Filmstart

Wie man einen Welt-Bestseller denkbar unglücklich verfilmt

Sherry Hormann nutzt Watzlawicks Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ als Vorlage - und liefert eine schnöde Beziehungskomödie.

Foto: Walter Wehner / Studiocanal

Alle wollen immer einen guten, einen großartigen, einen grandiosen Film machen. Oder einen Publikumshit. Oder am besten gleich beides. Dabei wird das, angesichts von oft zwölf neuen Filmen pro Woche immer schwieriger und aussichtsloser.

Warum also nicht einen missglückten Film drehen? Die Filmfördertöpfe wollen schließlich ausgeschöpft, die zahllosen Filmschaffenden beschäftigt werden. Immer wieder allerdings findet auch ein blindes Huhn ein Korn. So ausgemacht ist es also nicht, dass ein missglückter Film auch wirklich missglückt. Aus naheliegendem Anlass daher eine kleine Anleitung für einen missglückten Film.

Der Autor kann sich nicht wehren

Man nehme einen Bestseller. Einen, den möglichst viele gelesen haben, zu dem also möglichst viele eine (andere) Meinung haben. Am besten nehme man ein Buch, auf dem das Etikett „unverfilmbar“ klebt. Aber Vorsicht: Auch das kann am Ende immer noch ein guter, gar geglückter Film werden, man denke nur jüngst an die Haushofer-Verfilmung „Die Wand“ oder die Mitchell-Adaption „Cloud Atlas“.

Also halte man sich am besten an einen unverfilmbaren Bestseller, der nicht aus der Belletristik-, sondern aus der Sachbuch-Abteilung stammt. Also keinerlei Handlung für einen Spielfilm liefert. Eine gewisse Grundenttäuschung ist damit schon mal garantiert. Am besten wähle man noch einen Autoren, der bereits verstorben ist und sich nicht mehr wehren kann. Nur dann kann man wirklich das Schlimmste aus seinem Werk zaubern.

Ganz folgerichtig kann man hier bei Paul Watzlawicks „Anleitung zum Unglücklichsein“ landen. Ein Buch, das sich als Parodie auf die vorherrschende Ratgeber-Literatur verstand und 1983 zum weltweiten Bucherfolg avancierte. Kaum ein Haushalt, in dem das schmale Bändchen nicht im Regal stecken würde.

Die Geschichte mit dem Hammer

Man muss es ja nicht gleich gelesen haben. Aber so rudimentäre Geschichten wie die mit dem Hammer, die hat man schon mal gehört: dass also jemand ein Bild aufhängen will und den Nagel schon hat, nicht aber den Hammer, den er vom Nachbarn ausleihen will, doch dann gibt es tausend Gründe, warum das nicht klappt und das Bild niemals hängen wird.

Man nehme jetzt all diese kleinen Geschichten, die der Soziologe Watzlawick da fallbeispielhaft angeführt hat, und werfe sie beherzt in einen Topf. Da der Autor bereits vor fünf Jahren das Zeitliche gesegnet hat und ergo kein Veto mehr einlegen kann, kann man seine grandiosen Aphorismen sogar auf profane Glückskeks-Botschaften reduzieren.

Das wäre schon mal eine Ausgangsidee: ein Restaurant mit Glückskeksen, in das man einige Figuren setzt, denen einige dieser Geschichten passieren. Die Tagesspeisen könnte man auf eine Tafel schreiben, die an die Wand gehängt gehört. So könnte man auch die Geschichte mit dem Hammer festnageln.

Mal wieder eine Dreiecksgeschichte

Jetzt gebrauche man dringend eine Klammer, die das lose Material irgendwie zusammenhält. Man kupfere dafür bedenkenlos bei anderen Filmen ab und könnte dann etwa bei folgender ausgelutschter Grundkonstellation landen: eine junge Frau, die sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann. Schon sind wir bei der deutschen Beziehungskomödie gelandet, die in den neunziger Jahren ihre Blütezeit im Kino erlebt hat, seither aber einen gewissen Überdruss auslöst.

