ZDF-Dreiteiler

Für Hofmann ist „Unsere Mütter, unsere Väter“ ein Lebenswerk

„Der Turm“, „Rommel“ und zuletzt der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“: Der Berliner Produzent Nico Hofmann ist Experte für historische Stoffe. Sein Pensum reicht für drei Leben.

Foto: Reto Klar

Zehn Jahre hat der Berliner Produzent Nico Hofmann an dem Kriegs-Epos „Unsere Mütter, unsere Väter“ gearbeitet. Der ZDF-Dreiteiler – die fiktive Geschichte von fünf Freunden, die sich in den Wirren des Krieges verlieren – hat eine deutschlandweite Diskussion angestoßen. Durchschnittlich 7,63 Millionen Zuschauer hatten den Film eingeschaltet.

Für Nico Hofmann, der schon mit Filmen wie „Stauffenberg“, „Dresden“, „Die Flucht“ oder „Rommel“ zeigte, dass deutsche Geschichte auch zur besten Sendezeit erfolgreich erzählt werden kann, ist es ein Lebenswerk.

„Hörzu“-Reporter Mike Powelz begleitete den 53-Jährigen nach Cannes, in den Schneideraum, zu Premieren und zum Dreh. Herausgekommen ist das Psychogramm eines Mannes, der besessen ist von der deutschen Geschichte und der seine Arbeit über alles liebt.

Cannes im Oktober 2012, Marriott Hotel. Hinter dem Rednerpult steht Nico Hofmann: weißes Hemd, gelockerter Kragen, gebräunter Teint. Gleich wird er in perfektem Englisch das Pressegespräch eröffnen. Die Journalisten warten geduldig. Sie wissen: Hofmann bietet immer ein großes Ding. Diesmal ist es eine 20 Millionen Doller teure, achtteilige TV-Serie, die nicht nur in Europa, sondern auch in China und den USA laufen wird.

Wie so oft bei Hofmann ist es ein historischer Stoff, diesmal soll es um das Privatleben Adolf Hitlers gehen. „Darf man das?“, fragt ein britischer Schreiber. Ein chinesischer Kollege will wissen, ob sich so eine Geschichte erzählen lässt, ohne den Diktator zu heroisieren. Hofmann beantwortet geduldig alle Fragen. Nein, von Verherrlichen könne keine Rede sein. Und: Doch, alle Fakten seien gesichert. Die Serie beruhe auf der kritischen Biografie „Hitlers erster Krieg“ des Historikers Thomas Weber.

Hofmann reist nur mit Handgepäck

Nico Hofmann (53) ist nach dem Tod Bernd Eichingers der einzige Filmschaffende in Deutschland, bei dem die Bezeichnung Filmtycoon nicht albern, sondern angemessen klingt. Er hat tatsächlich etwas Hollywoodeskes an sich. Es ist die Art, wie er lebt (er reist stets nur mit Handgepäck), wie er auftritt (darüber später mehr) und wie er mit seiner 1998 gegründeten Firma Teamworx einen Erfolg nach dem anderen einfährt.

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Hofmanns TV-Produktionen sind ganz großes Kino. Wie kein anderer erkennt er Stoffe: das Republikflucht-Drama „Der Tunnel“, die Entführung Richard Oetkers, die er mit Christoph Waltz in der Hauptrolle verfilmen ließ, der Blick ins Innere von Scientology mit Nina Kunzendorf, „Rommel“ mit Ulrich Tukur, die DDR-Geschichte „Der Turm“; die Verfilmung von Bettina Wulffs Buch „Jenseits des Protokolls“ ist in Planung.

Hofmanns Gespür für die richtige Besetzung

Würde man die Liste seiner Projekte komplettieren, füllte man damit über 20 DIN-A4-Seiten. In den vier Smartphones, die er ständig mit sich führt – „für den Fall, dass in Singapur oder sonst wo auf der Welt mal ein Akku leer ist“ –, sind die Nummern nahezu aller deutschen Darsteller der A-Liga gespeichert.

