Film

Eine Rebellin kehrt zurück zu ihren Wurzeln

Mit „Abgeschminkt!“ wurde sie berühmt. Aber dann ging Katja von Garnier in die USA und drehte dort einen Film nach dem anderen. Jetzt hat sie seit 16 Jahren wieder in ihrer Heimat gedreht.

Foto: Massimo Rodari

Ganz leger sitzt sie da im Ledersessel, in Jeans und, dem Wetter zum Trotz, bloß langärmeligen T-Shirt, die Stiefel frech auf dem Glastisch. Sowas tut man ja eigentlich nicht, schon gar nicht im Hotel. Aber das ist wahrscheinlich das Rebellische, das von jeher in Katja von Garnier schlummert. Dabei lächelt sie so entwaffnend, dass man‘s ihr einfach verzeihen muss.

Katja von Garnier – wer ist das noch gleich? Diese Frage darf man schon stellen. Denn sie hat seit 16 Jahren nicht mehr in Deutschland gearbeitet. Katja von Garnier also ist eine Filmregisseurin, die 1993 einen Sensationserfolg hatte mit „Abgeschminkt“. Das war ein Übungsfilm für die Münchner Filmhochschule, er kostete läppische 80.000 Mark und war nur 55 Minuten kurz. Wegen dieser Länge hatten alle Verleiher abgewunken: nicht kinotauglich.

Über Nacht berühmt

Aber das Publikum sah das anders. Am Ende hatten 1,2 Millionen Besucher den Film gesehen. Und „Abgeschminkt!“ machte nicht nur die Regisseurin berühmt, sondern auch von Katja Riemann und Nina Kronjäger. Vier Jahre später folgte „Bandits“, ein weiterer Kassenerfolg, über vier Frauen, die aus dem Knast ausbrechen und eine Band gründeten. Dann aber ging Katja von Garnier nach Amerika. Deutschland hatte sie sich wohl, um im Bild zu bleiben, abgeschminkt.

Seither schien sie ein Kandidat für die undankbare Rubrik „Was macht eigentlich…?“ Denn seither hatte man hier nichts mehr von ihr gehört. Höchstens noch von der Vielleicht- oder Vielleicht-doch-nicht-Affäre mit Brad Pitt, die mal in den Schlagzeilen war und auf die wir sie jetzt gar nicht erst ansprechen möchten. Aber natürlich war sie nicht untätig. Sie hat in den USA zwei Filme gedreht. „Blood and Chocolate“ (2006) handelte von der Liebe einer Werwölfin zu einem Sterblichen. „Das hätte man“, gibt sie zu, „so kurz vor ‚Twilight‘ mehr als mystische Liebesgeschichte promoten müssen. Dann hätte es vielleicht mehr Wellen geschlagen.“

Für drei Golden Globes nominiert

Zwei Jahre zuvor aber hat sie „Iron Jawed Angels“ gedreht, der bei uns als „Alice Paul – Der Weg ins Licht“ zumindest auf DVD erschien. Ein Drama über zwei Frauen, die in den USA für das Frauenwahlrecht kämpfen und dafür auch ins Gefängnis gehen und in Hungerstreik treten. Der Film war für drei Golden Globes nominiert, Anjelica Huston hat einen gewonnen. „Auf diesen Film bin ich wirklich sehr stolz“, sagt die 46-Jährige. Nicht so sehr wegen der Preise. Sondern weil er eben Wellen schlug. Weil sie damit nicht nur auf zahlreichen Filmfestivals war, sondern auch durch amerikanische Schulen tourte.

Ist es da nicht ärgerlich, wenn ein solcher Film nicht auch in der eigenen Heimat anläuft? Heißt das nicht, dass ihr Name nicht mehr so zieht? Das sieht Katja von Garnier nicht so. Und dass sie in der langen Zeitspanne nur so wenige Filme gemacht habe, habe auch nichts mit Amerika zu tun. Oder damit, dass Deutsche es da schwerer haben. „Ich habe“, kontert sie trocken, „bei den deutschen Filmen auch länger gebraucht. Ich brauche wohl immer ein bisschen länger.“ Immerhin, das darf man auch nicht vergessen, ist sie in dieser Zeit ja auch zweifache Mutter geworden.

