Bibliothek

Berlins neue Kathedrale für Bücher

Die Staatsbibliothek Unter den Linden öffnet am Dienstag ihre neuen Lesesäle. Ein erster Rundgang mit Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf in dem Prestigebau der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Foto: Amin Akhtar

Wer in knarzigen Bibliotheken mit staubigen Regalen sozialisiert wurde, wo die Herausnahme jeden Buches irgendwie Magendruck verursachte, der darf ins Schwärmen geraten. Im neuen Allgemeinen Lesesaal, Herzstück der Staatsbibliothek Unter den Linden, kann sich der Leser wie im Bücher-Himmel fühlen. Der Zugriff des Architekten HG Merz’ (er saniert auch die Staatsoper) ist ein Statement – anstelle des zerstörten historischen Kuppelbaus hat er eine moderne transluzente Kathedrale für das gedruckte Wort errichtet. Das ist mit 36 Metern Außenhöhe, 30 Metern Länge wirklich nicht übertrieben, zumal alles dem Licht zustrebt. Hier dominiert helles Holz und thermisch verformtes Glas als weites Dach, angenehm mildes Licht strömt hinein, und jeder Magendruck dürfte von vornherein vermieden sein. 260.000 Bücher finden in den Regalen Platz. Wir stehen vor der Ökonomie: Geschichte der Schweizer Banken, Wall Street, Bank of Scotland, so die Titel. Alles an diesem Saal sagt: ihr unkenden Totengräber des Buches, verzieht euch. Auch der Künstler Olaf Metzel interpretiert das Lesen auf Papier nach wie vor als höchst lebendige Kulturtechnik: „Noch Fragen?“ lautet ironisch der Titel seiner Aluminiuminstallation, ein ziemlich dickes Zeitungs-Knäuel. Hoch oben schwebt es über allem an der Decke. Es soll Leute geben, die das antiquiert und allzu nostalgisch finden.

Gläserne Arbeitsplätze

In jedem Fall wirkt alles großzügig, da erstaunt es, dass nur 250 Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Bei aufwendiger Recherche kann einer von 19 Carrels gemietet werden, das sind gläserne Arbeitsplätze, wo man die Türen dicht machen kann. Und damit die Wege nicht zu lang werden, befördert eine Transportanlage die Bücher unterirdisch auf einer Länge von 1,5 Kilometer durch den Bücherpalast. Wenn das Gebäude 2016 hoffentlich komplett fertiggestellt wird, soll es in sieben Bereichen zusammen internetfähige 656 Plätze geben. Dazu gehören der Rara-Lesesaal mit dem Hausheiligen Humboldt an der Wand, die Musik- und Karten- und Handschriftenabteilungen.

Lesen als Event inszeniert

Und ja, die Farbe mattorange muss man lieben, sie ist im Gebäude zur Hausfarbe avanciert. Teppich, Stuhlbezüge, sogar die Tische aus Pappelholzfurnier im Lesebereich tragen einen Hauch davon. Das hat Signalcharakter, wirkt unglaublich frisch, auch wenn sich mancher Leser vielleicht an die 70-iger Jahre erinnert fühlt, Geschmacksfrage halt. In diesem Frühjahr jedenfalls ist die Farbe en vogue. In einigen modernen Bibliotheken wird Lesen mittlerweile als Event inszeniert, klar, damit die Jugend kommt. Ab 16 Jahre bekommt man neuerdings Eintritt in Berlin. Jedenfalls gibt es eine Lounge mit weichen Sofas, einen Kaffeeautomaten in nächster Nähe. Sieht gemütlich aus, schade, aber die Mitnahme von Büchern aus den Lesebereichen ist bislang nicht vorgesehen.

Vom Glanz der einstigen Preußenbibliothek, heute die größte Universalbibliothek Deutschlands, ist derzeit nicht viel geblieben. Plastikplanen verdecken den Eingang, nur schwer ist er zu finden, verrümpelt zwischen Dixie-Klo, gestapelten Autoreifen und einer schreienden Bauleiterin führt der Gang Unter den Linden durch einen trostlosen Bretterverschlag. Alles Provisorium: Das Entree, die Lindenhalle mit dem berühmten Brunnenhof und die imposante Freitreppe zum Vestibül gehören zum zweiten Bauabschnitt. Ins Gebäude gelangt der Leser temporär über die Dorotheenstraße.

