Kinostart

In „Looper“ wird Bruce Willis ausgemustert

Wie lange kann man sich im Action-Fach halten? Der Thriller „Looper“ liest sich auch als ironische Analyse auf diese Frage.

Foto: © 2012 Concorde Filmverleih GmbH

Irgendwann müssen Action-Stars einfach mal abtreten. Roger Moore musste einst regelrecht gezwungen werden, seine Lizenz als Doppelnull abzugeben; zu peinlich wirkte es, wie der damals 58-Jährige in seinem letzten Bond „Im Angesicht des Todes“ sichtlich bemüht seine Kämpfe (und erst recht seine Sex-Affären) bewältigte.

Auch Sylvester Stallone macht in seinem aktuellen Film „Expendables 2“ eine eher traurige Figur: Der einstige Fleischpalast zeigt jetzt, mit 66 Jahren, doch deutlich welkes Fleisch. Nur wenige Vertreter dieses Fachs wissen offensichtlich, wann ihnen die Stunde geschlagen hat und wechseln ins Komödienfach (Arnold Schwarzenegger) oder in die Politik (dito). Dem Gros der Alt-Actioner traut offenbar keiner, Ähnliches zu empfehlen. Oder aber die sind einfach beratungsresistent.

Der neue Film mit Bruce Willis, der bereits am morgigen Mittwoch (3. Oktober 2012) in unsere Kinos kommt, bietet ein in dieser Hinsicht interessantes Anschauungsmaterial. Zwar wird „Looper“ noch als Bruce-Willis-Starvehikel verkauft und in Trailern beworben, die Hauptrolle aber spielt eindeutig ein Anderer, Jüngerer: Joseph Gordon-Levitt. Und der mimt den 30 Jahre jüngeren Willis. Alter Ego: Das ist ausnahmsweise einmal ganz wörtlich zu verstehen. Willis, 57 Jahre hat er auf dem Buckel, wird damit regelrecht ausgemustert.

Stirb in einer anderen Zeit

„Looper“ ist ein Science-fiction-Drama, das im Jahr 2044 angesiedelt ist und im Gegensatz zu anderen Genre-Vertretern dieses Futur einmal nicht mit bombastischen High-Tech-Bauten bebildert. Zugegeben, die Autos berühren den Boden nicht mehr, aber die Wirtschaft ist um so mehr am Boden, überall sehen wir verfallene Industrieanlagen, zu Slums verkommene Viertel, Armut und Gewalt auf den Straßen. Der „junge Joe“, wie er in der Besetzung getauft wird, also Joseph Gordon-Levitt, kann sich dennoch ein Luxusleben leisten. Er ist ein Auftragskiller. Das Geschäft ist freilich ein wenig komplizierter als heutzutage: In der Zukunft des Jahres 2070 sind Zeitreisen zwar möglich, aber verboten. Nur Verbrechersyndikate nutzen sie, um unliebsame Gegner zu eliminieren. Die werden mit einem Sack über dem Kopf und Silberbarren im Gepäck nach 2044 geschickt, wo der Looper sie niederschießt. Und die Barren einsteckt.

Fast eine Dreiviertelstunde sehen wir dem jungen Joe bei seinem schmutzigen Geschäft und seiner zynischen Lebeweise zu, bis endlich der alte, ergo Willis, auftritt. Und Sie ahnen es: Er ist das jüngste Opfer, das es zu liquidieren gilt, hat aber keinen Sack über dem Kopf, sondern schaut seinem Gegenüber, von dem er weiß, dass es sein jüngeres Selbst ist, direkt in die Augen. Der junge Joe zögert, der alte nutzt das, um abzuhauen. Beide werden sie damit zu Gejagten, auf der Flucht vor den Auftraggebern. Beide aber auch zu Jägern: Denn der alte Joe will jenen Obermafiosi, der in der Zukunft die Todesurteile ausspricht, in der Jetztzeit ausmerzen, wo er noch ein sechsjähriges Kind ist. Der junge Joe aber will ihn genau davon abhalten, um sich lieb Kind zu machen bei seinen Auftraggebern, und das (noch) unschuldige Kind beschützen.

