Ekel Alfred

Schmerzhaftes Fernsehen

Mit seinem Werk prägte Wolfgang Menge das Medium.

Foto: ARD-Foto / WDR

Er war so ein Ekel. Wusch sich die Füße in der Suppenschüssel. Schnitt sich die Zehennägel auf dem Sofa, während die Familie daneben saß. Beleidigte seine Frau, machte das Wort „Arschloch“ fernsehtauglich (das war nicht das Verdienst von Georges Schimanski). Und wetterte über Sozis, Frauen und Ausländer. Alfred Tetzlaff war der hässliche Deutsche schlechthin. Der, der wir nie sein wollten. Und doch war er ein Spiegelbild unserer selbst. Unserer versteckten, verdrängten und gerade deshalb wieder hervorbrechenden Seiten. Alfred Tetzlaff? So nannte ihn kein Mensch. „Ekel Alfred“, unter diesem Namen kannte ihn jeder. Die Figur, die die Fernsehnation gespalten hat wie keine sonst (nicht mal Schimanski).

Wenn dieser Name fiel, fiel immer auch ein anderer: Wolfgang Menge. Auch das eine absolute Ausnahme. Denn es war nicht der Darsteller dieser Anti-Figur (wer erinnert sich noch an dessen Namen?), sondern deren Erfinder. Wolfgang Menge, das ist überhaupt der einzige Autor des deutschen Fernsehens, der es geschafft hat, selbst zum Namen, zum Begriff zu werden. Das gelingt dort nicht mal Regisseuren. Die Einzigartigkeit Menges zeigt sich schon in diesem kleinen Indiz.

„Ein Herz und eine Seele“ sollte eigentlich nur eine deutsche Version einer britischen Serie werden, „Till Death Us Do Part“. Doch das war Menge zu wenig. Er wollte das ganz auf deutsche Verhältnisse übertragen. Es sollte die erste deutsche Sitcom werden. Nicht, dass die Deutschen damals schon gewusst hätten, was eine Sitcom ist. Und er radikalisierte die Form durch aggressive, ja vulgäre Komik. Da stellten sich selbst den Senderverantwortlichen die Nackenhaare hoch. Und die „New York Times“ wetterte, man würde da einen Nazi beschreiben. Aber genau das war Ekel Alfred nicht.

Blick in die deutsche Seele

Es war die deutsche Spießerseele par excellence, wie sie sich niemals draußen, vor Zeugen, aber drinnen, in der Stube, von ihrer hässlichsten Seite zeigte. Ekel Alfred war eine Kunstfigur, eine aus vielen Defiziten zusammengesetzte Person. „Die Leute“, so gab sein Schöpfer einmal zu, „haben immer gesagt: Ich kenn’ den. Mein Mann ist es nicht, aber der von nebenan.“ Ekel Alfred war immer der Andere. Das war sein Erfolg. Der stellte sich gleich bei der Erstausstrahlung 1973 ein. Und bis heute ist das Kult. Immer noch werden die Folgen wiederholt, trotz Schwarzweiß, trotz grisseliger Bilder. Der Schock über die Figur hält noch immer an. Aber auch der Reiz, sie zu gucken. Heute würde sich kein Sender mehr trauen, so etwas zu produzieren, geschweige denn zu senden.

Ekel Alfred war das Großartigste, Nachhaltigste, was Menge je erschaffen hat. Doch wenn man ihm das sagte, ärgerte ihn das: „Man hat darüber andere Sachen vergessen, die viel besser waren.“ Vergessen? Sicher nicht. Menge hat die Fernsehlandschaft geprägt wie keiner sonst. Er war ein notorischer Abweichler. Die napoleonischen Züge des Ekels Alfred, das hat dessen Darsteller (er hieß übrigens Heinz Schubert) einmal preisgegeben, sie waren Menge alle zu eigen. Aber er war der einzige Fernsehspiel-Autor, der ein Star wurde. Bei ihm sollte, bei ihm musste Fernsehen weh tun. Auf nachhaltige Art. TV brutal.

Seine Hochphase waren die Siebziger

Dabei hatte alles eher zufällig angefangen. Jürgen Roland hatte eine Krimiserie konzipiert, nach wahren Begebenheiten. Doch „Der Polizeibericht meldet“ lief eher schleppend an. Deswegen fragte Roland den Journalisten Menge, ob er nicht helfen könne. Und er konnte. Das Protokollarisch-Bürokratische, er erzählte das nicht trocken, er lockerte es auf. Durch Dialoge und Schauspieler. Ein neues Format war geboren: „Stahlnetz“. Das war 1958, die Intro-Musik erkennt noch heute jeder.

Seine Hochphase aber waren die 70er-Jahre. Das war kein Zufall. Zu der Zeit war fast die ganze Bundesrepublik mit Fernsehern versorgt, was zu einer Art Goldgräberstimmung unter den Machern, den Öffentlich-Rechtlichen, sorgte. Und einen Mut entwickelte, den man heute sträflich vermisst. Damals hieß ein Fernsehfilm noch Fernsehspiel. Und verfügte nicht nur über weit mehr Budget. Kino und Theater, das mochte Kunst sein – die Fernsehmacher sahen sich mehr als Journalisten, die die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, der Gegenwart suchten. Und noch die Illusion hatten, etwas ändern zu können.

Mit Roland hatte Menge die erste deutsche Krimiserie miterfunden. Bei einem Experiment der ARD, das sich „Tatort“ nannte, hatte er sich anfangs tatkräftig beteiligt und den wohl eigenwilligsten Ermittler der Serie kreiert, keinen Kommissar, sondern einen Zollfahnder und Frauenheld obendrein. In „Die Dubrow-Krise“ hat er 1969, 20 Jahre vor Mauerfall, schon mal die deutsche Wiedervereinigung im Kleinen vorweggenommen, als ein kleines DDR-Dorf durch die Grenzbereinigung eines volkseigenen Bautrupps plötzlich im Westen liegt.

