Ausstellung

Berliner Museum setzt Juden in einen Glaskasten

In der Schau „Die ganze Wahrheit ... Was Sie schon immer über Juden wissen wollten“ klärt das Jüdische Museum auf provokante Art über Klischees auf. Unser Autor über seine Erlebnisse als Exponat.

Foto: Jüdisches Museum Berlin/Linus Lintner

„Was, du lässt dich als Jude im Museum ausstellen?!“ Ja. „Und das machst du dann nackt?!“ Nein. Letzteres war, tatsächlich die am häufigsten gestellte Frage, bevor ich mich für mehrere Stunden als lebendiges Schauobjekt im Jüdischen Museum in Berlin in eine Glasvitrine setzte. Es ist tatsächlich kein alltägliches Unterfangen und gewiss kontrovers.

Doch warum fragen die Menschen zuallererst nach der Kleidung? Hätten sie auch eine Jüdin gefragt, ob sie sich nackt in die Vitrine setzen wird, oder fragt man das nur einen jüdischen Mann? Ist das beschnittene Glied das eigentliche Objekt des Interesses? Der Penis als Expertise für die garantierte Echtheit des Objekts?

Vielleicht gilt die Frage aber auch nur als eine Art Aufforderung zum absolut radikalen und ultimativen Exhibitionismus. Wenn du schon in aller Öffentlichkeit als Jude die Hosen runterlässt, warum dann nicht gleich richtig? Dabei hatte die ganze Aktion nur geringfügig etwas mit Exhibitionismus zu tun.

„Darf man Jude sagen?“

Als die Verantwortlichen des Jüdischen Museums fragten, ob ich bereit wäre, mich in einer Vitrine ausstellen zu lassen, sagte ich sofort zu, denn die Ausstellung mit dem provokanten Titel „Die ganze Wahrheit ... Was Sie schon immer über Juden wissen wollten“ handelt von all den Klischees, Ressentiments und Fragen über das Judentum, die mir immer wieder begegnen: „Was ist koscher?“, „Gibt es eine jüdische DNA?“, „Lässt sich die Vergangenheit bewältigen?“ oder „Darf man Jude sagen?“ Das sind nur einige der 32 Fragen aus der Ausstellung, die mal mehr, mal weniger konkret anhand von Objekten, Texten oder Installationen beantwortet werden.

Auf einer riesigen Vitrine am Ende der Schau steht die Frage: „Gibt es noch Juden in Deutschland?“ In dem Glaskasten befindet sich eine weiße Bank. Die Front der Vitrine ist offen. Und was könnte die Frage nach jüdischem Leben in Deutschland besser beantworten als ein lebendiges Exponat?

„Wie fühlt man sich, wenn man so zur Schau gestellt wird?“, möchte ein grauhaariger, älterer Ausstellungsbesucher, etwa Ende 50, von mir erfahren. Er ist ohnehin schon sichtlich bedrückt, aber zusätzlich zum Ausdruck seiner Betroffenheit liegt noch die gesamte Last der deutschen Geschichte in seiner Stimme.

Ein Bekannter von mir, erzähle ich ihm, sei ebenfalls gefragt worden, ob er bereit sei, in der Vitrine Platz zu nehmen. Er hatte abgesagt mit der Begründung, er sei doch kein Tier im Zoo. Ich hatte ihm geantwortet, er solle sich nicht so anstellen. Als Jude in Deutschland lebe man nun mal wie ein Tier im Zoo. Er habe nur das Glück, dass man ihn frei herumlaufen lasse. Und deshalb, so schildere ich dem interessierten älteren Herrn weiter, fühle es sich für mich auch nicht außergewöhnlich an, in der Vitrine zu sitzen. Daraufhin wirkt dieser schlagartig nicht mehr betroffen, sondern erschüttert und gleichzeitig entsetzt über meine Schilderung.