Sein feines Gespür für die richtige Besetzung und die empfindlichen Seelen von Schauspielern rührt auch daher, dass Hofmann immer wieder die Seiten gewechselt und in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur als Produzent, sondern auch als Regisseur und Drehbuchautor gearbeitet hat. Er studierte an der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film; schon sein Abschlussfilm wurde preisgekrönt. In den 90er-Jahren stand er bei Bernd Eichingers Constantin Film als Regisseur unter Vertrag.

Erfolgreiche Produktionsfirma mit 240 Filmen in 14 Jahren

Mit Teamworx hat er in den vergangenen 14 Jahren 240 Filme produziert, die im Schnitt in 80 bis 100 Länder verkauft wurden. „Theoretisch kann es sein, dass gerade die ganzen Kleinen Antillen ‚Die Sturmflut‘ gucken.“ Kaum eine Woche vergeht ohne eine neue Pressemitteilung aus einem der Teamworx-Büros: wieder ein Filmpreis, ein neues Projekt, eine Premiere.

Über sein Privatleben gebe es nicht so viel zu erzählen, meint Hofmann. Bekannt ist: Er wohnt in Berlin-Charlottenburg in einer Dachgeschosswohnung, praktiziert Yoga und isst kein Fleisch. Wie Karl Lagerfeld besitze er einen iPod mit „Musik für jeden Gemütszustand“. Zeit für Liebe, Haustiere oder Blumen habe er aber nicht, sagt er. Das einzige Pflanzliche, das bei ihm zu Hause eine Chance habe, sei Obst für sein Frühstück.

Hofmanns Spezialität: Geschichte meets Massengeschmack

Zwischen zwei Terminen auf der MIPCOM, einer der größten internationalen Fernsehmessen, erzählt er auf der Taxifahrt von Nizza nach Cannes, wie er zum Film kam. Seine Eltern, beide Journalisten, parkten ihn häufig im City-Kino neben dem Ludwigshafener Pressehaus in der Amtsstraße. An sein erstes Mal erinnert sich Hofmann noch genau: „Schneewittchen“, eine tschechische Verfilmung. „Direkt nach der Vorführung habe ich irgendwelche Pergamentfolien vollgeschmiert und sie vor die Nachttischlampe gehalten. Ich wollte herausfinden, wie es funktioniert, Bilder auf die Leinwand zu projizieren.“

In Cannes will Hofmann gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Jan Mojto der internationalen Presse auch noch neue TV-Trends präsentieren: Die beiden Produzenten stellen an diesem Abend unter anderem die historischen Miniserien „Berlin Kurfürstendamm“ und „Die Ärzte – die Geschichte der Charité“ vor.

Geschichte meets Massengeschmack – das ist Hofmanns Spezialität. Als er 2005 „Die Luftbrücke“ produzierte, in der die Liebe zwischen einem englischen General (Heino Ferch) und einer deutschen Krankenschwester (Bettina Zimmermann) im Berlin des Jahres 1948 erzählt wird, fiel in den Besprechungen auffällig oft das Wort „Kitsch“, er sei der Guido Knopp des Event-Fernsehens. Hofmann lächelt darüber freundlich.

Promotion mit renommierten Historikern

Er ist ein Mensch, der nicht stehen bleibt, sondern nach Entwicklung strebt. Längst setzt er seine Themen radikaler und immer häufiger ohne Pilcher-Effekt um. Ob ein Film erfolgreich werde oder nicht, sagt er, wüsste er meist schon nach der ersten Sichtung des Materials, spätestens bei den Pressevorführungen. Hofmann ist nicht nur ein leidenschaftlicher Filmemacher, sondern er betreibt mit derselben Inbrunst die Vermarktung seiner Produkte.

