Konzert

Bryan Ferry wartet in Berlin mit einer Sensation auf

Die Zuschauer im ausverkauften Berliner Admiralspalast waren auf einiges gefasst. Auf eine atemberaubende Rückkehr zur alten Form allerdings nicht. Doch Bryan Ferry rückte das Bild von sich gerade.

Foto: dpa

Bryan Ferry zu lieben ist die Hölle. Zu oft hat man sich in den vergangenen Jahrzehnten durch schlappe Platten gekämpft, zu oft trotteten Fans aus seinen Konzerten, neuerlich enttäuscht, dass der Dandy des Rock wieder nur als reisende Jukebox seine Hits herunterspielte, statt jenes Format unter Beweis zu stellen, mit dem er es immerhin in die Ehrenlegion des Pop-Geschäfts gebracht hatte.

Der Kunststudent und Gründer der wohl künstlichsten Qualitäts-Combo der Musikgeschichte, der einstige Roxy-Music-Chef, dem ein Vermögen von 30 Millionen Pfund nachgesagt wird: Warum konnte er nicht verflixt nochmal die Kunst des Rock’n‘Roll zelebrieren? Die Zuschauer im ausverkauften Berliner Admiralspalast waren auf einiges gefasst. Auf eine atemberaubende Rückkehr zur alten Form allerdings nicht.

Moderator Jochen Trus, dessen Sender in der Reihe „105’5 Spreeradio Privatkonzerte“ zum großen Abend eingeladen hatte, begrüßte eingangs die mehr als 1000 Zuschauer mit der Ankündigung einer Premiere.

Kurz vor Weihnachten hatte Ferry das kauzige Album „The Jazz Age“ veröffentlicht, auf dem ein aus versierten Danceband-Assen zusammengestelltes „Bryan Ferry Orchestra“ Titel aus Ferrys ruhmreicher Vergangenheit im Sound der 20er-Jahre vertonte. Ein köstlicher Spaß.

Im Admiralspalast sollten die Zuschauer nun erstmals hören, wie die bislang nur instrumental bekannten Titel klingen, wenn der Meister persönlich dazu singt.

Drollige Versammlung von Smokingträgern

In den Sesseln des diesmal wieder auch im Parkett bestuhlten Theater-Baus lehnten sich das Publikum in Erwartung eines gemütlichen Abends zurück. Bald bevölkerte das Orchestra die Bühne, eine drollige Versammlung von Smokingträgern in Ferrys Alter, die wie Vertrauenslehrer bei der alljährlichen Aufführung der Theater-AG wirkten.

Aber wie abgebrüht cool klang das, was dann aus ihren Instrumenten drang, aus Saxofonen, Posaune, Trompete und Klarinetten! Ein Sextett wie mit der Zeitmaschine aus dem vergangen Jahrhundert an die Friedrichstraße gebeamt.

Es ist der „Ich, unwiderstehlicher Partylöwe sehne mich doch tief drin nur nach Liebe“-Song „Love is the drug“, mit dem Bryan Ferry sich zu seiner im Laufe des Abends auf 14 Musiker anwachsenden Band gesellt. Schmunzelnd, schleichend, verführerisch wie Orson Welles im „Dritten Mann“.

Die Kombination von Woody-Allen-Sound und Ferrys Stimme funktioniert ganz wunderbar. Der Mann beherrscht das Genre, blickt auf 40 Jahre Erfahrung zurück. Die Liebesaffäre des Minenarbeiter-Sohnes mit den Bildern und Tönen des frühen Hollywood hatte schon sein erstes Album, das Roxy-Debüt, mit der Hommage an Humphrey Bogart „2 HB“ verraten.

Mit einmal kippt der Abend um

Das Publikum führt im Geiste gerade den geschüttelten, nicht gerührten Wodka-Martini an die Lippen, als Bryan Ferry plötzlich umschaltet, als der Abend mit einem mal umkippt. Ins Grandiose. Denn aus der eleganten Jazz-Soiree wird eine rauhe Rythm & Blues-Revue.

Kontrabass zur Seite, her mit dem E-Bass. Ferrys blutjunger Gitarrist Oliver Thompson betritt die Bühne und bringt die erbarmungslos sägende Les Paul in Gefechtsstellung. Seit seinem letzten Berlin-Auftritt mit Ferry 2011 hat er - die jungen Leute halt - offenbar nichts mehr gegessen .

Jetzt tanzen die Backgroundsängerinnen im funkelnden Charleston-Kostüm wie in Trance zum Dschungelbeat, zum elektrischen Blues. Die sechs Vertrauenslehrer schleudern Schlag auf Schlag die Bläsersätze ins Publikum, das bald die plüschigen Stühle verlässt, klatscht, schüttelt, was zu schütteln ist.

An diesem Abend hat er sein Image geliftet

Mit 22 Jahren war Ferry von der nördlichen Heimatstadt Newcastle nach London getrampt, um einmal im Leben den Southern Soul des Stax-Labels bei einem England-Gastspiel zu erleben. Sam & Dave, Steve Cropper, Otis Redding. „Es war meine Erleuchtung“, sagte er später. Diesen Sound spielt Ferry nun im Admiralspalast. Den Sound seiner Studentenband „Gas Board“.

„Hold on, I‘m coming“ erklingt, „Back to black“ von Amy Winehouse, „Move on up" und „Let‘s stick together“, bei dem die aufgekratzteren Zuschauerinnen lautstark das Katzengeheul besorgen, zu dem im 70er-Jahre-Video einst Ferry-Darling Jerry Hall über die Bühne tigerte.

Zum Abschluss verneigt sich Bryan Ferry tief vor dem Publikum und jenen, denen er über die Jahre viel Kummer bereitet hat. Kein Zweifel: Dieser Abend hat er sein Image geliftet. Endlich.

Der 67-Jährige hat seinen Nachlass geordnet, das Bild von sich gerade gerückt. Er will nicht in Erinnerung bleiben als Fabrikant von 80er-Jahre-Schmusepop für die Engtanzrunde, als Hochglanzpoliteur von Soundoberflächen.

Auf seine alten Tage hat Ferry an diesem Abend gezeigt, wo seine Herkunft liegt, was ihn bewegt, was ihn immer angetrieben hat. Jochen Trus hatte so etwas wie eine Sensation versprochen. Ferry hat das Versprechen eingelöst.