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Berlin erhält das Flaggschiff der Bibliothekslandschaft

Die Staatsbibliothek hat sich einen Lesesaal eingerichtet. Der Neubau liegt im Trend, denn Büchereien dienen zunehmend als Ort des Lernens.

Foto: Staatsbibliothek zu Berlin - PK / Jörg F. Müller

Umberto Eco hat sie sich bekanntlich als labyrinthischen Turm vorgestellt, in dem umstürzlerische Geheimnisse gehütet werden. Für den argentinischen Autor Jorge Louis Borges waren sie schlicht das Paradies. Die Bibliothek, der kulturelle Gedächtnisort schlechthin, ist als Typus jedenfalls eines der ältesten Gebäude.

Von der Palastbibliothek von Assurbanipal und dem antiken Alexandria über die klösterlichen Gesamtkunstwerke bis zur British Library, in der Karl Marx und Mark Twain über ihren Werken brüteten, waren Bibliotheken Orte mit Kultcharakter, die über die Funktion der Speicherung hinausgehen. Das Herzstück jedoch ist bis heute der Lesesaal, ein Ort der Stille wie der diskreten Blicke; manche Liaison soll hier ihren Ursprung genommen haben.

Das Merkwürdigste an Bibliotheken aber ist ihre Renaissance, heute, da das Ende des gedruckten Wortes vermeintlich ausgemachte Sache ist. Seit einigen Jahren werden so viele gebaut wie lange nicht mehr: 2002 eröffnete, fast symbolisch, der Neubau der Bibliotheca Alexandrina in Ägypten.

2004 bekam die TU in Cottbus einen spektakulär-gerundeten Bau, es folgte die Eröffnung des Grimm-Zentrums der Berliner Humboldt-Universität. Im letzten Jahr gab es mit Stuttgart 21 die Bibliothek zum Bahnhof, 2010 erlebte den hochmodernen Wissensort des Rolex Learning Center in Lausanne. Die Liste ließe sich leicht verlängern. Nürnberg eröffnete unlängst einen komplett neuen Bildungscampus.

Winfried Nerdinger, der kürzlich verabschiedete Leiter des Münchner Architekturmuseums, das 2011 eine Ausstellung zur Geschichte der Bibliothek zeigte, sprach von einem neuen Bauboom, der „konträr zu den Entwicklungen der Informationstechnik steht“. Trotz der Dominanz digitaler Wissensspeicherung: Die Bibliothek scheint quicklebendig zu sein. Sind Bibliotheken, nach den Museen, die neuen kommunalen Aushängeschilder?

Feierliche Schlüsselübergabe

Das nächste Großereignis wird die Wiedereröffnung des Flaggschiffs der deutschen Bibliothekslandschaft, die Staatsbibliothek Unter den Linden in Berlin sein. „Seit ich hier studiere, kenne ich nur die Gerüste“, sagt ein Student in der Dorotheenstraße. Hier, auf der Rückseite eines der größten Gebäude der Stadt, wird in den kommenden Jahren der Zugang zum neuen Leseaal liegen, der den Kuppelsaal von Ernst von Ihne von 1914 ersetzt. Am 10. Dezember erfolgt die feierliche Schlüsselübergabe an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, dann wird eingerichtet und im März 2013 soll eröffnet werden.

Dann wird man hochsteigen in das holzvertäfelte Quadrat, in das von allen Seiten gedämpftes Tageslicht fällt. Ein moderner Lichtkörper ist hier entstanden, hell, klar, modern. Hierfür sorgt schon der ironische Kommentar, der von der Decke hängt: „Noch Fragen?“ heißt die Arbeit aus bedruckten Aluminiumplatten von Olaf Metzel, die wie ein überdimensionales Papierknäuel aussieht. Architekt Hans Günter Merz sagt: „Mein Vorbild war die Stockholmer Stadtbibliothek von Asplund, die eine ähnliche Aufteilung der Wände besitzt.“ Wie in Berlin ist dort das untere Drittel als hölzerne Buchschale ausgekleidet und mit Regalen und Arbeitsplätzen versehen, die den gediegenen Hintergrund bilden (wenn auch nur mit Rosenholzfurnier).

„Es ist die Art von Atmosphäre, die wir uns für die Beschäftigung mit dem Buch wünschen“, sagt Merz. „Man soll sich fühlen, als säße man im Buch.“ Darüber liegen die kühlen, Licht spendenden Verglasungsschichten: Außen als Wetterschutz eine Stahlkonstruktion mit einer Fassade aus großen, heiß verformten Gläsern, darunter als Klimahülle eine ebenfalls heiß verformte Isolierverglasung. Die die dem Lesesaal zugewandte innere Hülle wird durch ein halbdurchsichtiges, mit Kunststoff beschichtetes Glasfasergewebe gebildet, das nachts das Licht nach außen lässt.

Lange Tischreihen mit filigranen Tischlampen nehmen den Innenraum ein, bieten Platz für 250 natürlich internetanschlussfähige Arbeitsplätze. Doch ist das nur der Schauteil von weit umfangreicheren Baumaßnahmen (Gesamtkosten 365 Millionen Euro): Unterhalb des Lesesaals liegen zwei neue Tresorräume mit 3000 Quadratmetern Nutzfläche für besonders schützenswerte Literatur, darunter die berühmten Handschriften-, die Musik- und die Kartenabteilung, Kern der unvergleichlichen Bestände. Ausgelagert hingegen ist das Depot, das derzeit in Friedrichshagen heranwächst, ein viergeschossiges Magazin. Es wird Platz für rund 6 Millionen Bände bieten und soll sich durch einfache modulare Erweiterungen noch verdoppeln lassen. Die Planungen reichen bis ins Jahr 2060.

Die Räumlichkeit ist wichtig

Lohnt sich der Aufwand? Ist diese Form der Buchaufbewahrung, mit Lesesaal und immer größeren Gebäuden für die kontinuierlich wachsenden Bestände noch zeitgemäß?

Offenbar ja, zumal die Online-Welten sich in die älteren Formen integrieren. 500 der 13.000 Bibliotheken in Deutschland bieten inzwischen die (elektronische) Ausleihe von elektronischen Büchern an.

Dem Deutschen Bibliotheksverband zufolge bleibt die Räumlichkeit jedoch eine entscheidende Attraktion. Ein Neubau oder die Sanierung von Bibliotheken lässt die Nutzerzahlen sofort steigen. Denn Bibliotheken, so Michael Reisser vom Berufsverbad der Bibliothekare (BIB), „sind immer weniger Ausleihorte, sondern zunehmend Lernorte.“ Das Berliner Bibliotheksbauarchiv listet seit 1998 bis heute rund 100 größere Neubauten auf.

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