„Wie meinen Sie das?“

„Wie meinen Sie das?“, hakt er ungläubig nach, während manche Museumsbesucher zwar neugierig stehen bleiben, aber um jeden Preis versuchen, den Blickkontakt mit mir zu vermeiden beziehungsweise einfach nur freundlich lächelnd vorbeizuziehen. Es gibt, wenn man sehr großzügig schätzt, unter den 82 Millionen Bundesbürgern in Deutschland gerade mal 200.000 Juden. Entsprechend ist ein Großteil der deutschen Bevölkerung noch nie einem Juden begegnet und wird voraussichtlich auch nie im Leben die Gelegenheit dazu bekommen.

Ich spüre regelrecht das zunehmende Unbehagen des Mannes in Anbetracht meiner Erklärungsversuche, die allesamt diametral zu seinem Weltbild zu sein scheinen. Und es dauert einen Augenblick, bis er sich durchringt, die für ihn offensichtlich alles entscheidende Frage zu stellen: „Aber einen echten Juden auszustellen, in Anbetracht der deutschen Geschichte, das geht doch zu weit, finden Sie das nicht?“

Nein, wieso? Jüdische Museen stellen in gewisser Weise schon immer Juden aus, egal ob lebende oder nicht. Insbesondere das Jüdische Museum in Berlin hat sich von Anbeginn nicht etwa dem Holocaust verschrieben, sondern dem jüdischen Leben. Die Besucherzahlen sprechen für sich. Juden sind ganz offensichtlich interessanter als Picasso, und sie sind schon seit Langem Gegenstand von Museumsausstellungen. Es gehört also zum Alltag.

Die Vitrine mit einem echten Juden darin ist daher nicht mehr und nicht weniger als die Versinnbildlichung des Alltags von Juden in Deutschland. Das ist keine Wertung und erst recht keine Kritik. Es ist eine Feststellung. Und das besondere Interesse an einem, wenn man offensichtlich als Jude in Erscheinung tritt, ist überall gleich. Der Eiertanz um das Wort „Jude“, die betroffenen oder entnervten Blicke, wenn es um die Nazizeit geht, die spürbare Befangenheit aus der Angst heraus, etwas Falsches sagen zu können und gleichzeitig das dringende Bedürfnis, seinen Unmut über Israel kundtun zu dürfen, oder der fragende Blick, die Unsicherheit darüber, ob man einem jüdischen Mann nicht zu nahe tritt, wenn man ihn auf seine Beschneidung anspricht. Das alles begegnet einem überall auf gleiche Weise, egal ob man als Jude im Museum in einer Glasvitrine sitzt oder abends auf eine Cocktailparty geht.

„Aber woher wissen die Menschen denn, dass Sie Jude sind? Sie könnten das doch auch für sich behalten. Es muss ja nicht jeder wissen“, entgegnet mein Betrachter sichtlich besorgt um mein zukünftiges Wohlergehen. Das stimmt. Meine Religion geht im Grunde niemanden etwas an. Und es gibt Juden, für die spielt ihre Religion in der Öffentlichkeit keine Rolle. Sie wären in der Vitrine völlig fehl am Platz. Sie sind Juden, keiner weiß es, und es muss auch keiner wissen. Doch öffentlich ganz einfach nur jüdisch zu sein, so wie andere katholisch sind oder evangelisch, ohne dabei eine besondere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, das ist für Juden kaum möglich. Diese Erfahrung bleibt den meisten verwehrt.

An dem Tag, an dem meine Eltern mir meinen Namen gaben, war mir die Religion zwar nicht direkt auf die Stirn, aber zumindest in den Pass geschrieben: Leeor Engländer. Es gibt kaum einen Menschen in Deutschland, der mich nicht schon bei der ersten Begegnung nach dem Ursprung meines Namens gefragt hätte. Und schon steckt man tief im Gespräch, zumeist über Themen, die so persönlich sind, dass andere sie niemals bei einem ersten Treffen preisgeben würde.

