Film

Marianne Sägebrecht hat keine Probleme mit dem Alter

Die Schauspielerin offenbart, warum ihr die Enkelin wichtiger war als eine Karriere in Hollywood und wie sie sich ihren Lebensabend vorstellt.

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Zehn Jahre lang war sie in keinem Kinofilm mehr zu erleben. Dabei ist Marianne Sägebrecht eine Urgewalt, seit Percy Adlon sie mit „Zuckerbaby“ entdeckt und mit „Out of Rosenheim“ zum Weltstar gemacht hat. Die Karriere, die Verlockungen, ein Star zu sein, all das aber hat die 67-Jährige nie gereizt. Sie ist lieber bodenständig geblieben - auf einer Scholle am Starnberger See. Jetzt aber kommt die Sägebrecht einmal mal wieder auf die große Leinwand: in Tomy Wigands Film „Omamamia“ spielt sie eine Großmutter, die sich dagegen wehrt, ins Altenheim abgeschoben zu werden. Eine Paraderolle für die Volksschauspielerin. Morgenpost Online hat mit ihr gesprochen.

Morgenpost Online: Frau Sägebrecht, es ist fast eine Dekade her, dass Sie das letzte Mal im Kino zu sehen waren. "OmaMamia" ist Ihr Kino-Comeback?

Marianne Sägebrecht: Ja, kann man wirklich so sagen. Aus tiefem Herzen.

Morgenpost Online:Der Film ist ganz auf Sie zugeschnitten. Eine Oma, die ins Altenheim abgeschoben werden soll und stattdessen ganz allein von Kanada nach Rom reist. Da scheint viel von Ihnen drinzustecken, hatten Sie starken Anteil an der Rollenentwicklung?

Sägebrecht: Überhaupt nicht. Das Angebot kam aus Kanada und basiert auf einer realen Geschichte. Die Frau hat es wirklich gegeben. Die Produzentin und die Regisseurin haben aber vor vier Jahren in Rom beschlossen, Marianne Sägebrecht soll das spielen. Auch die deutsche Redakteurin, die das betreute, sagte: Marianne, das bist du, das kannst nur du spielen. Das schmeichelt natürlich. Ich finde das auch ganz geheimnisvoll, die ganze Welt scheint mit mir zu sein.

Morgenpost Online:Warum waren Sie so lange kinoabstinent? Hatten Sie keine Lust mehr?

Sägebrecht: Ach was. Ganz ehrlich? Ich glaube, dass man es innerhalb Deutschlands, das sage ich jetzt mal frech, nicht riskieren will, eine Frau, noch dazu über 65, für eine Kinohauptrolle zu casten. Bei uns ist der Trend ja ganz komisch, dass eine 40-Jährige eine 20-Jährige spielt, die wird dann halt so hingeschminkt. Warum kann man den Leuten nicht auch mal ältere Figuren zumuten? Mit Falten im Gesicht? Ein Wahnsinn. Da kommen Angebote, die sind ganz fürchterlich. Aber das ist nur die eine Erklärung.

Morgenpost Online:Und die andere?

Sägebrecht: 1999, drei Jahre, nachdem meine Mutter starb, habe ich mich entschlossen, aufs Land zu ziehen. Um dort meine Kräuter zu pflanzen, meine Bücher zu schreiben. Und innere Einkehr zu haben. Ich bin keine Einsiedlerin, ich will schon Kontakt zu Menschen halten. Es hat sich dann so ergeben, dass immer mal Angebote vom Fernsehen kamen. Das waren ein paar ganz spezielle Sachen, alle bewusst ausgewählt. Das hat sich dann so im Rhythmus eingepegelt. Ich sage ja immer: Man kommt auf die Welt mit seinem Lebensskript unter dem Arm. Gewisse Dinge, die passieren, sollen einfach passieren. Wenn ich ein Drehbuch lese, dann fang ich nach fünf, sechs Seiten an zu zittern und zu kribbeln und dann weiß ich, das hat mit meinem Leben zu tun. Das sind Schicksalsdinge. Deswegen bin ich da immer ganz ruhig. Ich weiß, das muss so sein, das hat mich gesucht.

Morgenpost Online: Im Lebensskript stand auch eine Weltkarriere. Nach "Out of Rosenheim" hätten Sie nach Hollywood gehen können. Sie haben das sausen lassen.