Man suche nun einen klingenden Namen für die Hauptfigur, der von vornherein die Herkunft aus den Niederungen der Beziehungskomödie erkennen lässt. Etwa Tiffany Blechschmidt. Nostalgiker mögen da an ein Frühstück bei einem Edeljuwelier denken oder an eine Sesamstraßen-Figur. Jedenfalls nicht an Watzlawick.

Jetzt kann man noch ganz mutig sein und gleich anfangs eine Stimme aus dem Off sagen lassen: „Dies ist keine Komödie. Und damit fängt das Drama schon an.“ Das ist eine Lüge, weil‘s ja doch eine Komödie ist, aber auch ein Offenbarungseid, weil das in der Tat das Drama ist.

Bis jetzt haben wir viele hübsche Zutaten für einen möglicherweise schlechten Film. Damit er aber wirklich missglückt, müssen wir ein paar Fallhöhen einbauen. Also Momente schaffen, von denen man sagen kann, doch, das hätte was werden können.

Gegen den Strich gebürstet

Am ehesten bieten sich dazu gute, nein besser: hervorragende Darsteller an. Zum Beispiel Johanna Wokalek. Die ist doch gestandene Burgtheater-Mimin und im Kino auf dramatische XXL-Figuren wie Gudrun Ensslin („Der Baader Meinhof Komplex“) oder „Die Päpstin“ festgelegt. Die stelle man jetzt in das ihr zumindest im Film fremde Komödienfach.

Man stelle ihr jetzt noch ein paar gestandene Partner zur Seite. Etwa Benjamin Sadler, der jede zweite Hauptrolle im Fernsehen spielt, aber im Kino sträflich vernachlässigt wird. Man lasse ihn hier einmal voll gegen sein übliches Rollenschema anspielen, als testosteron-gesteuerter Macho.

Iris Berben als Muttermonster

Oder Iris Berben, die Heilige Mutter des Fernsehens, die hier ein Muttermonster spielen darf, also auch eher artfremd besetzt ist. Jetzt lassen wir die schon tot sein und trotzdem immerzu auftreten, um noch aus dem Jenseits das Leben ihrer Tochter kritisch zu beurteilen. Man denke das konsequent zu Ende und lasse sie dann auch in der Bettszene von Wokalek und Sadler mit dabei liegen.

Halt. Das ist jetzt wirklich ein sehr hübscher, sagen wir ruhig: ein geglückter Einfall. Man muss ihn nicht gleich wieder streichen, sollte aber nicht zu viel von solchen Pointen einstreuen. Stattdessen lasse man lieber noch ein paar großartige Schauspieler in ein paar vernachlässigbaren Nebenrollen auftauchen, etwa David Kross, Richy Müller oder Michael Gwisdek.

Aber keineswegs nutze man das kreative Potenzial, das sich da bietet, sondern begnüge sich lediglich mit den großen Namen. Lasse sie regie-mäßig ins Leere laufen und Plattitüden aufsagen, die, auch wenn Watzlawick draufsteht, doch als Plattitüden zu erkennen sind.

Jetzt muss man eigentlich nur alles getrost nach Schema F des Beziehungskomödienkinos abspulen lassen. Den Macho könnte man auf möglichst makabre Weise aus der Geschichte kippen, dann bleibt nur noch der langweilige Nebenbuhler. Zum Happy End gibt‘s natürlich wieder die Glückskekse, die zwischendurch aus dem Sortiment genommen wurden. Und das alles bebildere man in nicht mehr als braven Aufnahmen, die niemals die Möglichkeiten der Kinoleinwand voll ausschöpfen.

Zwischen Twilight und Hobbit

Es besteht natürlich die Restgefahr, dass der Film trotzdem irgendwie laufen, dass er am Ende doch noch ein Erfolg werden könnte. Deshalb suche man sich zwei möglichst erwartbare Publikumserfolge aus, sagen wir den letzten „Twilight“- und den ersten „Hobbit“-Film, und lasse sein Werk gezielt dazwischen starten. So sollte ein missglückter Filmstart auf jeden Fall gelingen. Und wenn Paul Watzlawick mit dem Ergebnis nicht glücklich sein und sich buchstäblich im Grab umdrehen sollte, dann hätte er doch auch nur seine eigenen Kriterien erfüllt.

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