Sie war selbst ein Pferdemädchen

Aber jetzt ist sie wieder in Deutschland. Mit ihrem jüngsten Film „Ostwind“, der seit Donnerstag in unseren Kinos läuft. Ein Kinder- oder doch Jugendfilm. Einer, der von Mädchen und von Pferden handelt. Da kullern jetzt ganz viele Klischees auf einmal. Hat sie so etwas nötig? Ist das nicht zu leichter Stoff für sie? Aber nein. Katja von Garnier hat das mit demselben Ernst und Respekt gedreht wie ihre anderen Filme auch.

Sie war ja selber einmal so etwas wie ein Pferdemädchen, hat ihre ganzen Teenie-Jahre geritten und voltigiert. „Ich habe auch diesen ganzen Turnierzirkus mitgemacht.“ Auch wenn sie den heute eher kritisch sieht. Carola Wimmers Roman, der ihrem Film zugrunde legt, erzählt also irgendwie auch ihre Geschichte. So war der Film eine Heimkehr in doppelter Hinsicht: als Comeback in Deutschland und als Rücksturz in die eigene Kindheit.

Lauter alte Bekannte

Viel wichtiger aber: Wieder, wie schon bei „Abgeschminkt!“, hat Ewa Karlström, den Film produziert, wieder hat Torsten Breuer die Kamera geführt und wieder hat Nina Kronjäger mitgespielt. Das war also in jeder Hinsicht back to the roots. Und das Geheimnis, warum so viele angesehene Stars so gerne auch Kinderfilme drehen, ist ganz einfach: Wenn man selber welche hat, kann man bei denen damit punkten. Und letztlich ist die Hauptfigur ein frecher, sich auflehnender Teenager, der gut zu all den rebellischen Frauenfiguren des Garnier’schen Oeuvres passt.

Für „Ostwind“ ist von Garnier extra aus Amerika nach Deutschland gezogen. Ist das nun eine Rückkehr, hat sie sich jetzt die Staaten abgeschminkt? Sie schüttelt den Kopf. Am liebsten würde sie pendeln. „Ich bastele da“, sagt die 46-Jährige, „an einem Lebensmodell, wo ich in beiden Welten sein kann. Aber diese Skulptur ist noch nicht vollendet, an der wird noch geklopft.“ Sie habe auf beiden Seiten Menschen, die ihr wichtig seien, und Dinge, die sie nicht aufgeben möchte. Und wer jetzt besorgt fragt, wie denn die Kinder das verkraften, dem sei versichert: Die finden es riesig.

Drei Jahre die Scorpions begleitet

Das nächste Projekt, bereits abgedreht, startet kommenden Herbst: „Big City Nights“. Dafür hat sie, drei Jahre lang, die Scorpions auf ihrer Abschiedstournee begleitet. Die sind die erfolgreichste deutsche Band weltweit, und prompt gehen wir in die Falle, indem wir annehmen, genau das muss sie doch gereizt, da müsse sie Parallelen zu sich selbst gesehen haben: wie die sich die USA erobert haben, ein Markt, der den Deutschen meist verschlossen bleibt.

Nee, nee, wieder schüttelt sie den Kopf so frech wie ihre Teenager-Hauptfigur in „Ostwind“: „Das war ehrlich gesagt weniger kopfig. Die kamen auf mich zu, weil sie ‚Bandits‘ geil fanden. Klar hab ich da zugesagt.“ Bei dieser Langzeitdoku dürfte ihr roter Faden von rebellischen Frauen wohl etwas zu kurz kommen. Aber dass man gleichzeitig mit einem Mädchen, der noch nie zuvor geritten ist, einen Pferdefilm dreht und fünf Altrocker in ihrem Alltag begleitet, das muss man auch erst mal schaffen.