Soul Diva

Joss Stone begeistert Fans barfuß in Berlin

Bei ihrem Konzert in Huxleys Neuer Welt begeistert das Berliner Publikum mit ihrem Soul

Foto: DAPD

Das Konzert beginnt mit einem erfrischenden Schlag ins Gesicht. Mit ein Weckruf, der die Trägheit des Wartens aus den Knochen rüttelt. Die Band arbeitet sich lautstark und exakt durch einen treibenden Funk-Beat. Wie zu einem Schlachtruf erhebt Joss Stone ihre Stimme. Die Sängerin stakst mit langbeinigen Schritten aus dem Bühnendunkel. „(For God’s Sake) Give More Power To The People“, ein Stück des 70er-Jahre-Soulquartetts The Chi-Lites, steht am Anfang einer Show, bei der die rund 1200 Besucher am Donnerstagabend im dicht gefüllten Huxleys-Saal sofort in Bewegung geraten.

Joss Stone singt bewegend von Liebesleid und Überlebenskampf. Sie legt sich mit ganzer Seele in die schwarzen Popsongs der 60er- und 70er-Jahre, die sie für sich reklamiert. Sie bebt am ganzen Körper, wenn sie ihre Stimme in höchste Höhen treibt, geschult am amerikanischen Blues, Soul und Rock. Wie beim leichtgängigen und Rarität gebliebenen „While You’re Out Looking For Sugar“ der Sixties-Girlgroup Honey Cone. Man will sich nun nicht schon wieder fragen: wo hat diese Frau bloß diese Stimme her? Das schoss einem nämlich schon durch den Kopf, als Joss Stone erstmals in Berlin auftrat, auch im Huxleys, Anfang der 2000er-Jahre. Da war sie gerade mal 16 oder 17 und warf sich in den Soul, als hätte sie bereits ein langes, entbehrungs- und erfahrungsreiches Leben hinter sich.

Mit 16 entstand das Debütalbum

Kein Wunder bei einem blonden Mädchen aus einem Dorf in der britischen Grafschaft Devon, das nicht mit Kinderliedern, sondern einem Best-of-Album von Aretha Franklin groß geworden ist. Mit 14 nahm sie beim BBC-Talentwettbewerb „Star For A Night“ teil und sang Donna Summers „On The Radio“. Schon zwei Jahre später entstand in New York ihr Debütalbum „Soul Sessions“. Es war ein Schnellschuss mit obskuren Soul-Coverversionen, der sich mehr als fünf Millionen Mal verkaufte. Dem hat sie nun ganz aktuell eine Fortsetzung folgen lassen. Das Album „The Soul Sessions Vol. 2“ ist das Herzstück ihrer neuen Tournee.

Barfuß, im bunten Sommerkleidchen und mit wallender Rauschgoldengel-Mähne steht die 25-Jährige im Rampenlicht und ist zwischen den Liedern ganz dieses englische Girlie, das sich ein Tässchen Tee einschenkt, herumalbert und in breitestem Britisch Dinge von sich gibt wie „’ave a giggle, ’ave a laugh.” Um sich gleich darauf wieder in die amerikanische Soul-Diva zu verwandeln, die sich einem Klassiker wie Womack & Womacks „Teardrops“ hingibt.

Joss Stone war die erste der neuen britischen Soul-Ladys, die in den 2000er-Jahren im Vereinigten Königreich erstarkten. Noch vor Amy Winehouse oder Duffy, Leona Lewis oder Adele war sie da. Doch geriet sie nie so stark in die Popularität steigernden Schlagzeilen wie ihre Kolleginnen. Sie suchte die Öffentlichkeit nur, wenn es um ihre Musik ging. Sie ist zu so etwas wie einem Insider-Tipp geworden, zu etwas, das man gern „musician‘s musician“ nennt, von der breiten Masse irgendwann hingenommen, von den Kollegen verehrt.

Immerhin hat die Vegetarierin und Tierschutz-Aktivistin in den vergangenen knapp zehn Jahren mehr als 11 Millionen Tonträger verkauft. Sie hat zwei Brit-Awards und einen Grammy im Regal. Und eine Liste von Duettpartnern, die sich wie das Who’s Who des Pop liest. Mit dem „Godfather of Soul“ James Brown persönlich stand sie gemeinsam auf der Bühne, mit Smokey Robinson, Rod Stewart, Jeff Beck, Robbie Williams oder LeAnn Rymes. Und sie gehört zu SuperHeavy, dem charmantesten Super-Group-Flop des vergangenen Jahres, an der Seite von Dave Stewart und Mick Jagger.

Dann bebt die Seele, dann kocht das Blut

Erst wenn sie die Musik spürt, wird Jocelyn Eve Stoker, so ihr richtiger Name, zu Joss Stone. Dann bebt die Seele, dann kocht das Blut. Dann bricht aus ihr dieser beseelt phrasierende Sopran heraus, der jeden Song veredelt. So auch „Fell In Love With A Girl“ von den White Stripes, das bei ihr zu „Fell In Love With A Boy“ wird und das Publikum zum gemeinsamen Refrain singen anstachelt. Eine gestandene Band hat sie hinter sich. Zwei Chorsängerinnen, ein kantiges Drei-Mann-Gebläse, blubbernde Hammond-Orgel, Gitarre, Bass, Schlagzeug. Versierte Routiniers, die rau und erdig den Funk- und Soulteppich auslegen.

Mit „First Taste of Hurt“, einem Song des New-Orleans-Musikers Willie Tee aus den frühen Siebzigern, geht der erfrischend altmodische Abend nach nur gut einer Stunde bereits dem Ende zu. Immerhin: zwei Zugaben noch, darunter „Right To be Wrong“, ein Stück aus dem Jahr 2004, das sie gemeinsam mit Desmond Child und Betty Wright geschrieben hat. Und mit dem sie klar macht, dass sie ihren Weg gehen wird und sich von niemandem dreinreden lässt. „Ich habe das Recht, falsch zu liegen“, heißt es da. „Aber meine Fehler werden mich stärker machen.“ Viele Fehler macht die Ausnahmesängerin freilich nicht. Sie lässt sich nicht vereinnahmen. Sie schielt nicht nach den neuesten Trends. Sie versucht sich und ihrer großen Liebe Soul treu zu sein. Joss Stone wird uns noch sehr lange erhalten bleiben.