Sägebrecht: Gott sei Dank. Es ist doch so: "Out of Rosenheim" lebt noch. "Rosalie goes shopping" lebt noch. "Der Rosenkrieg" lebt noch. Das sind Sachen, die beseelt sind, die bleiben werden. Aber nach "Rosenkrieg" war's schon klar, das ging nicht mit mir in Hollywood. Ich war ja nicht in der Actor's Guild, ich lebte in Deutschland. Danny de Vito und Michael Douglas wollten mich trotzdem, deshalb haben sie es durchgesetzt. Aber dann kommt irgendwann das Studio, und dann sollst du einen Vertrag unterschreiben, den Folgevertrag unterzeichnest du gleich mit, wenn du einen Film machst, musst du dich für weitere fünf Filme zur Verfügung stellen. Und auf lange dort bleiben.

Morgenpost Online: Und das war nichts für Sie.

Sägebrecht: Ich kenne einige Kollegen, die an diesem Hügel hängengeblieben sind. Aber da kam dann nichts. Es muss nichts kommen! Deshalb hab ich Nein gesagt. Wir wollten damals in Prag "Martha et moi" drehen und hatten schon Michel Piccoli dafür gewonnen. Den Regisseur Jiri Weiss habe ich damals lieben gelernt. Das haben wir in der Tschechoslowakei gedreht, kurz nach dem Umbruch dort. Und das hätte ich alles aufgeben sollen, um am Hügel Däumchen zu drehen?

Morgenpost Online: Sie haben auch Woody Allen einen Korb gegeben.

Sägebrecht: Ja nun. Die rufen an und sagen: Wir wollen dich, wir fangen in drei Tagen an. Ich hatte damals aber bei einem Symposium in Baden-Baden für eine Jury zugesagt, das den Fernseh-Autorenfilm wieder stärker etablieren wollte. So was ist für mich genauso wichtig wie ein Angebot von Woody Allen. Ich schmeiß doch nicht alles über Bord, nur weil Amerika am Apparat ist. So weit kommt's noch. Es gab natürlich noch ein Argument, nicht "rüberzumachen".

Morgenpost Online: Ihre Enkelin.

Sägebrecht: Genau. Ich wollte Alina aufwachsen sehen, mit ihr kommunizieren. Als sie auf die Welt kam, war ich allerdings erst ein wenig merkwürdig. Ich hab gesagt, sag Nanni zu mir. Von "Nonna", dem italienischen für Oma. Da hatte ich echt Probleme mit dem Begriff Oma. Das war vor 20 Jahren. Heute ist es so, dass mir dass die größte Wonne bereitet. Ich bin gern Oma und der Begriff ist ganz sinnlich und freudig für mich.

Morgenpost Online: Sie leben heute sehr zurückgezogen am Starnberger See. Und drehen nur noch dann und wann. Das kann jetzt aber nicht nur an Ihrer Enkelin liegen, die ist ja längst groß.

Sägebrecht: Lieber Herr Zander, das ist ja alles ein Missverständnis. Ich seh mich ja gar nicht als eine Schauspielerin, die wie am Fließband Arbeit abliefert. Das tun viele Kollegen, das bewundere ich, ich könnte das nicht. Ich kann nur mit der Seele reingehen. Das sage ich auch immer zu den Produzenten: Wenn ich komme, geb ich meine Seele, mein Herz. Die sagen dann oft: Nee, so viel brauchen wir gar nicht. Aber anders kann ich s nicht. Ich kann es nur leben, eine andere Arbeitstechnik habe ich nicht. Was natürlich immer gefährlich ist. Wenn so eine Rolle dann hochdramatisch wird, kann das auch richtig wehtun. Ich hab da keinen Schutz. Deshalb muss ich vorsichtig sein, worauf ich mich einlasse. Und danach muss ich die Batterie wieder aufladen.

Morgenpost Online: Hatten Sie, als Berufs-Laie, als Star wider Willen, eigentlich Berührungsängste, mit Größen wie Michael Douglas, John Malkovich oder Michel Piccoli zusammenzuarbeiten?

Sägebrecht: Nie. Ich hatte das große Glück, dass ich schon in der Realschule vier Jahre in einer Theatergruppe war, da haben wir alles, wirklich alles gemacht. Nicht nur gespielt, auch zusammen das Bühnenbild gebaut und so. Das war der Urgrund: Teamarbeit. Das hat mich geprägt. Mir war immer klar, du bist nicht allein, du machst das zusammen. Und schon damals hat man mir gesagt, du hast ein so empathisches Empfinden, du musst weitermachen. Und was die großen Kollegen angeht: Die sind alle respektvoll und professionell.

Morgenpost Online: In Ihrem neuen Film sollen Sie als Oma von der eigenen Tochter ins Altenheim abgeschoben werden, die Enkelin ist weit entfernt in Rom. Bei Ihnen ist die Verbindung offensichtlich eine andere.