Der Star als Selbstzitat

Machen wir selber eine Zeitreise. Nicht in die Zukunft, sondern in die andere Richtung. Bruce Willis ist schon einmal in die Vergangenheit gereist, in Terry Gilliams „12 Monkeys“. Auch damals wollte er die Zukunft ändern und begegnete sich selbst, aber nur ganz kurz und nur als Knirps. 1995 war das, Willis war damals 40 und auf dem Zenit seines Ruhms. Und noch mal elf Jahre früher reiste ein anderes Fleischpaket zurück, Arnold Schwarzenegger, um ebenfalls die Zukunft zu ändern, allerdings zum Schlechten. Dass die Mutter des Kindes in „Looper“ Sarah heißt, wie die Mutter in „Terminator“, ist da fast ein Offenbarungseid. Regisseur Rian Johnson erfindet das Genre nicht neu, er spielt nur mit den Versatzstücken, benennt aber, so ehrlich ist er schon, die Quellen. Und so fungiert denn auch Bruce Willis letztlich als Selbstzitat.

Was „Looper“ dann doch über die Masse ähnlicher Sci-fi-Streifen erhebt, ist der durchaus genialische Konflikt des Protagonisten, dem nicht nur zwei Seelen ach! in seiner Brust wohnen, sondern der sich hier selbst gegenübersteht - und sein anderes Ich, in der Logik des Films, aus dem Weg räumen muss, um selbst durchzukommen. Richtig spannend wird das aber erst, wenn wir das als Paraphrase über die Halbwertszeit von Actionern weiterdrehen. Joseph Gordon-Levitt sieht Bruce Willis nämlich, seien wir ehrlich, in keiner Weise ähnlich. Selbst ein kleines Grübchen, das beiden ins Gesicht geschminkt wird, kann darüber nicht hinwegtäuschen. Man hat sich einmal den Gefallen getan, nicht nach Ähnlichkeit, sondern nach dem Können der Schauspieler zu besetzen.

Duell zweier Generationen

Tatsächlich aber wird gerade versucht, Gordon-Levitt, diesen ewigen Geheimtipp aus Hollywood, der bislang eher für Dramen wie „Brick“ oder „50/50“ bekannt war und erst durch „Inception“ an der Seite von Leo DiCaprio das Ballern lernte, als neuen Action-Star zu etablieren. Im letzten Batman-Film „The Dark Knight Rises“ verkörperte er die Figur, die am Ende und für eine potenzielle Fortsetzung zu Robin wird, dem zweiten Helden der Comic-Saga. Und in zwei Wochen kommt schon sein nächster Adrenalin-Kick ins Kino: „Premium Rush“, in dem JG-L als Fahrradbote wegen einer hochbrenzligen Lieferung durch ganz New York gejagt wird. Auf zwei Rädern, versteht sich. In „Looper“ beweist Gordon-Levitt nicht nur, dass er selbst in einer Willis-Rolle bestehen kann. Er macht sich auch die Ticks und Manierismen von Willis zu eigen, um als dessen jüngere Version durchzugehen. Letztlich ist „Looper“ ein Duell zweier Action-Generationen. Die sich hier, als Quasi-Selbstgespräch, gegenseitig als „Alter Mann“ und „Bürschchen“ beleidigen. Bis der Jüngere, so viel sei verraten, den Älteren gänzlich vergessen macht.

Blicken wir noch mal zu Stallone und dessen „Expendables 2“. Der schart da nicht nur seine Konkurrenz von einst als Haudrauftruppe um sich, Bruce Willis inklusive, sondern auch einen der ganz jungen Sorte, Liam Hemsworth. Nicht zufällig aber ist der 22-Jährige der Erste, der auf der Strecke bleibt, während Stallone bis zum Ende durchhält. Kunststück: Er hat den Film ja selbst inszeniert. „Looper“ aber stammt vom selben Regisseur, der auch schon „Brick“ mit JG-L gedreht und ihm den Looper nun auf den Leib geschrieben hat. Dass der Jüngere die Fäden in der Hand behält und der Ältere das Nachsehen hat, scheint aber auch irgendwie realistischer.

Bruce Willis wird dem Genre gleichwohl erhalten bleiben. Der fünfte „Stirb langsam“-Film ist bereits fertiggestellt, und der zweite „R.E.D.“-Film, in dem Rentner zur Waffe greifen, wird gerade gedreht. Auch Stallone soll mit einem dritten „Expendables“-Film liebäugeln und stellt demnächst in „Bullet to the Head“ einmal mehr seinen testosterongesthählten Alt-Körper zur Schau. Dass Actioner erkennen, wann die Zeit gekommen ist, scheint wohl Zukunftsmusik zu bleiben.