Allen Zynismus vorweggeahnt

Berühmt aber wurde Menge für seine Aufreger-Produktionen, bei denen er geschickt mit den Formaten spielte. In „Millionenspiel“ (1970) geißelte er schon prophetisch alle Auswüchse des Privatkommerzfernsehens, lange bevor es Einzug hielt. Für eine Million lässt sich da ein Kandidat eine Woche lang von drei Killern verfolgen – und das Fernsehen überträgt die Menschenhatz live als Show. Mit „Hitparaden“-Star Dieter Thomas Heck als schmierigem Showmaster. Dazwischen werden dauernd vulgäre, fiktive Spots eingeblendet – obwohl man Werbeblöcke damals noch gar nicht kannte.

Orson Welles hatte 1938 mit der Radiosendung „Krieg der Welten“ eine Massenpanik verursacht, weil die Leute allen Ernstes die aufgeregten Meldungen über eine Marsinvasion für bare Münze nahmen. Auch in den Siebzigern konnten viele nicht zwischen Sein und Schein unterscheiden. Noch Wochen nach der Ausstrahlung des „Millionenspiels“ trudelten zahllose Bewerbungen ein, nicht nur als Kandidat für die Million, sondern, zur Not, auch als Jäger. Hellseherisch nahm Menge (fast) allen Zynismus und Sensationstotalitarismus vorweg, der heute längst gang und gäbe ist. Ein Visionär.

Oder „Smog“ (1973). Zu einer Zeit, als die Deutschen noch nicht mal wussten, wie man das Wort Ökologie buchstabiert, wurde, nun ganz im Stil von Reportagesendungen, eine Umweltkatastrophe im Ruhrgebiet simuliert, mit Experten und Nachrichtensprechern. Und auch hier riefen reihenweise verstörte Zuschauer an, die sich nicht mehr auf die Straße trauten.

Menge hat hier mit neuen semi- und pseudodokumentarischen Formen experimentiert. Und erzürnte Reaktionen – stapelweise Protestbriefe, selbst Morddrohungen waren darunter – billigend in Kauf genommen. Aber über diese Sendungen wurde geredet. Sie waren, das gab es nur in Zeiten der drei Programme, Straßenfeger. Stadtgespräche. Menge wollte etwas bewegen in den Köpfen der Menschen. Und er konnte das wie kein anderer. Weil er die Kunst beherrschte, politische Inhalte (über Katastrophenszenarien und kommerzielles Fernsehen wurde damals heiß diskutiert) unterhaltend zum Thema zu machen. Dass „Millionenspiel“ von Tom Toelle und „Smog“ von einem gewissen Wolfgang Petersen gedreht wurde, das hat man in der Tat vergessen. Dass Menge sie geschrieben hat, indes nie.

Das Geld in den Gulli werfen

Noch einmal hat sich Menge in den Neunzigern weit hinausgelehnt. Mit „Motzki“. Einer Art Nachfolger von „Ein Herz und eine Seele“. Ein Wessi, der seine Ossi-Schwägerin bei sich putzen lässt. Und vor ihr über die „von drüben“ herzieht. Da fielen Sätze wie „Das Ostpack will doch nur an unser Geld“ oder: „Unser Geld können wir genauso gut in den Gulli werfen“. Menge sagte, er habe „Motzki“ nur gemacht, „weil alle so getan haben, als laufe die deutsche Vereinigung wie geschmiert. Das fand ich nun überhaupt nicht.“ Noch einmal provozierte er wie dazumal mit Ekel Alfred, noch einmal hielt er den Deutschen den Spiegel vor. Aber die Reaktionen verliefen diesmal ganz anders. Wütende Proteste kamen vor allem aus dem Westen: Wie könne man solch einen Graben ziehen? Die höheren Quoten gab es in den Beitrittsländern: weil dort die Motzkis aus dem Westen durchaus wiedererkannt wurden.

Darf man das? Die Frage stellte sich immer wieder bei Menges Produktionen. Und erübrigte sich von selbst. Ein halbes Jahrhundert hat der Mann das Fernsehen geprägt. Hat immer wieder Neues ausprobiert, neu provoziert. Dass nicht alles ankam, hat ihn eher angestachelt, weiterzumachen. Zu Recht bekam er dafür vor zehn Jahren den Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk. Das hat er damals noch nicht als beendet angesehen. Aber tatsächlich war seine große Zeit die des öffentlich-rechtlichen Monopols.

Längst ist sein „Millionenspiel“ von der Realität eingeholt worden. Kein Wunder, dass Menge zuletzt gern über sein altes Medium herzog. Er würde, das hat er in den letzten Jahren immer wieder mantraartig wiederholt, kaum noch die Glotze einschalten. Es liefe ja sowieso nur Werbung. Die Leute könnten keinen geraden Satz mehr sagen. Qualität gebe es erst weit nach Mitternacht, nie zur Primetime. Und das sei durchaus kein Problem der privaten Sender („Die müssen ja auf die Quote schielen“), sondern seiner alten Arbeitgeber, den Öffentlich-Rechtlichen. Da sprach natürlich auch ein wenig Verbitterung mit. Aber stets auch der aufklärerische Journalist, als der er sich immer verstanden hat. Mit Menge ist auch ein bisschen die gute alte starke Fernsehzeit gestorben. Und von der Hoffnung, dass das Programm besser werden könnte.