrichten“, sagt Akyol. Zur Kultur gehört das gemeinsame Feiern. An jedem Wochenende fänden drei bis vier Hochzeiten statt, bei denen sich bis zu 1000 Gäste einfinden. Akyol hält den Karneval der Kulturen, der einmal im Jahr von Neukölln nach Kreuzberg führt, für eine rundum gute Sache. Begegnungen sind wichtig. Der vielseitige Volksmusiker meint es ernst, wenn er sich als Mittler zwischen den Kulturen in Berlin versteht. Noch sitzt er zwischen allen Stühlen.

Kammermusiksaal der Philharmonie Taner Akyol Trio. Tel. 25488254 Freitag um 20 Uhr