Michail Gorbatschow

„Die Niederträchtigkeit hat meine Frau umgebracht“

Ein denkwürdiger Abend mit Michail Gorbatschow: Im Berliner Ensemble stellte der frühere Präsident der Sowjetunion und Friedensnobelpreisträger sein Buch vor - und zeigte dabei sein ganzes Charisma.

Foto: Marc Tirl / dpa

Wenn er zu viel und zu lange rede, sagt Michail Gorbatschow, dann gebe ihm seine Tochter Irina immer ein Zeichen. Sie ist gekommen und sitzt unten in der ersten Reihe des Berliner Ensembles, so wie auch Richard von Weizsäcker, Bundespräsident während der Wiedervereinigung, und SPD-Politiker Egon Bahr. Irina jedenfalls muss an diesem Abend noch öfters ein Zeichen geben.

Der frühere Präsident der Sowjetunion und Friedensnobelpreisträger, der mit Glasnost und Perestroika Ende der achtziger Jahre Russland aus der Stagnation befreien wollte und dabei die Welt veränderte, dieser Mann ist nach Berlin gekommen, um sein Buch „Alles zu seiner Zeit“ vorzustellen. Und er hat jede Menge zu erzählen.

„Du hast ein Riesenglück mit deinem Ehemann“

Er hat das Buch für seine Frau geschrieben, sagt er. 1999 ist Raissa Gorbatschow gestorben, und er mache sich noch heute Vorwürfe. Sein Leben, das Leben eines Politikers, sei eine zunehmende Belastung gewesen. Und damit seien nicht nur die Reisen gemeint, sondern auch die Anfeindungen, die er in Russland erleben muss. „Die Niederträchtigkeit hat meine Frau umgebracht“.

Als er anfängt, über seine Frau zu sprechen, sich an sie zu erinnern, wird seine Stimme kurz brüchig, es falle es ihm schwer, über sie zu sprechen, sagt er. Was dann aber nicht ganz stimmt, denn es folgt eine ergreifende Liebeserklärung an seine Frau, an die er jeden Tag denke und die durch seine Erzählungen und die Erinnerung an die Kabbeleien lebendig wird. Sie hätten immer einen Streit darüber gehabt, wer von beiden mehr Glück haben würde und er habe immer gesagt: „Du hast ein Riesenglück mit deinem Ehemann.“

Vielleicht sollte man an dieser Stelle erwähnen, dass Moderator Wolfgang Herles, der ansonsten „Das blaue Sofa“ moderiert, eigentlich in seiner Eröffnungsfrage nach der Wechselwirkung zwischen dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Tod seiner Frau gefragt hatte, aber Michail Gorbatschow rund zehn Minuten lang alles mögliche über seine Frau erzählt und dann nach einer Pause sagt „so, jetzt zu Ihrer Frage“.

So einen wie Herles verspeist Gorbatschow zum Frühstück

Zwischen den beiden entwickelt sich ein interessantes Duell, wobei das Ganze natürlich kein faires Kräftemessen ist. In der ersten halben Stunde spricht Michail Gorbatschow ins Publikum und zu seiner fröhlichen Übersetzerin Marina Cronauer und ignoriert Herles komplett. In der zweiten Hälfte wendet sich Gorbatschow dann direkt an den ZDF-Redakteur, der sich ab dieser Zeit wahrscheinlich wünschte, er würde wieder ignoriert werden.

So einen wie Herles verspeist Gorbatschow zum Frühstück. Er kanzelt ihn mal milde, mal streng ab („Sie haben mein Buch nicht verstanden“). Wenn er mit dem Zeigefinger strafend-belehrend auf Herles zeigt, dann möchte man nicht in dessen Haut stecken: „Es gibt Geschichten. Und es gibt Fakten,“ maßregelt er ihn. Herles macht seinen Job als Fragesteller eigentlich gar nicht schlecht, aber seine übliche Humorlosigkeit macht es Gorbatschow leicht, ihn vorzuführen.

Der Zuschauer bekommt also eine interessante Demonstration, wie Macht funktioniert. Gorbatschows Charisma wird durch sein Äußeres verstärkt. Mit seinem hochgekrempelten Kragen und seinem kugelrunden Kopf, auf dem die restlichen Haare nach hinten gekämmt sind, erinnert er an Marlon Brando in „Der Pate“. Er mag ein alter Mann sein, der gerade aus dem Krankenhaus gekommen ist und schwach zu Fuß sein mag er auch, aber wenn er dort sitzt, ist er ein Bild von einem Mann.

Russland brauche eine Sozialdemokratie, in Deutschland gebe es ja jede Menge interessanter Parteien, sagt Gorbatschow und unterbricht sich selbst mit einem sehr hintergründigen Lächeln: „Ich vertraue den Deutschen, dass sie es auch ohne mich schaffen.“ Am Ende steht er auf, als würde er sich verabschieden, doch er spricht noch ein wenig, über die Aussöhnung zwischen Russen und Deutschen und welche schlechten Erfahrungen sie machen würden, wenn sie Russland angreifen, und man kann sich gut vorstellen, dass er bis Mitternacht dort oben steht und einfach weiter redet.

Aber auf einmal hört er auf, die Zuschauer, die ihm bereits bei seinem Erscheinen mit stehenden Ovationen begrüßt hatten, erheben sich wieder, gerührt und ergriffen von einem Mann, der wohl das Leben aller im Publikum so verändert hat.