2700 morsche Holzpfähle

Der Pförtner vorne am düsteren Empfang hat lauter Kopien an die Wand geheftet, davon, wie es mal zu DDR-Zeiten hier aussah, alte Kugelleuchten im Lesesaal, plüschige Sitzgarnituren – aus verschiedenen Nachlässen – im Direktorenzimmer. Wirkt heimelig, wie ein altes Studierzimmer, und manchen soll das durchaus gefallen haben. Kaum vorstellbar, seit über zehn Jahren müssen die Direktorin Barbara Schneider-Kempf und ihr Team – bei laufendem Betrieb – Dreck, Lärm und Staub der aufwändigen Generalsanierung ertragen. „Eine Herausforderung, bei der manchmal die Nerven frei lagen“, gesteht Schneider-Kempf. Und wieder einmal gab es auch auf dieser Baustelle Verzögerungen, als 2700 morsche Holzpfähle – Basis des Gebäudes – ersetzt werden mussten.

Von Kaiser Wilhelm eröffnet

Entworfen hat den Prachtbau Unter den Linden Hofarchitekt Ernst von Ihne, 1914 wurde er zum Domizil der Staatsbibliothek. Kaiser Wilhelm eröffnete ihn noch selbst. Da gab es den imposanten Kuppelsaal, nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg lag der DDR-Führung wenig daran, diesen Teil wieder aufzubauen. Die Ruine wurde schließlich ganz abgetragen, an der Stelle vier nüchterne Magazintürme hochgezogen. Notdürftig wurde mal hier, mal dort etwas gemacht. Nach der Wende wurde schnell klar, dass das Gebäude marode war, die technische Ausstattung nicht mehr auf dem Stand der Zeit, das Angebot für die Leser reichte nicht mehr aus. Mit der Zusammenführung der Staatsbibliotheken Ost und West, konnte die Frage nach dem Umgang mit dem historischen Erbe diskutiert werden. Irgendwann stand die Entscheidung und die hieß: Rückbau auf den Stand von 1914 unter Berücksichtigung aller Denkmalschutzauflagen.

Neu ist das Bibliotheksmuseum, damit endlich angemessen ausgestellt werden kann, was die Stabi an Schätzen hat. Und sie bietet einiges: die größte Mozart-Sammlung weltweit, Partituren von Beethovens berühmten Sinfonien 4, 5, 8 und die Neunte. 1600 Nachlässe, darunter große Namen wie Herder, Eichendorff, Gründgens, Furtwängler, das Archiv der Familie Mendelssohn. Übrigens befinden sich hier auch die Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen Kinderbuchautors Otfried Preußler.

Elf Millionen Bände

Zweifellos ist dieser Bücherpalast, elf Millionen Bände und andere Medien werden hier verwaltet, ein Prestigebau der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, derzeit auch deren größte Baustelle. Die Erwartungen sind hoch gesteckt, am Ende wird das Haus an die 500 Millionen Euro kosten. Für acht Millionen Euro jährlich kommt neuer Lesestoff hinzu. Arge Konkurrenz bekommt das Schwesterchen West an der Potsdamer Straße. Um das auszugleichen, wird man die Bestände teilen, erklärt uns Schneider-Kempf. Den historischen Schnitt macht der Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die Bücher bis 1900 verbleiben Unter den Linden, das Forschungslabor zur Moderne wird die Staatsbibliothek am Kulturforum. Hört sich leserunfreundlich an, auf jeden Fall muss der Besucher sich vorab orientieren, in welche Zeit sein Lesebegehren gehört.

Das wird sich vielleicht einspielen. Barbara Schneider-Kempf atmet nun erst einmal auf, am 19. März werden der Rara- und der Allgemeine Lesesaal für das Publikum eröffnet. Dann haben die Bücher endlich wieder ihren Auftritt.

Entdecken Sie Top-Adressen in Ihrer Umgebung: Bibliotheken in Berlin