Erinnerung

Warum Berlin so lange am Sinti-und-Roma-Mahnmal baute

Nach mehr als 15 Jahren Planung und Bauzeit wird das Skulpturenprojekt des israelischen Künstlers Dani Karavan nun vollendet.

Foto: Markus Schreiber / dapd

Am heutigen Mittwoch vollendet sich das wohl anstrengendste Skulpturenprojekt des israelischen Bildhauers und Objektkünstlers Dani Karavan: Seine Brunnenplastik für die ermordeten Sinti und Roma wird mit einem Staatsakt durch Bundeskanzlerin Angela Merkel eröffnet. 2,8 Millionen Euro hat die Skulptur gekostet.

Bereits vor Jahren entstanden die Denkmäler für die ermordeten Juden und Homosexuellen Europas in unmittelbarer Nachbarschaft. Nun wird dieser dritten Opfergruppe gedacht, deren Zahl auf rund 500.000 Menschen geschätzt wird.

Dani Karavan wurde durch spektakuläre Landschaftsskulpturen bekannt. Dazu gehören ein Betonlabyrinth in der israelischen Negev-Wüste oder die Skulptur am Klippenpfad bei Portbou, an der Mittelmeerküste, wo sich Walter Benjamin in den Tod stürzte. Morgenpost Online sprach mit dem Künstler.

Morgenpost Online: Herr Karavan, nach fünfjähriger Bauzeit und über zehn Jahren Planung, verstehen Sie sich überhaupt noch mit Romani Rose, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Deutschen Sinti und Roma?

Dani Karavan: Wir haben eine gute Beziehung. Ich glaube, er hatte Schwierigkeiten mit all den Kämpfen, die ich ausgestanden habe, auch für die Sinti und Roma. Ich habe diese Arbeit nie aufgegeben. Als ich mit dem Mahnmal begonnen habe, war ich 68, nun werde ich bald 82 Jahre alt. Ich war sicher, ich würde es in drei Jahren vollenden, aber dann dauerte es so lange.

Morgenpost Online: Woran lag das?

Dani Karavan: Einmal daran, dass es eine lange Diskussion unter den Sinti und Roma gab, auch mit den Staatsministern für Kultur der Bundesregierung. Sie akzeptierten das Wort „Zigeuner“ nicht mehr . Außerdem gab es lange Diskussion wegen des Textes in der Widmung, der auf der Skulptur stehen sollte.

Morgenpost Online: Wie wurde der Text geändert?

Dani Karavan: Zunächst sollte im Zentrum des Brunnens ein Zitat von Roman Herzog stehen, das sehr stark ist, weil es den Mord an den Sinti und Roma der Nazi-Zeit mit dem Mord an den Juden vergleicht. Dann wanderte dieser Text an eine andere Stelle. Also bat ich die Sinti und Roma, mir einen weiteren Text für die Widmung zu geben. Es ist das Gedicht des Roma-Italieners Santino Spinelli, der auch ein Musiker ist. Dessen Worte stehen nun um den Brunnen herum: „Ohne Atem, ohne Worte, keine Tränen.“

Morgenpost Online: Das erklärt noch nicht die Bauzeit von fünf Jahren. Die verantwortliche Behörde ist die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Im vergangenen Jahr wurde dann der Architekt abgelöst. Das zuständige Büro ZHN sagt, die Architekten hätten die Niederlegung ihrer Tätigkeit angeboten, weil Sie sich nicht an Absprachen gehalten hätten.

Dani Karavan: Ich habe mit ihnen zusammengearbeitet, aber sie nicht mit mir. Da waren ständig vollendete Tatsachen, die ich mir anschauen musste. Sie lieferten Steine, die wir nicht gebrauchen konnten, weil sie aus dem falschen Material waren. Ich hatte jeweils Proben angefordert, sie haben nicht eine davon angeliefert. Das Bassin für den Brunnen sollte einen glatten Rand haben, damit das Wasser gleichmäßig darüber läuft, aber der Rand musste nochmals geschliffen werden.

Morgenpost Online: Bis vor kurzem stand ein Zelt über dem Denkmal, darunter wurde das Bassin monatelang repariert.

