Berlin-Konzert

John Cale verzichtet auf Velvet-Underground-Nostalgie

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Peter E. Müller

Foto: rh / picture alliance / Photoshot

Ein gut aufgelegter John Cale spielt in Berlin neue Songs. Velvet-Underground-Klassiker kommen in der Playlist des 70-Jährigen nicht vor.

Es gibt wohl kaum einen anderen Avantgardemusiker, der sich so hemmungslos der Werkzeuge des Rock’n’Roll und des Pop bedient, wie John Cale. Der walisische Bratschist und Pianist, der am Londoner Musikkonservatorium studierte, der in Aaron Copland einen Mentor und in John Cage einen Partner fand, bevor er 1965 mit Lou Reed Velvet Underground gründete, ist im Konzert immer für eine Überraschung gut.

In die ausverkaufte Passionskirche am Kreuzberger Marheinekeplatz kam er am Dienstagabend mit seiner neuen, jungen Drei-Mann-Begleitband. Und gleich zur Begrüßung setzt es eine Warnung: „Schnallt Euch gut an“, sagt er. „Heute Abend hört ihr jede Menge neue Stücke.“

Zur Einstimmung erklingt allerdings „Captain Hook“, ein Klassiker vom 1979 erschienenen Live-Album „Sabotage“. Der graumähnige Cale steht in Jeans und rosa Jackett hinter seinem Kurzweil-Keyboard auf der Altarbühne und lässt Arpeggien im Stil von Philipp Glass perlen, während sich Gitarrist Dusty Boyer beim langen Intro in bester Progrock-Manier über die Saiten windet.

Bassist Joey Maramba und Schlagzeuger Alex Thomas legen einen konsequenten rockigen Groove darunter. Dann verlangsamt sich der Rhythmus. Und da ist sie, diese raue, sonore, über alles Leid erhabene Stimme. „I lost my memory today, the day my ship set sail“, singt Cale. „I am the captain of this life”.

Für immer mit VU verbunden

70 Jahre alt ist er in diesem Jahr geworden. 44 Jahre ist es inzwischen her, dass er Velvet Underground verlassen hat. Und doch ist Cales Name auf ewig an diese Band gekettet. Es schert ihn nicht. Er spielt keine Velvet-Stücke mehr. Anders als sein einstiger Kollege Lou Reed, mit dem ihn nach wie vor eine innige Abneigung verbindet.

Cale spielt selten seine alten Songs. In der Passionskirche ist es „Helen of Troy“ von 1975. Oder das wuchtige „Guts“ von 1977, das er gern mit dem schlichten Satz „This Song is in b-flat“ ankündigt. Doch im Wesentlichen konzentriert er sich auf das Material seine Mini-LP „Extra Playful“ von 2011 und die Songs seines neuen Albums „Shifty Adventures in Nookie Wood“, was man in etwa mit „Durchtriebene Abenteuer im Lustwald“ übersetzen könnte.

Hatte sich Cale auf seinem letzten kompletten Studioalbum „Black Acetate“ vor sieben Jahren noch experimentierfreudigen Balladen gewidmet, ist „Nookie Wood“ ein überraschendes Tanzalbum geworden, mit HipHop-Grooves und satten Funk-Beats, mit stimmverfremdendem Auto-Tune-Einsatz und mal wieder verdammt eingängigen Refrains. Einmal mehr ein polarisierendes, ein verstörendes Werk des vom „angry young man“ zum alten Grantler gereiften Komponisten, der ungeheueren Spaß hat, seine neuen Stücke mit seinen Musikern aufzuführen – auch wenn man es ihm nicht immer anmerkt.

Nahezu alle Songs seiner „Extra Playful“-EP spielt er, darunter das mit Dancefloor-Sound kokettierende „Bluetooth Swings“ und das bedrohliche, zappaeske, in verschlepptem HipHop-Trab daherkommende „Hey Ray“. „I Wanna Talk 2 U“ vom „Nookie Wood“-Album wird live zu einem polternden, treibenden Popsong und das brandneue Stück „Cry“ klingt wie eine rüde Verbeugung vor Sly & The Family Stone, wobei Cale über die feisten Funk-Riffs einen elegischen Gesang legt.

Es ist ein erfrischender Konzertabend, dem freilich eine gewisse Kühle anhaftet. Die konsequent auf tanzbare Rhythmen aufbauenden Stücke suggerieren einen zwanghaften Hang zu musikalischer Jugendlichkeit, den Cale eigentlich nicht nötig hat. Die Musiker indes sind getrieben von Spielfreude und der Sound in der Kirche ist ungewöhnlich gut. Man wundert sich nur ein wenig, wo beim schwer rockenden „The Hanging“, bei dem Cale auch Gitarre spielt, plötzlich die elektronisch verfremdete Solotrompete herkommt.

Das finster durchmarschierende „Nookie Wood“ steht am Ende dieser rund zwei Stunden mit einem der ganz Großen der Rockgeschichte, der sich noch für eine Zugabe zurückholen lässt. Hier gräbt er noch einmal tief in der Kiste und holt „Dirty Ass Rock’n’Roll“ von 1975 hervor. Der Titel sagt alles. Und bringt noch einmal Bewegung in die Kirche. Aber auf das große Alterswerk des John Cale wird man wohl noch eine Weile warten müssen.