Staatsoper

„Wir bauen hier keinen Flughafen“

Der Kulturausschuss versucht, einen Schuldigen für das Desaster bei der Staatsopern-Sanierung zu finden. Vor 2015 keine Eröffnung in Sicht.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Als kurz vor Ende der Anhörung im Kulturausschuss die Frage auf den Zeitplan und die Kosten der Staatsopern-Sanierung kam, hob Joachim Munzig zu einer Antwort an. . Der vertritt das Architekturbüro HG Merz, das vor einigen Jahren den Zuschlag für die Sanierung bekommen hat. Munzig sagte dann aber, dass dafür andere zuständig seien.

Es wirkte so, als hätte der neben ihm sitzende Mitarbeiter der Senatsbauverwaltung dem Architekten signalisiert, sich mit Zahlen lieber zurückzuhalten. Nach dem Motto: Bloß keine konkreten Angaben zu Projekten, die eh schon aus dem Ruder gelaufen sind. Das gehört zum politischen Spiel. Denn darüber freut sich die Opposition, die die Regierung bloßstellen kann, weil auch die neuen Termine nicht zu halten sind.

Beim neuen Großflughafen läuft das so. Und auch bei der Sanierung der Staatsoper. Die beiden Projekte haben zwar nichts miteinander zu tun, aber die Parallelität der Ereignisse fällt schon auf. Der Eröffnungstermin bei beiden Bauvorhaben ist bereits mehrfach verschoben worden, die Kosten bewegen sich in eine Richtung, nach oben.

Das wollte man sich bei der Staatsoper Unter den Linden lange Zeit nicht eingestehen, weil es politisch nicht gewollt war. Klaus Wowereit (SPD), der als Regierender Bürgermeister seit der vergangenen Legislaturperiode in Berlin auch für die Kultur zuständig ist, und der sich gestern in der Ausschusssitzung wegen eines Termins entschuldigen ließ, hatte oft betont, dass der Kostenrahmen in Höhe von 240 Millionen Euro ausreichen müsse.

Hintergrund dieser Ansage war auch, dass der Bund seinen Beitrag zur Sanierung auf 200 Millionen Euro gedeckelt hat, für Mehrkosten muss das Land Berlin aufkommen. Offenbar aber war die Gesamtsumme schon kurz nach Beginn der Bauarbeiten kaum zu halten. Es gab Gespräche, wie das Sanierungs-Programm abgespeckt werden könnte. Das Bedarfsprogramm optimieren, so heißt das dann.

Eröffnungstermin im Herbst 2015 nicht sicher

Ob dabei möglicherweise auch Maßnahmen beschlossen wurden, die letztlich zu weiteren zeitlichen Verzögerungen geführt haben könnten, das dürfte nur ein Untersuchungsausschuss herausbekommen. Den gibt es noch nicht, auch wenn man bei manchen Detailfragen der Abgeordneten der Opposition den Eindruck hatte, dass sie in selbigen sitzen würden. Vielleicht tun sie das ja demnächst.

Denn die Sachlage ist kompliziert. Und nach den Worten von Stadtentwicklungssenator Müller (SPD) ist der derzeit aktuelle Eröffnungstermin im Herbst 2015 nicht sicher. Müller deutete im Januar im Abgeordnetenhaus an, dass eine weitere Verschiebung um ein Jahr nicht auszuschließen sei. Ursprünglich sollte die Staatsoper Unter den Linden am 3. Oktober dieses Jahres ihre Pforten öffnen. Die Kosten steigen nach Berechnungen der Bauverwaltung um fast 46 Millionen Euro auf 288 Millionen Euro.

So ungefähr nach einer Stunde im Saal 376 des Abgeordnetenhauses und vielen Bildern, Schautafeln und Bauzeichnungen wollte Christopher Lauer von der Piratenpartei wissen, ob man das Dilemma nicht auch in ein, zwei Sätzen zusammenfassen könne. „Nein“, antwortete Architekt Joachim Munzig. Und fuhr damit fort, diverse Ursachen für die Verzögerungen aufzuzählen, darunter das unerwartet marode Bauwerk und die Forderung der Denkmalschützer, zumindest die äußere Kubatur der Staatsoper zu erhalten. Zumindest fast: 2,5 Meter soll der Bühnenturm jetzt höher werden als vorher, es wird ein zweite Tragwerk eingebaut, weil die alte Konstruktion statisch als problematisch gilt. Selbst vom drohenden Einsturz war schon die Rede.

Wassertanks sollen in Freiräumen angebracht werden

Im Inneren sei alles ausgebaut worden, was keine tragende Funktion hat, betonte Munzig. Weil aber die Anforderungen an ein Opernhaus heute anders als vor 60 Jahren sind (zwischen 1950 und 1955 wurde das 1743 eröffnete und zwischenzeitlich mehrfach umgebaute Opernhaus unter der Leitung des Architekten Richard Paulick wiederaufgebaut), sollen beispielsweise die Wassertanks für die Sprenkleranlage in diversen Freiräumen untergebracht werden.

Als Munzig von der Be- und Entlüftungsanlage sprach und sicherheitshalber betonte, dass „wir hier keinen Flughafen bauen“, erwähnte er die Kühlaggregate, die aus Platzgründen nicht mehr ins eigentliche Opernhaus untergebracht werden konnten. Die kommen jetzt ins benachbarte Intendanzgebäude, im angrenzenden Magazingebäude entstehen unter anderem Proberäume.

Das war der elegante Übergang zum umstrittenen unterirdischen Bauwerk. Wolfgang Brauer von der Linkspartei hatte im Vorfeld der Anhörung gefordert, den wieder zuzuschütten und die Bühnenbilder wie früher oberirdisch anzuliefern, anstatt die Kulissen im Magazingebäude zu versenken, um sie dann unterirdisch in dem rund 115 Meter langen Tunnel direkt auf die Unterbühne zu transportieren.

Rund 23 Millionen Euro kostet der Tunnel, der aus Sicht des Architekten und des Kulturstaatssekretärs André Schmitz (SPD) viel mehr ist als ein Ort der Kulissenschieberei: Als „Schlagader des Opernhauses“ bezeichnete Munzig das unterirdische Bauwerk, weil dort auch technische Versorgungsleitungen liegen. Schmitz betonte, dass der Tunnel auch dazu diene, dass die Mitarbeiter nicht mehr bei Wind und Wetter über die Straße gehen müssten, sondern trockenen Fußes zu ihrem Arbeitsplatz kämen.

Auch die Orchestermusiker können künftig vom benachbarten Probenzentrum unterirdisch in den Orchestergraben gelangen. „Wir geben viel Geld aus, um ein Denkmal für die kommenden 100 Jahre zu ertüchtigen“, betonte Schmitz. Das könnte stimmen, wenn sich die Generalsanierung noch viele Jahre hinzieht.