Sägebrecht: Diese Missstimmung, dass die Tochter Kontrolle über die Mutter übernimmt, das gab es bei mir nie. Das würde meine Tochter nie tun, die lässt mich sein, wie ich bin. Meine Enkelin auch. Die Linie haben wir von meiner Mutter karmisch weitergelebt.

Morgenpost Online: Wie ist Ihre Tochter Daniela mit Ihnen zurechtgekommen? Hat sie rebelliert?

Sägebrecht: Natürlich. Aber ich habe ja von meiner Mutter gelernt, insofern war ich vorbereitet. Mir war bewusst, die Freiheit, die ich hatte, die musst du auch deiner Tochter schenken.

Morgenpost Online: Sie hatten auch mal eine Frauen-WG: Sie haben mit Ihrer Schwester, Ihrer Mutter und Ihrer Tochter unter einem Dach gelebt. Wie ging das?

Sägebrecht: Prima ging das. Jeder hatte sein Zimmer, jeder seine Rückzugsmöglichkeit. Und eine große Wohnküche, in der fand dann alles statt. Wir haben gelernt, aufeinander Rücksicht zu nehmen.

Morgenpost Online: Und wie leben Sie jetzt, allein auf dem Land?

Sägebrecht: Das Land ist auch Rückzug. Ich habe mich über viele Jahre stark verausgabt. Im Garten komme ich zu mir. Da kann ich wieder aus meinem Inneren schöpfen. Ich lebe da ganz friedlich. Mit meinen Tieren. Und mit meinen Pflanzen. Das genieße ich sehr. Ich schöpfe Kraft, wenn ich durch den Wald wandere. Wenn ich den Vögeln lausche. Ich hab auch meine Tagesrituale und meine Wochenendkommunikation mit Freunden und Familie.

Morgenpost Online: Haben Sie Probleme mit dem Alter?

Sägebrecht: Ich finde, je älter man wird, desto schöner wird man. Also, ich meine natürlich innere Schönheit. Ich hab ja quasi einen Kinderpopo im Gesicht, ich freu mich über jede Falte. Wenn ich sage, wie alt ich bin - 67 Jahre -, mag mir das keiner glauben. Aber ich glaube, das ist eine Frage des inneren Wohlfühlens. Die meisten Leute haben ständig was an sich, an ihrem Aussehen auszusetzen. Alle müssen dürr sein. Ich hab ja mehr so eine mütterlich-üppige Form. Das so genannte Schönheitsideal ist für mich kein Thema. Ich würde nie eine Schönheits-OP machen lassen. Ich bin glücklich, so wie ich bin.

Morgenpost Online: Und haben Sie einen Plan, was Sie tun, wenn Sie mal nicht mehr so rüstig sein sollten?

Sägebrecht: Wir sind schon dabei, ihn umzusetzen. Ich lebe jetzt fast 13 Jahre auf dem Land. Aber das ist nicht die Lösung. Deshalb plane ich fürs nächste Jahr, dafür suche ich gerade ein Grundstück, wo ich ein 500-Quadratmeter-Überlebensbiotop einrichten will, kombiniert mit Hühnerstall und Gewächshaus, wo man von der Kräuterspirale bis zum Kartoffelacker alles hat, was man braucht. Da darf man gucken kommen, da möchte ich noch einen Rahmen liefern und zwei, drei Mal im Monat eine Tafelrunde etablieren, aber eben nicht so groß, höchstens 55 Personen. Es wird Lesungen geben, Konzerte, eine Galerie. Das soll meine Altersversicherung werden. Wie in meinem Film "Out of Rosenheim", das im Original "Bagdad Café" hieß. Dieses Café, das ist das Urprinzip: eine Kneipe als Zusammenkunftsmöglichkeit für alle. Das sind so Modelle fürs Alter. Dass man sich zusammentut. Jung und Alt. Es kann die eigene Familie sein oder eine Schicksalsgemeinde.

Morgenpost Online: Und wenn Sie mal nicht mehr so rüstig sein sollten?

Sägebrecht: Also ich bin ja solo auf dem Seil, ich lauf schon so die ganzen Jahre und schau auch sehr auf mich. Und ich habe eine ganz lebendige Vorstellung, dass ich Glück haben könnte, noch einige Jahre für andere da zu sein. Das ist ja ins Schicksal mit eingegossen. Ja, ich denke, das ist alles im Gen-Stempel drin. Der Tag, an dem man geboren ist, und der, an dem man abtritt, das ist vorgegeben. Die Länge des Lebens kann man also nicht vorbestimmen, aber die Tiefe und Breite.