Dani Karavan: Zuerst wollten wir es neu machen, es war unvollkommen. In der Kunst gibt es keine Toleranz. Ein Kunstwerk muss präzise sein. Man hat mir zugeredet, das sei ja Architektur. Aber nein, es ist natürlich Kunst. Es gibt keine Fehlertoleranz in einem Werk von Henry Moore oder bei Michelangelo. Auch nicht bei mir.

Morgenpost Online: Stehen Sie überhaupt noch hinter dem, was nun eingeweiht wird?

Dani Karavan: Ich kann sagen, dass ich es als Künstler akzeptiere.

Morgenpost Online: Mit der Lichtung im Tiergarten, zwischen Brandenburger Tor und Reichstag, haben Sie einen kleinen Platz bekommen im Vergleich zum Denkmal für die ermordeten Juden.

Dani Karavan: Je kleiner ein Raum ist, je kleiner man eine Skulptur entwirft, umso größer wird sie nachher. Schon allein deshalb, weil die Menschen leichter Emotionen empfinden, wenn ein Denkmal auf ihre physische Größe eingeht. Als Landschaftskünstler arbeite ich für jeden einzelnen Menschen, für das Kind, für die Frau. Ich arbeite in Bezug auf eine Menschengröße, nicht für Tausende.

Morgenpost Online: Sie waren vor vielen Jahren eingeladen, einen Entwurf für das Holocaust-Mahnmal abzuliefern.

Dani Karavan: Ich wurde gebeten, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Und ich hatte nicht das Gefühl, dass dieser Ort der richtige war. Zu groß, zu zentral, mitten im Verkehr. Es sollte eher ein Platz sein, wo die Menschen auch meditieren können, und ich glaubte auch, dass er allen Opfergruppen zusammen gewidmet sein sollte, die vom Völkermord betroffen waren. Danach bat mich Romani Rose vom Zentralrat der Sinti und Roma, das Denkmal für sie zu schaffen. Er brachte mich zu diesem Ort am Reichstag und ich entwickelte eine Idee genau für diesen Ort.

Morgenpost Online: Nun sind die Denkmäler fertig, fein getrennt nach Opfergruppen. Die anderen Denkmäler bestehen aus Betonquadern. Ihr Denkmal ist anders, es gibt einen Brunnenwärter, der im Keller jeden Tag eine Blume auf den Stein legt. Dann fährt der Stein nach oben zur Brunnenschale.

Dani Karavan: Dieses Denkmal schafft ein Ritual. Schon wenn man auf den Steinplatten um die Brunnenschale geht und dabei das Gedicht liest, ist das ein Art Ritual. Und wenn der Stein jeden Tag mit einer neuen Wiesenblume auffährt, ist es ein Ritual, wie die Messe in einer Kirche, das Gebet in der Synagoge oder der Moschee. Zu einer bestimmten Stunde erlebt man es, jeden Tag kehrt es wieder.

Morgenpost Online: Was hat das mit der Geschichte der Sinti und Roma zu tun?

Dani Karavan: Ich hatte einmal in Marseille die Aufgabe, ein Stadtquartier zu renovieren. Und es gab dort einen wunderbaren Baum, um den herum Mülltonnen standen. Als ich die Anwohner fragte, warum gerade dieser schöne Platz so verschandelt wurde, sagten sie mir, es sei wegen der Sinti und Roma, um sie zu vertreiben. Sie hatten sich in einem Kreis dort versammelt. Da kam mir in Erinnerung, dass sie in Kreisen sitzen, diskutieren und ihre weisen Leuten dort auch Urteile sprechen.

Morgenpost Online: Wie würden Sie einem Blinden den Ort beschreiben?

Dani Karavan: Ein Kreis, gefüllt mit Wasser, ein Spiegel, schwarzes Wasser, wie ein Loch. In der Mitte ein Dreieck, in dem ein Stein ruht. Wir suchten eine graue Farbe für ihn aus, weil die Sinti und Roma auf ihren KZ-Anzügen ähnlich aussehende Dreiecke trugen. Der Stein kann in einen Keller gefahren werden, um eine Blume daraufzulegen, eine Wiesenblume, weil Wiesenblumen auf den Feldern wachsen, wo die Sinti und Roma getötet wurden.