So geht es vielen Juden in Deutschland: Der Name, der Urlaub bei den Verwandten in Israel, die jüdischen Feiertag, die Familie ... Jüdisch sein geht für die meisten nicht inkognito. Oder zumindest nicht, ohne das gesteigerte Interesse seiner Mitmenschen zu wecken. Wer das nicht will, müsste einen Großteil seines spezifisch jüdischen Alltags verschweigen oder gar leugnen. Das gilt übrigens auch für andere Minderheiten.

Und genauso wie es öffentliche Juden gibt, gibt es öffentliche Christen. Sie schreiben Bücher über die Kirche, tingeln als Oberkatholiken durch die Talkshows und verdienen damit ihr Geld. Nur hört man in diesem Zusammenhang selten den Vorwurf, sie würden ihren Glauben unnötig nach außen tragen und daraus auch noch Profit schlagen, während sich öffentliche Juden regelmäßig dem Vorwurf stellen müssen, sie würden ihre Religion wie eine Monstranz vor sich hertragen.

„Spüren Sie denn in Ihrem Alltag Antisemitismus?“ Abgesehen von Vorwürfen, man würde sich mit seiner Religion permanent in den Vordergrund drängen oder dem alltäglichen Antizionismus, der in Deutschland meist auf dem Rücken der Juden ausgetragen wird, erfahre ich keine anderen Anfeindungen. Aber auf der Straße sieht man mir mein Judentum ja auch nicht an. Ich trage weder eine Kippa auf dem Kopf noch einen Davidstern um den Hals. Wie es jedoch einem Juden in Deutschland ergehen kann, der sich als solcher zu erkennen gibt, zeigt der Fall des Berliner Rabbiners Daniel Alter, der auf offener Straße zusammengeschlagen wurde.

„Oy, you look so Jewish“

Scherzhaft kann ich mich sogar darüber empören, dass man mich in Deutschland rein optisch nicht als Jude erkennt, obwohl ich den gängigen Klischees durchaus entspreche: unterdurchschnittlich groß, rötlicher Bart, eine zu groß geratene, markante Nase und niemals um eine verbale Frechheit verlegen. In New York hörte ich regelmäßig: „Oy, you look so Jewish!“ Das gilt dort als Kompliment, und es grenzt schon fast wieder an Antisemitismus, dass man mir diese Schmeichelei hier verwehrt.

Wer also davon spricht, dass jüdisches Leben und Normalität im Umgang mit Juden nach Deutschland zurückgekehrt seien, sagt nur die halbe Wahrheit. Die Normalität der Juden in Deutschland ist die einer Minderheit. Sie ähnelt in allen Vor- und Nachteilen der Lebensrealität vieler anderer Minderheiten mit dem Unterschied, dass durch den Schatten der Vergangenheit ein so großes Schlaglicht auf die Juden fällt, dass sie als viel bedeutender wahrgenommen und als viel präsenter empfunden werden, als sie es rein quantitativ tatsächlich sind. Die Vitrine mit dem Juden im Museum verdeutlicht das, und wir sollten uns dessen bewusst sein, denn es könnte im Miteinander von Juden und Nichtjuden für mehr Gelassenheit sorgen.

Das alles erkläre ich dem interessierten Besucher aus der Tiefe meiner ganz persönlichen Erfahrungen als Deutscher und Jude in diesem Land. Während er mir jetzt noch bestürzter als zuvor gegenübersteht und ungläubig den Kopf schüttelt, sagt er bei der Verabschiedung, dass er sich das jetzt erst noch mal durch den Kopf gehen lassen müsse. So richtig glauben könne er das alles nämlich noch nicht.

Ausstellung „Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten“ im Jüdischen Museum, Berlin-Kreuzberg, ist täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet, montags bis 22 Uhr. Sie läuft noch bis 12. September 2013. Der Eintritt kostet einschließlich Dauerausstellung 7, ermäßigt 3,50 Euro. Informationen, welcher jüdische Gast wann in der Vitrine Platz nimmt, gibt es unter facebook.com/

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