Zu seinem „Promotion-Team“ gehören stets renommierte Historiker wie Hans Mommsen oder Richard Overy, die Zweiflern geduldig erklären, dass die Drehbücher historisch perfekt recherchiert sind. Außerdem ist da die Marktforschung. Zielgruppengenau baut Hofmann seine Produktionen für den jeweiligen Sender auf. Für das ZDF-Publikum nimmt er im Schnitt Tempo raus und setzt auf historisches Vorwissen („Dresden“). Bei RTL-Produktionen ist die Filmmusik aggressiver („Die Sturmflut“, „Hindenburg“). Sat.1 bekommt gewitzte Satiren wie „Der Minister“. Und soll sich ein Film in Frankreich verkaufen, stellt Hofmann Veronica Ferres einen französischen Star wie Jean-Hugues Anglade an die Seite („Kein Himmel über Afrika“).

Viele Stars wurden durch Hofmann populär

Über ein Dutzend Stars wurden vor allem durch Hofmann populär – oder tauchten wieder aus der Versenkung auf. Bei ihm darf Ex-„Schwarzwaldklinik“-Krankenschwester Gaby Dohm im selben Film gegen Wasserfluten kämpfen wie Publikumsliebling Jan Josef Liefers („Die Sturmflut“). Und Hofmann ist treu. Mit Götz George etwa verbindet ihn eine jahrzehntelange Arbeitspartnerschaft und Freundschaft. Derzeit arbeiten die beiden an ihrem wohl wichtigsten gemeinsamen Projekt, einem Doku-Drama über Götz Georges Vater Heinrich George.

Fünf Tage nach der Pressekonferenz in Cannes reist der unermüdliche Hofmann deshalb zum Dreh in die württembergische Kleinstadt Münsingen. Er wirkt ein wenig matt. Die letzten Tage waren auch für den routinierten Vielflieger anstrengend, die vier Telefone standen nicht still. Mit Iris Berben hat er sich in Berlin getroffen (Besprechung eines neuen Films), mit Maria Furtwängler in München (Brainstorming für „Leni Riefenstahl“). Er ist nach Mainz zum ZDF gejettet und traf sich in Frankfurt zu Gesprächen mit der Degeto, die für die ARD mitentscheidet, welche Filme produziert werden.

Die Themen Schuld und Krieg

Und nun steht er neben George. In Münsingen, im Regen. Gemeinsam erklären sie der Presse, dass es Georges kompliziertes Projekt sei, in die Haut seines Vaters zu schlüpfen und filmisch dessen Vergangenheit zu beleuchten. Als wir später über den Film sprechen, erzählt Nico Hofmann in seinem sanften, kurpfälzischen Dialekt, dass der 20 Jahre ältere Schauspieler nicht nur sein Mentor, sondern auch eine Vaterfigur für ihn sei. Und wie gut er es verstehen könne, dass Götz George sich mit der Geschichte seines Vaters im Dritten Reich auseinandersetze, schließlich tue er seit Jahrzehnten das Gleiche. Die Kriegstagebücher seines Vaters haben ihn zu seinem ersten Film inspiriert. Bis heute behandeln gefühlte 80 Prozent von Hofmanns Produktionen die Themen Schuld und Krieg.

„Ich mache Filme, weil ich Menschen bewegen und Themen setzen will“, sagt er. Nach seinem Film über Scientology hat es eine Anhörung im Bundestag gegeben, ebenso nach „Willkommen zuhause“, in dem die Geschichte eines Afghanistan-Heimkehrers mit posttraumatischem Stresssyndrom erzählt wird. „Wenn ein Film wie der über das Schicksal von Jakob von Metzler eine Woche lang alle deutschen Zeitungen beschäftigt und eine Moraldebatte auslöst, bin ich zutiefst befriedigt.“ Dann meint er, das Wort „entspannt“ treffe seine Gefühlslage nach einem Erfolg wohl noch besser als „befriedigt“. „Wäre ‚Der Turm‘ gefloppt, hätte ich Cannes abgesagt und mit der Ankündigung unserer ‚Hitler‘-Serie gewartet, bis ich Rückenwind durch einen neuen Erfolg gehabt hätte.“

Zusammenbruch vor vier Jahren

Zwei Wochen später in Berlin: Wieder geht es um Erfolg. Im Delphi-Filmpalast wird er an diesem Abend 500 exklusiven Gästen „Rommel“ vorführen. „Marktforschung hoch 500“, erklärt Hofmann. Teamworx hat zu diesem Anlass zu einem Empfang im gegenüberliegenden Savoy geladen. Die Branche genießt Canapées. Zwischen Männern ohne Schlips flanieren Frauen mit Krawatten, Berliner Schick. Doch der Chef kommt nicht. Schließlich geleiten die PR-Damen die Schauspieler zum roten Teppich – immer noch ohne Hofmann.

Dann ist er plötzlich da, mitten im Stargetümmel, Kaugummi kauend. Er entschuldigt sich, er habe noch sein Fitnessprogramm absolviert und sei dann einfach spazieren gegangen. Eine Freiheit, die er sich heute nimmt, weil er seit seinem Zusammenbruch vor vier Jahren weiß, dass auch er manchmal Ruhe und Rückzug braucht. Nun taucht er ins Blitzlichtgewitter ein, die eine Hand in der Hosentasche, im anderen Arm eine schöne Frau: den „Rommel“-Star Aglaia Szyszkowitz, und posiert für die Fotografen. „Gedanklich“, erzählt er später, „bin ich sogar in solchen Momenten schon beim nächsten Projekt“. Wie er seine Themen findet? „Beim Zeitunglesen“, sagt der Journalistensohn.

Hofmann hat keine Zeit für ein Partyleben

Der Mann, dessen Geschäft Glamour und große Gefühle sind, ist selbst erstaunlich unprätentiös. „In Cannes bin ich gerade mal 15 Minuten über die Croisette spaziert.“ Für ein ausschweifendes Partyleben hat er erst recht keine Zeit. Eine seiner Lieblingsschauspielerinnen, Maria Furtwängler, sagt über ihn: „Er ist nicht exzessiv, er raucht nicht, ich habe ihn noch nie betrunken gesehen – er ist immer kontrolliert.“

Mehr über Berlin im Jahr 1933 HIER in unserem Special.

Wobei: Wenn man etwas Zeit mit Hofmann verbringt, fällt einem eine drollige Eigenschaft des sonst so Kontrollierten auf. Er flucht gern. Im Terminal D in Berlin-Tegel befinde sich sein „Hassgate“, Cannes sei „beschissener“ als Paris, das Laufband im Hotel „kacke“. Nachts in Cannes vor dem Hotel verspürt er, der Vegetarier, plötzlich Lust auf einen Burger. Kurz ist er hin- und hergerissen. Doch dann ist der innere Schweinehund niedergerungen – obwohl das Essen auf der MIPCOM „total scheiße“ war. Sein Wille war stärker, wie so oft.

Wutausbrüche im Büro

Potsdam, Mitte November: Im Teamworx-Vorführkino arbeitet das Team an Sound-Verbesserungen für den 14 Millionen Euro teuren Fernsehdreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. Während der Präsentation herrscht absolute Stille, Hofmann nippt an seinem Orangensaft und starrt hoch konzentriert auf die Leinwand. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis, diesmal.

„Wenn ich im Büro bin, was meist einen Tag pro Woche der Fall ist, müssen meine Mitarbeiter mit allem rechnen, von Wutausbrüchen bis zu extrem langen Arbeitstagen. Mit zunehmendem Alter werde ich ungeduldiger“, gibt er zu. Heute drängen ihn, wie so oft, die Termine. Nico Hofmann hat keine Zeit mehr zu reden. Er muss nach Hamburg zur Sat.1-Jahrespressekonferenz, er will die Rechte für Ursula Krechels preisgekrönten Roman „Landgericht“ kaufen und sich um das Biopic über Hannelore Kohl kümmern – Hofmanns Arbeitspensum reicht für drei Leben. Vielleicht wird eines von ihnen ja irgendwann mal verfilmt.

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